Zum Inhalt der Seite
Wochenendgespräch
Wissenschaftsverantwortung

»Sein Ziel war die Herausbildung eines neuen Typs von Ingenieur«

Über den Chemiker Hans Heinrich Franck, die TU und den Kalten Krieg. Ein Gespräch mit Gerd Kley

Foto: Edition Ost
Hans Heinrich Franck (1957)

Es heißt zwar, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, doch manchmal liegt er doch ziemlich daneben.

Das kommt auf die Krone des Baums an.

Touché. Sie wissen, worauf ich anspiele?

Nein.

Eine der Enkelinnen von Hans Heinrich Franck – nach dem Krieg Mitbegründer der Technischen Universität (TU) Berlin, von der er 1950 gefeuert wurde, worauf er mit Familie in den Ostteil der Stadt übersiedelte – warf ihrem verstorbenen Großvater vor, dass sie seinetwegen in Pankow habe aufwachsen müssen und nicht in Charlottenburg.

Ach so. Ja, das hat mir schon zu denken gegeben, als sie mir das sagte. Dabei hatte sie doch allen Grund, auf ihren Großvater stolz zu sein. Das war ein auch international anerkannter Chemiker, ein geradliniger Charakter, der aus der Geschichte die richtigen Schlüsse gezogen hatte.

Welche zum Beispiel?

Die Weimarer Zeit brachte den erfolgreichen »Industrieprofessor« hervor, der ausschließlich auf nützliche technische Ergebnisse fixiert war; und bei den Nazis wurden die meisten angeblich apolitischen Professoren Träger der Kriegswirtschaft. Sie ließen sich leicht aus opportunistischen Gründen in den Dienst des verbrecherischen Naziregimes stellen. Davon wollte er weg.

Also den »Industrieprofessor« habe ich auch später kennengelernt. In Gummersbach traf ich Gerhard Kienbaum, der als Marinebaumeister mit der Segmentbauweise den U-Boot-Bau revolutionierte. Nun brauchte man nur noch ein Drittel der Zeit, um eine solche Röhre fertigzustellen. Ich fragte Kienbaum, damals, in den neunziger Jahren, ob er kein schlechtes Gewissen habe: Von den 40.000 deutschen U-Boot-Fahrern hatte nur jeder Vierte den Krieg überlebt, nicht zu reden von den vielen Ertrunkenen, die auf den Schiffen unterwegs gewesen waren, welche sie mit ihren Torpedos auf den Grund der Meere geschickt hatten. Es hätte weniger Tote gegeben, wenn weniger U-Boote gebaut worden wären. Kienbaum schaute mich daraufhin verständnislos an. »Mein Herr«, sagte er, »die Segmentbauweise war doch eine ingenieurtechnische Meisterleistung.« Damit meinte er: Mit dem Krieg habe das nichts zu tun gehabt.

Genau dieses Problem hatte Franck vor Augen und wollte es mit Aufklärung und Erziehung überwinden. Als er im Ersten Weltkrieg – im Auftrag des Kriegsministeriums – künstliche Speisefette und Schmierstoffe entwickelte, forschte sein Chemikerkollege Fritz Haber zu Phosgen und Chlorgas. Das Giftgas wurde als Massenvernichtungswaffe eingesetzt. Habers Frau, Clara Immerwahr, war Deutschlands erste promovierte Chemikerin. Sie erschoss sich neun Tage nach dem ersten Giftgaseinsatz am 22. April 1915 mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Sie empfand die Verwendung von Giftgas, von ihrem Mann verantwortet, als Perversion der Wissenschaft und wählte den Freitod.

Ich sehe ihren Suizid auch als einen Protest. Bekanntlich war Haber, der dem ersten Giftgaseinsatz bei Ypern beigewohnt hatte, danach zum Hauptmann befördert worden. Seine Frau lehnte eine Feier als obszön ab, sie fand aber am 1. Mai 1915 dennoch in ihrer Villa in Dahlem statt. Clara Haber verurteilte eine chemische Kriegführung und beantwortete die Frage nach der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers oder Ingenieurs auf sehr konsequente Weise.

