Kontrolle
Keine Arbeit finden wir überall! Aber dafür gibt es immer mehr zu kontrollieren. Im Opelwerk Eisenach etwa fingen sie plötzlich an, die Arbeiter beim Verlassen des Werks nach »mitgenommenem Opel-Eigentum« zu durchsuchen, also nach geklauten Teilen, Werkzeugen etc. Die Arbeiter nahmen es gelassen, sie sagten sich, das geschähe wegen der Polen, die in Eisenach für das neue Opelwerk geschult wurden. Was natürlich nicht stimmte.
In zwei anderen Betrieben wurde ein Experiment durchgeführt: In einem kontrollierte man die Beschäftigten, wenn sie das Gelände verließen, im anderen gab es weiterhin keine Kontrollen. Das Ergebnis überraschte: In der Firma, die ihre Mitarbeiter kontrollierte, wurde mehr geklaut als in der ohne Kontrollen.
Vielleicht war es für die ersteren »Ehrensache«, die Kontrolleure, auch Kontrollettis genannt (sie kamen aus einer »Sicherheitsfirma«), zu überlisten. Ich habe das im Bremer Überseehafen noch mitbekommen: Wenn dort Whisky entladen wurde, standen die Männer der internationalen Firma Controllco quasi Spalier – an der Luke, auf der Plattform vor dem Lagerschuppen und innen drin vor einem großen Drahtkäfig, in das die Paletten mit den Whiskyflaschen diebstahlsicher geschützt wurden, bis der Händler sie abholte. Zwischen der Schiffsluke und der Halle (»Schuppen 14«) hing die ebenso wertvolle wie begehrte Fracht am Haken des Krans. Für die Hafenarbeiter war es eine Ehrensache, sich trotz der nahezu lückenlosen Kontrolle mit Whisky einzudecken. Das gelang ihnen auch meist.
Anders als der Bremer Walter Momper, der einmal als junger Mann im Überseehafen vom Zoll mit geklauten Apfelsinen erwischt wurde – und lebenslängliches Hafenverbot bekam. Als Momper Westberliner Bürgermeister wurde, hob die Bremer Hafenverwaltung das Verbot offiziell auf, was die Frontstadtpresse anderntags süffisant meldete.
Eine Zeitung zitierte Lenin: »Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!« Was im Zusammenhang mit Momper aber wenig Sinn ergab, eher beim Kontrollexperiment der zwei oben erwähnten Firmen. Dort hatte sich jedoch das Gegenteil herausgestellt: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser!
Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Berlin BVG genannt, scheint das allerdings nicht zu gelten, denn die Angst der Fahrgäste, ohne Fahrschein von Kontrolleuren erwischt zu werden, treibt sie an die Fahrkartenautomaten, wo sie erst einmal ratlos davorstehen und nicht wissen, was sie für eine »einfache Fahrt« wo anklicken sollen. Also steigt man ohne Ticket ein und kontrolliert dann mit den Augen jeden, der einsteigt, ob er vielleicht ein Kontrolleur sein könnte. Und wenn es einer ist, ob man es schafft, noch rechtzeitig die U-Bahn zu verlassen, bevor der oder die Kontrolleure einen mit dem Satz »Die Fahrscheine, bitte!« ansprechen. Mich hat mein Anzug, den ich meist trage, mehrmals davor gerettet, weil ich darin zu seriös wirke, um als »Schwarzfahrer« in Betracht gezogen zu werden. Zweimal wurde ich aber doch erwischt: Einmal von einem Kontrolleurstrio türkischer Herkunft. Sie waren lustig, zahlen musste ich dann aber im BVG-Büro trotzdem. Beim zweiten Mal waren es freundliche BVG-Rentner, und im Büro dann reichte ich zähneknirschend dem Mann am Schalter einen Fünfziger und einen Zehner rüber. Den Fünfziger schob er mir sofort zurück, den Zehner behielt er ein, gab mir dafür aber drei Euro zurück. Ich musste also nur sieben Euro »erhöhtes Beförderungsentgelt« zahlen, was mich froh stimmte.
So ähnlich wie unsere Klub- oder Stadionjugend, wenn der Türsteherkontrolleur am Eingang sie durchlässt. In der Schlange vor der Einlass- und Personenkontrolle sind alle ganz nervös: Hoffentlich werde ich reingelassen.
Nervös wurde ich auch immer, wenn ich bei einem Bauern auf dem Hof arbeitete und der sich neben mich stellte, um genau zu kontrollieren, ob ich auch alles richtig machte – in seinem Sinne. Solche Kontrollfreaks gibt es auch im Privaten: Wenn ich z. B. bei einer Freundin koche und die mir dabei ständig auf die Finger schaut – und die ganze Zeit hinter mir her wischt, um ihre Küche sauberzuhalten.
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