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Krise der Automobilindustrie

Volkswagen kündigt Tarifverträge

Sozialpartnerschaft zerrüttet: VW-Bosse drängen für Rendite auf weitere Verschlechterungen, IG Metall kündigt Arbeitskämpfe an

Foto: Julian Stratenschulte/dpa
»Als Maschine wird das Arbeitsmittel sofort zum Konkurrenten des Arbeiters selbst«, sagt Marx (VW-Stammwerk)

Als »Lösung« für die vor allem durch Managementfehler verursachte Absatzkrise in der deutschen Automobilindustrie wollen Vorstände und andere Bosse vor allem die Beschäftigten zum Verzicht zwingen. Beim Volkswagen-Konzern wurde das nun noch einmal überdeutlich.

Seit Monaten ist bei VW von kompletten Werksschließungen und massiver Arbeitsplatzvernichtung die Rede. Nun haben die Chefs des Großunternehmens mit Hauptsitz in Wolfsburg insgesamt zehn wichtige Tarifvertragswerke zum Jahresende gekündigt. Damit stehen Betriebsräte und die zuständige Gewerkschaft IG Metall unter Druck, innerhalb kürzester Zeit über alle wesentlichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten neu zu verhandeln und dabei das Schlimmste abzuwehren.

Die VW-Oberen wollen mit ihrem drastischen Vorgehen Arbeits- und Urlaubszeiten, Zulagen, Schutzregelungen für bestimmte Beschäftigtengruppen sowie die Übernahme von Auszubildenden umfassend schleifen. Das alles wurde am Mittwoch in einem tariflichen Überprüfungsgespräch, das nach dem Zukunftstarifvertrag bei VW vorgegeben ist, vom Management vorgetragen.

Die Kündigung der Tarifverträge am 30. September bedeute einen Angriff auf Leistungen, die über Jahrzehnte erkämpft wurden, stellte die Gewerkschaft in einer Mitteilung klar. Wirksam würden die Kündigungen bereits zum 1. Januar, wobei nicht jede Tarifregelung zu dem Zeitpunkt wegfalle, weil sie zum Teil über einen längeren Zeitraum nachwirkten.

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Zumindest die Beschäftigungssicherung gilt bis Ende 2030 und kann vor Ablauf dieser Frist nicht aufgekündigt werden. Doch in nahezu allen anderen Bereichen will das Unternehmen der Belegschaft so viel wie möglich zumuten. So sollen ihr weitere Entgeltbestandteile gekürzt werden, obwohl die Beschäftigten bereits mit dem Tarifabschluss von 2024 erheblichen Verzicht geleistet haben: Seit 2025 steuern sie auf diese Weise rund 1,5 Milliarden Euro jährlich für die Volkswagen-Sanierung bei. Das Geld soll in neue Automodelle und die Zukunftsfestigkeit der Standorte investiert werden.

Beim Überprüfungsgespräch forderten die Bosse nun weitere Beiträge der Belegschaft, da die 2024 vereinbarten Einsparungen nicht reichen würden. Die IG Metall wies diese Zumutung zurück und stellte klar, dass die Vereinbarungen des Tarifabschlusses unverändert gelten würden. Vertragstreue erwartet die Gewerkschaft insbesondere bei den vereinbarten Investitionen und der Zukunftssicherung der Standorte.

»Volkswagen versucht, die wirtschaftlichen Herausforderungen des Konzerns bei denen abzuladen, die das Unternehmen jeden Tag am Laufen halten«, kritisierte Thorsten Gröger, Verhandlungsführer auf seiten der IG Metall. Gewinne flössen weiterhin in die Taschen der Aktionäre, während »unternehmerische Kosten und Risiken nun auf die Belegschaft verlagert werden«. Gewerkschaft, Betriebsräte und Beschäftigte würden das nicht hinnehmen. Wer der Belegschaft so massiv ins Portemonnaie greife, »muss mit einer entsprechenden Auseinandersetzung rechnen«.

Das sieht die Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG, Daniela Cavallo, ganz ähnlich: Schon 2024 sei man mit dem Verzicht auf Entgelt »an die Grenze des Vermittelbaren gegangen. Das wird sich nicht wiederholen.« Sie gehe von heftigen Auseinandersetzungen zum Jahreswechsel aus. Der Vorstand dürfe sich mit seinen Vorschlägen keinesfalls durchsetzen, denn das würde für die Beschäftigten bereits ab Januar konkrete finanzielle Verluste bedeuten. Darüber hinaus habe das Management mit der Kündigung der Tarifverträge eine über Jahrzehnte entwickelte Praxis in Frage gestellt. In der Vergangenheit hätten Unternehmen, Gewerkschaft und Betriebsräte wirtschaftliche Veränderungen gemeinsam und verlässlich gestaltet. Das sei offenkundig nicht mehr gewollt.

»Jetzt die Tarifverträge zu kündigen läuft auf eine Aufkündigung der Sozialpartnerschaft hinaus«, erklärte am Donnerstag Luigi Pantisano, Vorsitzender der Partei Die Linke. Sein Parteikollege aus der Bundestagsfraktion, Cem Ince, stellte fest: »Wer Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten und Entlohnung verschlechtert, mag damit kurzfristig die Rendite der Aktionäre erhöhen, doch die Zukunft der Automobilindustrie sichert man so nicht.« Dafür wären statt dessen Investitionen, innovative Produkte und verlässliche Absprachen nötig. Ince ist Mitglied im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales. Er war selbst bei VW beschäftigt und ist überzeugt: »Nur mit dem entschlossenen Widerstand der Beschäftigten und dem nötigen politischen Druck lässt sich der Abstieg von Volkswagen verhindern.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 5, Inland

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