Hans Heinrich Franck tat dies auch. Er gehörte darum zu den unbelasteten Wissenschaftlern und Hochschullehrern, die im Juni 1945 vom Berliner Magistrat und von den Besatzungsmächten in den sogenannten Achterausschuss berufen worden waren, der die zerstörten Hochschulen und Universitäten der Stadt wieder betriebsfähig machen sollte. Neben der Entnazifizierung des Lehrkörpers wollte Franck, dass auch ein »neuer Geist eines wahrhaft fortschrittlichen Humanismus und kämpferischer Demokratie« in die Schulen einziehen müsse. Dazu entwickelte er eine Konzeption zur Einführung eines »humanistischen Studiums« an der TU. Das war eine Kampfansage an das vermeintlich unpolitische Spezialistentum. Den Studierenden sollte durch die Vermittlung etwa ökonomischer Zusammenhänge bewusst gemacht werden, welche Folgen ihre wissenschaftlich-technische Arbeit für die Gesellschaft hat. Ziel war die Herausbildung eines neuen Typs von Ingenieur, der »der Humanitas verpflichtet« ist. 

Aus Ihrer jetzt erschienenen Franck-Biographie habe ich erfahren, dass dieses »humanistische Studium« 1950 der neuen Humanistischen Fakultät angegliedert wurde, und diese stand unter der Leitung von Professor Hermann Muckermann.

Ja, eine außerordentlich vorbelastete Person. Von 1927 bis 1933 hatte er die »Rassenhygienische Forschungsstelle« am Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie geleitet, von 1933 bis 1945 war er Chef der bischöflichen Forschungsstelle für die Gestaltung von Ehe und Familie. 1934 warnte er in seinem »Grundriss der Rassenkunde« vor Ehen mit »Fremdrassigen«: »Man berufe sich nicht auf die Taufe, die aus einem Juden einen Christen macht. Die Taufe (…) ändert niemals sein Erbgefüge.«

Anzeige

Demzufolge wurde unter Muckermanns Führung das »humanistische Studium«, ich formuliere diplomatisch, sehr stiefmütterlich behandelt. Folgerichtig wurde es im Juli 1968 klammheimlich an der TU Berlin abgeschafft.

Die verständliche Distanz zu den wiederkehrenden Muckermännern war doch aber nicht Grund für Francks Rauswurf an der TU 1950?

Natürlich nicht, er ging doch nicht freiwillig, auch wenn dies zum 70. Jahrestag der TU-Gründung insinuiert wurde. Francks Anwesenheit an der Universität konnte man nicht ganz verschweigen, er war schließlich einer der Gründerväter. Aber es hieß nur: »Hans Heinrich Franck, der erste Prorektor nach Gründung der TU Berlin, hatte neben seiner TU-Professur auch einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität inne und war Mitglied der SED. Im Jahre 1950 vom Magistrat vor die Wahl gestellt, sich entweder für die Ost- oder die Westberliner Universität zu entscheiden, kehrte er der TU Berlin den Rücken.«

Das hieß also: Franck selbst habe sich gegen die TU entschieden. So machte man aus dem politischen Opfer einen Täter.

Hatte man ihn also wegen der SED-Mitgliedschaft gefeuert?

Das war wohl nur ein Punkt im vermeintlichen Sündenregister. Franck war ein linker bürgerlicher Intellektueller. Im Ersten Weltkrieg hatte er sich der SPD angeschlossen, zwei seiner Kinder waren vor 1933 bei den Jungkommunisten. Und dass er 1946 der antifaschistischen SED beitrat, entsprach seiner politischen Überzeugung, wie er eben auch sich der demokratischen Erneuerung ganz Deutschlands verschrieben hatte. Er war aktiv im Kulturbund, den er später in der Volkskammer vertrat, er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Präsident der Kammer der Technik. Franck beriet die Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) in der Ostzone und leitete 1945/47 im Auftrag der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) das Stickstoffwerk in Piesteritz bei Wittenberg. Er war ungemein umtriebig und engagiert, weshalb er nach einer Medienkampagne – von Tagesspiegel bis Telegraf – fast zeitgleich mit Professor Robert Havemann aus Westberliner Diensten entlassen wurde.

