-
1 Leserbrief
- → Inland
Gründlich verzockt
Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen verspekulieren sich um 1,1 Milliarden Euro mit risikoreichen Investments, die gesetzlich untersagt sind
Im Sommer wurde bekannt, dass zahlreiche gesetzliche Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen in hochriskante Fonds und Immobiliengeschäfte investiert und damit enorme Verluste eingefahren haben. Das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) beziffert die mögliche Schadenshöhe derzeit auf 1,1 Milliarden Euro – allein aus Deals von 23 bundesweit vertretenen Kassen. Tatsächlich kann noch einiges dazukommen.
Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) förderten zutage, dass die Einrichtungen, die bei Finanzanlagen strengen Vorgaben des Sozialgesetzbuches IV (SGB IV) unterliegen, niemals derart riskant hätten anlegen dürfen. Im nachhinein beriefen sich Vertreter der Krankenkassen auf Berater, die die Deals empfohlen hätten. So könnten sich allein die Investments von Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen in den hochriskanten und vor einiger Zeit in Schieflage geratenen »Verius-Fonds« auf mehr als 400 Millionen Euro belaufen. Die meisten der betroffenen Einrichtungen äußern sich nicht dazu.
Immerhin habe sich die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) eingehend mit ihrem eigenen Investment von 40 Millionen Euro in den Verius-Fonds befasst, berichtete am Donnerstag tagesschau.de. Die Nachforschungen ergaben eindeutig, dass die KVWL gegen die Auflagen des Sozialgesetzbuches verstoßen hat, erklärte der beauftragte Rechtsanwalt André Große Vorholt. Außerdem sollen die Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen millionenschwere Darlehen an windige Immobilienentwickler gegeben haben. So hätte die KVWL 30 Millionen Euro für ein Grundstück genehmigt, das lediglich eine Million wert gewesen sei.
Die Risiken des Verius-Fonds waren bekannt. Im offiziellen Verkaufsprospekt sei darauf hingewiesen worden, dass ein Investment »zum teilweisen oder vollständigen Verlust des eingezahlten Kapitals führen« könne, berichteten NDR, WDR und SZ Anfang August. Insgesamt seien 27 Risiken aufgelistet worden, von denen fünf als »gering«, 19 als »mittel« und drei als »hoch« eingestuft gewesen seien. Ein Finanzexperte urteilte, dass die Krankenkassen das Totalverlustrisiko nicht hätten ignorieren dürfen, zumal im Geschäftsbericht der Finanzfirma hinter dem Fonds auch Immobilienprojekte erwähnt worden seien, für die sehr hohe Zinsen fällig wurden: ein ganz klares Risikosignal und ein Ausschlusskriterium für solche Anlagen.
Grundsätzlich ist es Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen erlaubt, Betriebsmittel, Rücklagen und Verwaltungsvermögen am Kapitalmarkt anzulegen, allerdings möglichst konservativ und risikoarm, so »dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint«, hatte tagesschau.de mit Verweis auf das SGB IV Mitte Juli berichtet.
Wie es bei diesen klaren Vorgaben zu so vielen riskanten Investments kommen konnte, untersuchen nun Bundes- und Landesbehörden, heißt es in der am 4. September veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Dort findet sich auch die vorläufige Schadenshöhe von 1,1 Milliarden Euro, verteilt auf rund 900 Millionen Euro, die in Schuldscheindarlehen investiert wurden, und weitere 200 Millionen Euro in Inhaberschuldverschreibungen. Die Anlagen gelten laut Regierungsantwort als »leistungsgestört«, was übersetzt mindestens verfehlte Renditeerwartung bedeutet – oder eben Totalverlust.
Die Bundestagsabgeordnete der Bündnisgrünen, Paula Piechotta, hatte bei der Erarbeitung der kleinen Anfrage mitgewirkt und kritisierte nach deren Beantwortung die spekulativen Geschäfte. Besonders gravierend seien diese Verluste gerade jetzt, da die gesetzliche Krankenversicherung ohnehin Defizite aufweise, die noch erheblich größer seien als die Summe der Fehlspekulationen. Der Fall mache deutlich, dass es an ausreichenden Kontrollmechanismen und am finanzpolitischen Sachverstand bei etlichen der Kassen fehle, hieß es auf tagesschau.de.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
-
Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 11. Sept. 2026 um 06:08 UhrUnd wer zahlt es? Der Beitragszahler über höhere Zuzahlungen und Zusatzbeiträge. Der Selbstbedienungsladen Krankenkassen und ihre Vereinigungen gehören geschlossen. Als Alternative muss eine unter staatlicher Kontrolle und unter Kontrolle der Versicherten stehende Sozialversicherung her. Über 90 Krankenkassen, dazu die Pflegekassen, mehrere Rentenversicherungen usw. usf. fressen über ihre Verwaltungen einen Teil der Beiträge auf – und dann noch solche teuren »Spielereien«. Hier muss die Reform der KV ansetzen. Dann ist deutlich mehr Geld im Topf, das z.B. für die Finanzierung der Pflege eingesetzt werden kann. Und dann sind da noch die Beamten, die keinen Beitrag leisten, aber als »privat Versicherte« die Leistungen des Gesundheitswesens vorrangig nutzen können. Auch diese Menschen gehören als Beitragszahler dazu – bis hin zu den gut dotierten Politikern an der Spitze dieses »Sozialstaates«. Aber schon hier versagt der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes. Und er versagt bei der Bestrafung dieser Machenschaften – die Kleinen bestraft man, die großen Kassenvorstände lässt man (sicherlich) laufen …
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
