Geschichte auf Grabsteinen
Von Thomas Berger
Bevor der »Entdecker« James Cook 1770 den australischen Kontinent für Großbritannien reklamierte, lebten dort bereits seit 60.000 Jahren die meist Aborigines genannten Indigenen. Schätzungen gehen von rund 750.000 Menschen aus, die rund 500 verschiedenen Volksgruppen angehörten. 18 Jahre später begann London, Inhaftierte der überfüllten Gefängnisse der britischen Insel unter Zwang auf den Kontinent auszuweisen. Flucht vor Armut und Goldrauschphantasien beflügelten Europäer, freiwillig nach »Down Under« auszuwandern. Die Siedlungskolonie war geboren, Aborigines starben aufgrund von Krankheiten oder bei gewaltsamen Zusammenstößen mit den Kolonialisten. Die Universität von Newcastle in Australien hat die Zahl von insgesamt 438 Massakern dokumentiert, in fast allen Fällen gegen Indigene mit mehr als 10.300 Opfern auf ihrer Seite.
Es ist aber nicht ihre Geschichte, die auf Friedhöfen wie dem West Terrace Cemetery in Adelaide erzählt wird: Die wichtigste lokale Begräbnisstätte der südaustralischen Metropole wurde kurz nach Stadtgründung eingerichtet. Bereits zu Beginn wurde das Gelände von Chefvermesser und Stadtplaner Colonel William Light genau für diesen Nutzungszweck in den Karten reserviert und 1837 formell als Friedhof der noch bescheidenen Siedlung eingeweiht. Etwa 500 Beisetzungen hatte es dort vorher schon gegeben, bis 1840 jede Beerdigung amtlich registriert wurde, so die Schätzungen von Experten. Rund 150.000 sollen es seither gewesen sein. Keine andere Begräbnisstätte in Australien hat eine ähnlich markante Tradition und Bedeutung.
Der seit 1989 unter Denkmalschutz stehende Zentralfriedhof Adelaides wartet nicht nur mit einer ganzen Reihe Grabsteine auf, die nach teils 150 Jahren oft noch immer gut erhalten sind. Aus Namen, Geburts- und Sterbedatum und zusätzlichen Vermerken lässt sich vieles herauslesen: Wer im 19. Jahrhundert nach Südaustralien kam, das später als der Ostteil des Landes besiedelt wurde, woher die Menschen stammten – und wie entbehrungsreich das Leben auf der von ihnen neu erschlossenen Landmasse für die Siedlerfamilien war. Wie allgegenwärtig damals der Tod war, darauf deutet nicht nur das junge Sterbealter vieler Erwachsener hin. Unfälle, aber vor allem auch Krankheiten, mangelnde Ernährungssicherheit und schlechte hygienische Zustände forderten ihren Tribut. Unzählige Kinder starben schon mit wenigen Monaten oder im Alter von zwei, drei Jahren, teilweise mehrere Geschwister in nur einer einzigen Familie.
Auf ein spezielles Kapitel – die Installation der ersten Telegraphenlinie, die ab 1872 Adelaide mit Darwin im als eigene südaustralische Kolonie erschlossenen Norden des Kontinents verband – verweist ein grabähnliches Denkmal, das an James Lorenzo Stapleton und John Frank erinnert. Der 40jährige Stationsmeister und sein Kollege wurden am 22. Februar 1874 beim sogenannten Vorfall von Barrow’s Creek von Aborigines mit Speeren angegriffen. Frank starb nahezu sofort, Stapleton erlag seinen Verletzungen am folgenden Tag. Die mündliche Überlieferung der indigenen Kaititj, die dort lebten, wird nicht erzählt. Dem Angriff auf die Siedler waren demnach nämlich, so hält es die Universität Newcastle im Rahmen ihres Projektes »Colonial Frontier Massacres in Australia, 1788–1930« fest, Monate der versuchten Vertreibung vorangegangen, bei der Frauen der Kaititj zur Telegraphenstation entführt wurden.