Foto: privat 1 int.jpg
Gerd Kley

Ich fand schon bemerkenswert, dass ein offensichtlicher Altnazi – der Wirtschaftswissenschaftler Gert von Eynern – im Telegraf am 9. April 1950 Franck als einen der wichtigsten Funktionäre der Sowjetzone bezeichnete. In Wahrheit, so von Eynern, sei Franck ein Todfeind der freien Demokratie, der nicht zum Erzieher der deutschen Jugend tauge. Was für eine verlogene Demagogie!

Franck war nachweislich Opfer einer Diffamierungskampagne, die nicht zuletzt von den Medien befeuert wurde. Seine Klage vor dem Arbeitsgericht wegen seiner Entlassung und auf Zahlung eines Übergangsgeldes wurde mit der Begründung abgelehnt, er sei nicht durchgehend an der TH/TU Berlin angestellt gewesen – was zutraf, weil Franck 1937 wegen »jüdischer Versippung« und der Weigerung, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, entlassen worden war. So wurde Franck also erneut mit Naziunrecht belegt.

Die Nazis waren ja auch wieder da.

Das stimmt. Nach Francks Entlassung erhielt zum Beispiel Erich Lübbert die Ehrendoktorwürde der TU. Zwischen beiden Vorgängen bestand insofern ein kausaler Zusammenhang, als unter einem Ordinarius Franck eine solche Ehrung nicht erfolgt wäre. Lübbert, Generaldirektor der Aktiengesellschaft für Verkehrswesen und Vorstandsmitglied des Baukonzerns Dyckerhoff & Widmann AG, war ein hoher Wirtschaftsfunktionär der NSDAP gewesen, der seine ersten Sporen als Berater der deutschen Kolonialverwaltung in Südwestafrika und im Diamantengeschäft erworben hatte. Lübbert gehörte zu den zwanzig Unterzeichnern der am 19. November 1932 von Hjalmar Schacht initiierten »Industrielleneingabe«. Darin wurde der Reichspräsident aufgefordert, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und deren Führer mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Dem entsprach bekanntlich Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, berief Lübbert im Oktober 1933 in den Verwaltungsrat des Werberats der deutschen Wirtschaft.

Lübbert, Steigbügelhalter Hitlers und der Nazidiktatur, wurde die Ehrendoktorwürde der TU verliehen, und er war nicht der einzige Altnazi, dem solche Ehre zuteil wurde.

Richtig. Franck hatte sich gegen die restaurative Entwicklung viele Jahre an der TU gestemmt. Nun war er weg und der Weg frei, selbst für verurteilte Kriegsverbrecher wie den Krupp-Generalbevollmächtigten Edouard Houdremont: Er wurde 1952 Ehrendoktor der TU, und der ebenfalls als Kriegsverbrecher verurteilte Friedrich Flick wurde 1953 Ehrensenator. Der SS-Mann und Direktor des Institutes für Organische Chemie der TH, Professor Franz Bachér, der 1937 wesentlich die Entlassung Francks betrieben hatte, wurde 1950 rehabilitiert und wieder an der TU Berlin eingestellt. Der »radikale Parteigenosse« und Professor für Technische Mechanik und Luftfahrt der TH, Emil Everding, wurde 1945 fristlos entlassen, jedoch nach 1950 wieder als Ordinarius für das Gebiet Flugmechanik eingestellt. 1959 wurde er sogar Ehrensenator der TU. Der erwähnte katholische Theologe und Philologe Hermann Muckermann – einer der führenden Köpfe in der »Rassenhygiene« und der Eugenikforschung in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Verfasser der Schrift »Grundriss der Rassenkunde« – erhielt an der TU einen Lehrauftrag und wurde ordentlicher Professor für Sozialethik. 1952 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 1957 die Berufung als Ehrensenator der TU Berlin.

Am 2. Juni 1946 erfolgte in der sowjetisch besetzten Zone die Gründung einer Ingenieurorganisation unter dem Namen Kammer der Technik (KdT). Sie sollte den wegen seiner faschistischen Belastung verbotenen Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ersetzen. Franck war schon im Mai 1933 aus dem VDI wegen dessen Rechtsdralls ausgetreten. Im März 1949 wurde Professor Franck zum Präsidenten der Kammer gewählt. Er übte dieses Amt zehn Jahre aus. Was waren seine Motive?

