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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Bis zu einem Tag

Vor 130 Jahren wurde der KPD-Vorsitzende John Schehr geboren
Von Frank Schumann
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Anführer des Widerstands: John Schehr, Ernst Thälmann und Etkar André (v. l., 1928)

Auf halbem Wege zwischen Berlin und Potsdam, zwischen Wannsee und Glienicker Brücke, dort, wo die Königstraße ihre höchste Höhe hat, steht ein Stein. Er trägt vier Namen, an die Erich ­Weinert mit einem Gedicht erinnerte: »John Schehr und Genossen«. Der Dichter schrieb es noch im selben Jahr, als an eben jener Stelle am 1. Februar 1934 der Reichstagsabgeordnete und amtierende KPD-Vorsitzende Schehr sowie Rudolf Schwarz, Erich Steinfurth und Eugen Schönhaar von der Gestapo ermordet worden waren. »Auf der Flucht erschossen«, hieß es zynisch. Schehrs Grab befindet sich seit 1954 im Rondell in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, die Urnen der anderen drei sind in der Ringmauer eingelassen. Wann der Stein auf dem Schäferberg errichtet wurde, ist nirgendwo dokumentiert, weshalb gelegentlich in politischen Instanzen Berlins über die Zuständigkeit gestritten wird. Man vermutet, in den 50er, 60er Jahren, als Kalter Krieg herrschte und auf der Glienicker Brücke Agenten ausgetauscht wurden.

John Schehr kam aus Hamburg und arbeitete wie Ernst Thälmann im Hafen. Dieser war zehn Jahre älter als er und so etwas wie sein politischer Ziehvater. Als Thälmann Mitte der 20er Jahre an die Spitze der Partei trat, wurde Schehr Kandidat des Zentralkomitees, später ZK-Sekretär und Politbüromitglied. 1932 gehörte er sowohl dem Preußischen Landtag als auch dem Reichstag an. Als ­Thälmann Anfang März 1933 inhaftiert wurde, beauftragte die Kommunistische Internationale John Schehr mit der Führung der nunmehr illegalen Partei. Er organisierte den antifaschistischen Widerstand gegen den Terror, was in jener Zeit besonders schwer war, denn die Nazis zerschlugen alle Strukturen, und auf Konspiration waren noch nicht alle Genossen gleichermaßen trainiert. Mancher, etwa Thälmanns Personenschützer und ZK-Kurier mit Decknamen »­Alfred«, fiel in der Folter um und ließ sich als Spitzel benutzen.

Dieser Alfred Kattner lieferte ­Thälmann ans Messer wie auch dessen Nachfolger John Schehr acht Monate später. Ein prototypischer Fall von Unterwanderung und Zersetzung, das Handwerk von Geheimdiensten bis heute. Auch in dessen propagandistischer Ausschlachtung durch die antikommunistische Geschichtsschreibung: Der Mord an Schehr und Genossen sei die verständliche Reaktion auf die Liquidierung des Kollaborateurs Kattner gewesen. Hitler, so der damalige Gestapo-Chef Rudolf Diels in seinen Erinnerungen, sei außer sich gewesen, als er davon hörte, und habe die Erschießung von 1.000 inhaftierten Kommunisten verlangt. Kattner war am 1. Februar 1934 in Nowawes (heute Potsdam-Babelsberg) gerichtet worden – und am selben Tag schon starben John Schehr und Genossen auf Geheiß Hitlers? Was für eine üble Mär. Einzig dazu tauglich, den aktiven Antifaschismus zu diskreditieren.

Am 9. Februar vor 130 Jahren wurde John Schehr in der Hafenstadt Hamburg geboren. Der Spruch auf der Stele an der B1 ist ein unverändert gültiger Appell: »Möge ihr Tod mahnen, bis niemand mehr in unserem Lande ›auf der Flucht‹ erschossen werde.«

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