Es ist also eine Geschichtsschreibung nahezu komplett aus der Sicht der europäischen Neuaustralier, wie es für den gesamten Friedhof zutrifft. Immerhin aber zeigt sich die ganze Bandbreite derer, die sich in Adelaide ein besseres Leben als in der alten Heimat erhofften. Beigesetzt sind hier Überlebende der Großen Hungersnot in Irland ebenso wie andere, die in Australien insbesondere religiöse Freiheit suchten. Eine Besonderheit des West Terrace Cemetery ist deshalb, dass hier Angehörige sämtlicher vertretener Konfessionen auf einem gemeinsamen Friedhof beigesetzt wurden. Erst 1976, als das Areal komplett unter staatliche Verwaltung kam, endete die Hoheit der einzelnen religiösen Gemeinschaften über ihre jeweiligen »Segmente«. Bereits 1843, so ist es überliefert, wurde eine eigene jüdische Sektion eingerichtet. Zwei Jahre später folgte ein spezieller Abschnitt für die Katholiken. Heute stechen unter anderem die imposanten Familiengräber italienischer Abstammung heraus – ähnlich auffällig, weil entsprechend der Tradition unter anderem mit Porträtbildern der Verstorbenen geschmückt, sind die Grabstellen der griechischen Einwanderer und ihrer Nachfahren.
Neue Wege möglich
Zu den prägenden Persönlichkeiten in der frühen Geschichte Südaustraliens gehört zweifellos Christiane Susanne Augustine Zadow (1846–1896), die ebenfalls hier begraben liegt. Sie war zu einer Zeit, in der dieses Thema sonst überhaupt noch nicht auf der politisch-gesellschaftlichen Agenda stand, eine engagierte Vorkämpferin für die Rechte arbeitender Frauen – und wurde schließlich, wie auf ihrem Grabstein vermerkt ist, tatsächlich als erste Frau zur staatlichen Betriebsinspektorin ernannt. Dass auch sonst in der im 19. Jahrhundert fast ausschließlich männlich dominierten Gesellschaft zumindest einzelne Frauen Karriere machten, zeigte auch Matilda Jane Evans (1827–1886), die sich als erste Südaustralierin einen Namen als Schriftstellerin machte. 1852 ins Land gekommen, schrieb sie, während sie zur primären Sicherung des Lebensunterhaltes unterrichtete, neben Kurzgeschichten im Laufe ihres Lebens 14 Romane, die nicht nur in Australien Anklang fanden. Allein der erste, »Marian« von 1859, erzielte gleich 17 weitere Auflagen.
Ein männlicher Kollege der schreibenden Zunft, der den ersten überhaupt in Südaustralien verlegten Roman verfasste, war ihr Zeitgenosse George Samuel Isaacs (1825–1870), dessen Grab sich im besonders alten jüdischen Segment des Friedhofs findet. Während manche Grabsteine dort ausschließlich hebräische Schriftzeichen tragen, fällt auf einem mit doppelter Inschrift vor allem ein geradezu biblisches Alter auf – der 1875 gestorbene Samuel Moss Solomon schaffte es tatsächlich in einer Ära, da viele kaum halb so alt wurden, 100 Jahre und sechs Monate zu werden.
Ein kleines Stück weiter wurde die aus dem norddeutschen Elmshorn stammende Jüdin Rosetta Victorson beigesetzt. Und dass auch Angehörige der in Europa bald zunehmend angefeindeten Gemeinschaft im jungen Adelaide viel zur gesellschaftlichen Entwicklung beitrugen, zeigen ebenso die Beispiele Emanuel Solomon (1800–1873), der bereits 1840 mit dem Queens Theatre die erste Kulturstätte dieser Art in der Stadt eröffnete, und Vaiben Louis Solomon (1853–1908), der in jüngeren Jahren der Chefredakteur der Northern Territory Times und ein Mitgestalter der Entwicklung Darwins war, nach seiner Rückkehr nach Adelaide aber auch politische Karriere in den Reihen der südaustralischen Konservativen machte und 1899 sogar erster jüdischer Premier wurde – wenngleich nur für ganze sieben Tage. Die kurzlebigste Regierung der Regionalgeschichte.