In einer Rede auf dem KdT-Kongress am 3. August 1948 hatte Franck Ziele und Aufgaben formuliert: Förderung der Gemeinschaftsarbeit zwischen Forschung, Industrie und Landwirtschaft; Steigerung der Produktivität in der Industrie der Ostzone; Gewinnung der früheren Mitläufer der technischen Intelligenz für den neuen Weg; Förderung des Wettbewerbs auf allen technischen Ebenen; Heranbildung einer neuen technischen Intelligenz aus den Reihen der Jugend und der Aktivisten, insbesondere aus der Arbeiter- und Bauernschaft; Maßnahmen der Nachwuchsplanung in Verbindung mit den Einrichtungen der Volksbildung; Förderung der Qualifizierung von Arbeitern, Technikern und Ingenieuren; Weckung des Interesses bei Frauen für technische Berufe; Mitwirkung bei der Auswertung und Verbreitung technischer Literatur auch aus anderen Ländern, insbesondere aus der UdSSR; Mitarbeit an der Entwicklung der Normung, Typisierung und der Gütevorschriften in Verbindung mit dem Deutschen Amt für Maß und Gewicht (DAMG – nach 1961 ASMW).

Am Ende seiner Rede stellte Franck einen Plan vor, welche Produktionsziele in den wichtigsten Sektoren der Industrie in Ostdeutschland erreicht werden sollten. Und auch: Es sollten Gemeinsamkeiten mit der technischen Intelligenz in den Westzonen gesucht werden. Diese orientierenden Vorgaben der KdT blieben gültig bis zum Ende der DDR. Später kamen noch Themen des Umweltschutzes hinzu.

Das heißt, er wollte sich nicht den Spaltungstendenzen unterwerfen und trotz des Kalten Krieges nicht die Verbindung zu den Kollegen in den Westzonen abreißen lassen?

So ist es. Er lehnte die von den Westmächten ausgehenden Bestrebungen einer politischen Teilung Deutschlands ab. Allerdings können wir das Wirken von Franck an der Spitze der Ingenieurorganisation nicht rekonstruieren. Die Archivmaterialien der KdT wurden nach der Auflösung 1990 nicht gesichert. Ein Teil wurde vernichtet, einige Mitarbeiter retteten Unterlagen, indem sie diese mit nach Hause nahmen. Daher ist es inzwischen kaum noch möglich, sich ein geschlossenes, historisch gesichertes Bild über die KdT zu machen. Bei der Auflösung der Gesellschaft zählte sie etwa 800 Mitglieder. Sie war zwar selbständig, aber der Akademie der Wissenschaften zugeordnet.

Franck hat auf vielen Tagungen der Kammer der Technik, des Deutschen Normenausschusses (DNA) und des Kulturbundes immer für den Zusammenhalt der Wissenschaftler und Ingenieure aus Ost- und Westdeutschland plädiert. In einem Beitrag in der Zeitung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, der Nationalzeitung, forderte er 1954 »Deutschlands Techniker Seite an Seite«. »Wir Techniker sind – wie alle von der Wissenschaft geschulten Menschen – daran gewöhnt, die Leistungen der anderen mit gleichen Maßstäben zu messen wie unsere eigenen. So ist es verständlich, dass der Zusammenhalt zwischen den Technikern der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik nie aufgehört hat, als einigendes Band zu wirken.« Und Franck stellte in der DDR-Zeitung die rhetorische Frage an die Kollegen: »Was kannst du, was willst du für die Einheit tun? Wie stellst du dir die Gemeinsamkeit Deutschlands in bezug auf Industrie, Landwirtschaft, Verwaltung, Kunst, Literatur und vor allem Technik vor? Wie wollen wir unsere gemeinsamen Kräfte einsetzen? Wir Techniker wissen voneinander, dass wir in unserem Beruf verantwortlich und aufbauend arbeiten. Sollten wir nicht miteinander den Weg finden, in einem friedlichen, einheitlichen Lande vor der Welt diese Eigenschaften zu beweisen?«

War das nicht ein wenig naiv? 1954 war im Westen die Restaurierung der alten gesellschaftlichen Verhältnisse im Gange, deren Opfer Franck selbst geworden war. Die Wiederbewaffnung lief, die Westintegration ebenso. Der Zug war abgefahren.

