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Kleopatra

Foto: jW

Peter Sloterdijk sagt über die letzte Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches: »Die Phantasie, wonach Kleopatra sich von einer Giftschlange töten ließ, hat das Imaginäre des Westens immer wieder beschäftigt.« Kleopatras Leben und Sterben wurde mehrfach verfilmt, weltberühmt wurde der Hollywoodfilm »Cleopatra« (Joseph L. Mankiewicz/Rouben Mamoulian, 1963) mit Liz Taylor in der Titelrolle. Im ersten Band seiner »Denktagebücher« (2008–2011) trug Sloterdijk ein: »Liz Taylor gestorben«.

Sloterdijk denkt aber nicht weiter über die Schlange und Kleopatra nach, sondern kommt auf ihre Brüste zu sprechen, da diese »zum visuellen Patrimonium Alteuropas gehören«. Dabei scheint er an ein konkretes Bild gedacht zu haben – von den unzähligen, auf denen die Maler dieses Motiv gewählt haben: Kleopatra mit entblößten Brüsten auf dem Diwan und neben ihr eine meist etwas kümmerliche Kobra. »Man weiß nicht, ob sie an einem noch lebenden oder schon toten Körper zu sehen ist«, schreibt Sloterdijk. »Der tragische Akt öffnet das Blickfeld für den gebildeten Voyeur. Ihre Brüste blühen in todesnaher oder postmortaler Unerreichbarkeit.«

Kleopatra hatte sich aus Liebe zum römischen Feldherrn Marcus Antonius von der Kobra in die Brust beißen lassen. Kleopatra VII. war die bedeutendste unter den römischen Klientelherrschern des Orients. Und die Kobra war den Ägyptern heilig. Der Münchner Professor für Alte Geschichte Martin Zimmermann veröffentlichte 2018 ein Buch über »Die seltsamsten Orte der Antike«. Darin schreibt er über Kleopatras Selbstmord: »Eine agile Kobra hätte sich nicht einfach unter Feigen verbergen und wie (Kleopatras Biograph, jW) Plutarch berichtet, problemlos an den römischen Wachen vorbeischmuggeln lassen.« Zudem sei die Reaktion der Giftschlangen völlig unberechenbar. Zimmermann plädiert für eine »einfachere Lösung«: Vermutlich trank die Königin mit ihren Dienerinnen ein aus Pflanzen zubereitetes Gift. Möglich, aber kein Kleopatra-Maler hätte gerne auf Brüste und Schlange verzichtet. Demnach wäre Kleopatras Tod durch die Kobra ein Mythos oder ein Medienfake.

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Auf einem Gemälde von Sir Lawrence Alma-Tadema lässt Kleopatra, auch im »Asterix und Kleopatra«-Comic wird darauf angespielt, das Gift vorab an Sklaven testen. Ihr zu Füßen liegt ein Leopard. Der Grund ihres Selbstmords war auch, dass sie sich schuldig fühlte, vermuten Kleopatra-Experten, und Liz Taylor hat das auch sehr schön rübergebracht, wie man so sagt. Kleopatra hatte ihrem vor Octavians Truppen geflohenen Ehemann Marcus Antonius ausrichten lassen, dass sie Selbstmord begangen habe, woraufhin der sich in sein Schwert stürzte, was man ihr dann berichtet hatte.

Eine vergleichbar tragische Konstellation gab es bereits im Mythos von Orpheus und Eurydike, wie er von Vergil in dessen »Georgica« erzählt wird. Der Sohn von Apollon will die Nymphe Eurydike vergewaltigen, sie flüchtet, wird von einer Schlange gebissen und stirbt. Ihr Geliebter, der Sänger Orpheus, versucht daraufhin vergeblich, sie aus dem Hades zurückzuholen. Wenig später wird er Ovids »Metamorphosen« zufolge von Mänaden, den berauschten Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Man erfährt nicht, ob Eurydike durch einen Kobrabiss starb, bei Ovid ist lediglich von einer »serpentis« (»Schlange«) die Rede. Aber es gab damals noch Kobras in Griechenland.

Peter Sloterdijk schreibt über Kleopatra: »Seit sie mit den Attributen der Isis auftrat, um ihr 30. Lebensjahr, lebte sie jenseits von Unberührtheit und Defloration; mit jeder Orgie schien ihre Jungfräulichkeit sich zu vervollkommnen. (…) Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, wenn ein phantasievoller englischer Theosoph nach 1900 eine Seelenwanderung von Kleopatra zu Maria schilderte, der zufolge Jesus nicht nur unbefleckt empfangen, sondern auch mit einem ägyptischen Logos ausgestattet war.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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