Im Tod vereint
Zu weiteren Berühmtheiten, die auf dem Areal ihre letzte Ruhe gefunden haben, gehört Madeleine Parker alias Mira Dimina, die nur 24 Jahre alt wurde. Die Tänzerin war bei dessen Australien-Tournee 1936 ein Star des »Russischen Balletts« aus Monte Carlo, die noch in Adelaide gefeierte Auftritte hatte, einen Monat später aber im Krankenhaus ihre Diagnose Leukämie bekam und kurz darauf starb. Vor ihrem Eintritt in das Ensemble hatte sie, wie auf der Erinnerungstafel steht, schon in zwei Hollywood-Filmen mitgespielt. Ganz lokal verankert und wichtig für das gesundheitliche Wohlergehen der Bevölkerung war wiederum Francis Hardey Faulding (1816–1868), der 1845, also weniger als ein Jahrzehnt nach Stadtgründung, in der Rundle Street die erste Apotheke eröffnete. Wichtig waren alsbald vor allem selbst hergestellte Produkte wie insbesondere Solyptol, ein antiseptisches Präparat auf Basis von Eukalyptusöl, das er entwickelte und nachfolgend im großen Stil vertrieb. Seine Nachfahren im Betrieb waren 1944 übrigens auch die ersten Pharmazeuten, die australienweit Penicillin herstellten.
Captain Lipson, von dem als Sonderfall nicht einmal ein Vorname überliefert ist, hat dennoch als erster Marineoffizier und Hafenmeister der jungen Kolonie seinen speziellen Platz in der lokalen Geschichtsschreibung. Gewissermaßen zu sehr verspäteter Bekanntheit hat es James Bell (1817–1839) gebracht – und zwar durch sein Tagebuch, das 2010 unverhofft auf einem Londoner Straßenmarkt auftauchte und sich nun im Besitz der südaustralischen Staatsbibliothek befindet. Die Niederschrift ist ein kleiner historischer Schatz – denn der 21jährige, der nur ein Jahr nach seiner Ankunft in Adelaide an einer Hirnentzündung starb, hat bei der Überfahrt Notizen über die Zustände an Bord gemacht. Kapitän, Crew und Passagiere waren oft betrunken und wechselseitig im Streit. Dass das Schiff überhaupt heil sein Ziel erreichte, sei laut Bells Aufzeichnungen ein kleines Wunder gewesen, da selbst Wachen im Rausch nicht selten einschliefen – lebensgefährlich bei Stürmen auf offener See und Untiefen in Küstennähe.
Traditionsgemäß noch mit einem Bild der Verstorbenen sind zusätzlich die Grabsteine der griechischen Familien ausgestattet, die es ebenfalls als größere Gruppe nationaler Herkunft neben Briten, Iren (manche als Überlebende der großen Hungersnot ausgewandert) und manchen Gräbern mit deutscher Inschrift gibt. Auch die üppig gestalteten katholischen italienischen Gräber ganzer Großfamilien sind keineswegs zu übersehen. Dabei lohnt ein Blick auf ein kleines, aber besonders interessantes Friedhofssegment: Teil dieses großflächigen »Geschichtsbuches« ist auch die kleine afghanische Sektion. Menschen aus dem zentralasiatischen Land kamen während des Goldrausches als Kameltreiber nach Australien, auch beim jungen Gool Mahomet, damals 32, fing es 1897 so an.
Doch derweil die meisten anderen sich mit einem Platz am Rande der stark rassistisch geprägten Gesellschaft begnügen mussten, schaffte es der Mann, der sich zunächst ein paar eigene Tiere zu kaufen schaffte und kontinuierlich den persönlichen Reichtum mehrte, auch sozial aufzusteigen. Seine Hochzeit 1907 mit Adrienne Lesire in der Moschee der Goldgräberstadt Coolgardie sorgte zwar noch für einige abfällige Bemerkungen über eine solche »gemischte Ehe« zweier Menschen, die nach damaliger Ansicht gar nicht zusammengehörten. Als der Geschäftsmann und Philanthrop später unter anderem mit einer Spende zu einem Krankenhausbau beitrug, galt er aber schon als ehrenwertes Mitglied der lokalen Gemeinschaft. Im Alter von 85 Jahren verstarb Gool Mahomet in Adelaide, wo er sich gerade auf seine Hadsch, die islamische Pilgerreise nach Mekka, vorbereitete.
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