Ich glaube nicht, dass Franck naiv war, im Gegenteil: Er wollte alle sich noch bietenden Chancen nutzen. Bis in die sechziger Jahre hinein forderte die DDR-Führung »Deutsche an einen Tisch«.

Ich darf daran erinnern: Die Volkskammer, deren gewähltes Mitglied Franck war, nannte sich geraume Zeit »provisorisch«. Und in der Nationalhymne von 1949 wurde bis Anfang der 1970er Jahre noch immer in der ersten Strophe gesungen: »Auferstanden aus Ruinen / und der Zukunft zugewandt, / lass uns dir zum Guten dienen, / Deutschland, einig Vaterland.«

Franck starb ein Vierteljahr nach dem sogenannten Mauerbau. Gab es überlieferte Äußerungen von ihm dazu? – Sie kennen vermutlich jeden Schnipsel Papier, auf dem sein Name stand.

Nein, ich habe dazu nichts gefunden, wohl aber Belege, dass er sich auch mit der DDR-Führung anlegte, wenn diese erkennbar falsche Entscheidungen traf. Diese kritische Haltung teilte er auch mit seinen Schülern. Einer seiner »Lieblingsschüler« war der Chemiker Wolfgang Schirmer (1920–2005, jW), der mit der Familie Franck auch freundschaftlich verbunden war. Schirmer übernahm als Mittzwanziger in der Nachfolge Francks die Leitung der Stickstoffwerke Piesteritz. Am 1. Januar 1954 wurde er der erste deutsche Generaldirektor des Leunawerkes, mit 30.000 Mitarbeitern der größte Chemiebetrieb der DDR. Bis dahin war es ein SAG-Betrieb unter einem sowjetischen Generaldirektor. An der Humboldt-Universität Berlin übernahm Schirmer 1963 den Lehrstuhl für Chemische Technologie, den bis 1958/59 Franck innehatte. Schirmer legte sich mit der DDR-Führung an, weil diese die Chemieindustrie vollkommen auf Rohstoffe aus der Sowjetunion umstellen wollte, insbesondere auf Erdöl, das über die Pipeline »Freundschaft« nach Schwedt fließen sollte. Die Chemieindustrie Ostdeutschlands und später der DDR war jedoch hinsichtlich der Carbochemie seit Jahrzehnten auf Braunkohle ausgerichtet und dabei auf vielen Gebieten auch führend. Kombinatsdirektor Schirmer bestand darauf, die Anlagen der Kohlechemie nicht wie gefordert abzureißen, sondern sie als ein Standbein zu erhalten. Da er seine Haltung dazu nicht änderte, wurde er an die Akademie versetzt, also abgeschoben. Das hätte Franck, hätte er noch gelebt, vermutlich zu verhindern gewusst. 1964 wurde Schirmer Direktor des Institutes für Physikalische Chemie, das seit der Akademiereform 1972 Zentralinstitut für Physikalische Chemie (ZIPC) hieß. Schirmer betreute neben seiner wissenschaftlichen Arbeit zur Stofftrennung in der Carbochemie viele Doktoranden.

Wie ich las, hieß eine Angela Merkel.

Ja, sie könnte gewiss bestätigen, dass ihr Doktorvater auch bei heiklen politischen Fragen ein kritischer und konstruktiver Gesprächspartner war. Und darin glich er seinem älteren Freund Hans Heinrich Franck wohl aufs Haar.

Gerd Kley, geboren 1943, nach Schulbesuch in Mühlhausen und Physikstudium in Jena wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), von 1980 bis 1991 Leiter der Abteilung Hochtemperaturwerkstoffe am Zentralinstitut für Anorganische Chemie (ZIAC) der AdW. Nach Zerschlagung der AdW von 1992 bis zur Berentung 2008 Tätigkeit an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM).


→ Gerd Kley: Brückenbauer im Kalten Krieg. Die Biografie des Chemikers und Wissenschaftsorganisators Hans Heinrich Franck. Edition Ost, 192 Seiten, 20 Euro

Zur Person: Gerd Kley

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 1, Wochenendgespräch

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

+++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! +++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! - No War On Cuba! +++