Russophobie
Im September 1948 erklärte der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak nicht, dass die westliche Bündnispolitik auf der Angst vor den mörderischen Deutschen basiere. Nein, er sagte bei einer Generaldebatte der UN-Vollversammlung, an den russischen Außenminister gerichtet, vielmehr: Die Grundlage »unserer Politik« sei »die Angst vor Ihnen, Angst vor Ihrer Regierung, Angst vor Ihrer Politik«.
»Worte wie diese mussten den Deutschen wie ein halber Freispruch in den Ohren klingen (…). Es erlaubte ein Stück Hass von früher ins Heute mitzunehmen«, merkte dazu die Hamburger Schriftstellerin Gabriele von Arnim 1989 in ihrem Buch »Das große Schweigen« an. »›Lernt nur tüchtig Gedichte‹, hörte ein Junge in dieser Zeit in der Schule, ›solltet ihr auch mal in russische Gefangenschaft geraten, werden euch die Verse helfen‹. Das Feindbild als Zuflucht – das war ein zuverlässiger Hort (…). ›Als wir Nazis waren‹ – das sagte kaum einer. ›Die Russen kommen‹ – davor warnten viele«, schrieb von Arnim.
Und heute sind es noch viel mehr, die vor dem Iwan warnen. Schon allein, um die vom US-Präsidenten angeordnete Aufrüstung Deutschlands und der anderen NATO-Partnerländer gutzuheißen.
Im Februar berichtete der TV-Sender Euronews, dass, obwohl Washington seine Unterstützung für die Ukraine im vergangenen Jahr nahezu eingestellt habe, das Gesamtvolumen der Militärhilfen 2025 relativ stabil geblieben sei – »dank eines Kraftakts der europäischen Länder, allen voran Deutschlands«.
Die Ukrainer bekommen nicht nur deutsche Waffen, sie werden hier auch geschult: Dabei gehe es nicht nur um deren Bedienung, sondern auch um Taktik, damit Kiew eine größtmögliche Wirkung gegen den Gegner erzielen könne, heißt es bei bundeswehr.de. Dabei gilt jetzt dasselbe wie vor dem Rückzug der US-Amerikaner: Den westlichen Verbündeten ist es egal, wie viele Ukrainer sterben.
In der NATO habe man sich mit der Ukraine darüber verständigt, dass, wenn Russland ein hypothetisches Waffenstillstandsabkommen dauerhaft verletzen würde, »Kräfte einer ›Koalition der Willigen‹ zum Einsatz« kämen, »zu der neben Deutschland viele EU-Mitglieder, Großbritannien, Norwegen, Island und die Türkei gehören«, berichtete die Financial Times im Februar. Auch das US-Militär wäre dann wieder dabei.
Während all dieser Anstrengungen und Vereinbarungen nehmen der Revanchismus und der Russland-Hass zu: Das Mitglied der SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses Alexander Freier-Winterwerb möchte das Ehrenmal im Treptower Park umgestalten; die Grünen wollen etwas gegen das »Russische Haus für Wissenschaft und Kultur« in der Hauptstadt unternehmen.
Es gibt aber auch Bedenkenträger. Im Juni 2026 machte Der Spiegel mit dem Titel »Unser Krieg in Russland« auf. Bereits auf dem Umschlag hieß es: »Vor 85 Jahren überfiel Nazideutschland die Sowjetunion. Wie die Verbrechen in Familien und Politik nachwirken« – in Ost- und Westdeutschland allerdings unterschiedlich. Im Osten meinen 41 Prozent der Befragten, Deutschland solle die Ukraine weniger militärisch unterstützen, während im Westen nur 24 Prozent dieser Meinung sind. Und trotz des russischen Einmarschs in die Ukraine fühlen sich 25 Prozent der befragten Ostdeutschen Moskau kulturell näher als Washington, im Westen sind es da nur sieben Prozent. Der Spiegel vermutete mutig: »Das Feindbild des ›bösen Russen‹ wurde in Westdeutschland vielleicht nie ganz überwunden.« Ja – vielleicht, man steckt da ja nicht drin.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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