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Freitod

Foto: jW

Beim »Freitod« gibt es unterschiedlich verstandene Formen: In Frankreich als anklagender Selbstmord (France Telecom), in den USA als bewaffneter Amoklauf, in der ehemaligen Sowjetunion als inneres Verbrennen – durch Alkohol und in einigen vornehmlich muslimischen Ländern als Selbstmordattentat mit Sprengstoff. In letzteren gibt es anscheinend kaum »normale« Selbstmorde. Diese kommen in einem Ländervergleich am häufigsten in Litauen, Weißrussland und Russland vor. Ferner gibt es noch Unterschiede zwischen den Selbstmorden von Frauen und Männern: Hierzulande bevorzugen Männer die »harten Methoden« (Aufhängen, vor den Zug werfen z. B.) und Frauen die »weichen« (etwa mit Tabletten oder Gas).

Zu Zeiten des Kalten Krieges und der globalen Medialisierung gab es immer wieder »Selbstverbrennungen«, angefangen bei dem vietnamesischen Mönch Thích Quảng Đức – aus Protest gegen die Vietnampolitik der Amerikaner 1963 in Hué.

1968 verbrannte sich in Warschau der ehemalige Partisan der Heimatarmee Ryszard Siwiec – aus Protest gegen die antisemitische Kampagne der polnischen Kommunisten. Im Januar 1969 verbrannte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des »Prager Frühlings« der Student Jan Palach, im Februar tat es ihm als »Fackel Nr. 2« der Student Jan Zajíc nach.

Das Ende des Sozialismus im Osten veränderte den Charakter der Selbstverbrennung: Seitdem sind die meisten »privat« motiviert, gleichwohl sie möglicherweise ein (letzter) Protest sind.

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2003 verbrannte sich der Roma Lata Aradinovic in Syke, weil seine Familie abgeschoben werden sollte. Im selben Jahr verbrannten sich auch zwei tschechische Studenten. Kurz zuvor hatten sich bereits drei andere mit Benzin übergossen und angezündet. Damit hatten sich in den ersten vier Monaten des Jahres 2003 bereits so viele junge Tschechen verbrannt wie zwischen 1996 und 2002. Als Grund nehmen Psychologen »Unzufriedenheit mit den Zuständen in Tschechien« an. Bis heute hält die Selbstmordwelle indischer Kleinbauern an, etwa weil man ihnen das Baumwollsaatgut von Monsanto aufzwang und sie dadurch in den Ruin getrieben wurden.

Seit dem Massenselbstmord einer US-Sekte in Guayana (Jonestown) 1978 gab es auch eine steigende Zahl von religiös begründeten Selbsttötungen: 82 Sonnentempler in der Schweiz, 1.000 Anhänger einer Sekte in Uganda, acht Sektenmitglieder in Indien, sieben in Japan, fünf in China usw. Daneben mehren sich die Selbstverbrennungen von islamischen Radikalen: PKK-Anhänger nach der Verhaftung von Öcalan, Volksmujaheddin aus Protest gegen die Teheraner Regierung usw. Und dann die vielen islamistischen Selbstmordattentäter, die sich selbst und andere mit einer Autobombe in die Luft sprengen. Im Juli 2005 waren es an zwei Tagen allein im Irak 15. Die bürgerliche Wissenschaft im Westen reagierte darauf mit fast ebenso vielen »Psychogrammen der Täter«. Während CIA und Mossad diese »Welle« für sich nutzten, wie der Soziologe und Historiker Mike Davis in »Eine Geschichte der Autobombe« (2007) ausführte.

In Südkorea hat die Selbstverbrennung eine lange Tradition: Dort verbrannte sich 2002 ein Gewerkschaftsführer, nachdem sein Tarifabschluss mit Unternehmen der Stahlindustrie von den Arbeitern kritisiert worden war. Einer der bekanntesten koreanischen Schriftsteller, Ko Un, erzählte von der öffentlichen Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chon Tae Il im November 1970 in Seoul zur Zeit der Militärdiktatur unter Park Chung-hee. Chon hatte sich aus Protest gegen die Verhinderung eines Arbeitsgesetzes durch die Regierung selbst angezündet. Ko Un bezeichnete den Suizid als sein einschneidendstes Erlebnis, das ihn aufgeschreckt habe: »Ich sah auf mich selbst zurück, wer ich bin.« Danach habe eine Schaffensphase bei ihm eingesetzt, die vor allem durch ein politisch engagiertes, realistisches Schreiben gekennzeichnet sei.

Unerwähnt geblieben sind hier all die namenlosen Menschen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in äußerster Bedrängnis vor einem Gericht, auf einem Marktplatz, in einem Finanzamt selbst verbrannt haben. Zusammen bilden sie bereits eine große Fluchtbewegung – aus der Welt. Manchmal hinterlassen sie einen Brief, in dem sie versichern, dass sie nicht verrückt sind.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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