Nicht einen Augenblick aufgegeben
Von Cristina Fischer
»Soll Hitler wirklich Deutschlands Totengräber werden? (…) Fallt ihm gemeinsam mit den antifaschistischen Werktätigen in die Arme. Deutschland wird nicht zu Grunde gehen, wenn Hitler stürzt. Im Gegenteil!« (Aus dem Flugblatt »An die deutsche Ärzteschaft!«, April 1942)
Vom Frauenwiderstand im »Dritten Reich« ist in den deutschen Medien in den letzten Jahren vermehrt die Rede. Oft bleibt es bei würdigenden Worten, die leider nur selten auch von Taten, das heißt von entsprechenden Forschungen begleitet sind. Hildegard Jadamowitz ist vor allem dafür bekannt, dass sie sich am Brandanschlag der Gruppen von Joachim Franke und Herbert Baum im Mai 1942 beteiligt hat und dafür hingerichtet wurde. Es gibt über sie verschiedene, meist kurze biographische Darstellungen. Ich möchte zeigen, dass es – unter anderem mit Material aus standesamtlichen Unterlagen – möglich ist, diese Skizzen zu ergänzen.
Hilde und ihre vier Jahre ältere Schwester hatten keine leichte Kindheit. Ihre Eltern hatten Anfang Oktober 1912 geheiratet, in höchster Eile, denn Ende des Monats, am 30.10., sollte bereits ihr erstes Kind zur Welt kommen, ein Mädchen, das auf den poetischen Namen Beatrice getauft wurde. Der katholische Vater Paul Johannes Joseph Jadamowitz, genannt Hans, war Arbeiter, zunächst Blumenbinder, später Bügler. Die Mutter Margarete Wolff war jüdischer Abkunft und als Putzmacherin tätig. Die Familie lebte zunächst in Berlin-Neukölln an der Mareschstraße, unweit der heutigen Sonnenallee. 1914 gebar Margarete ein zweites Mädchen, Hildegard, das schon nach zwei Monaten starb.¹ Vielleicht war das ein unglückliches Vorzeichen für die dritte Tochter, die im Februar 1916 folgte und ebenfalls Hildegard genannt wurde.
Der Vater verließ die Familie um 1925. Margarete musste nun ihre beiden Töchter allein durchbringen, ihre Mutter Rechel Wolff half bei der Kinderbetreuung. Ihr Vater, der Schneider Moritz Wolff, lebte schon seit 1912 nicht mehr in Deutschland, er war nach London ausgewandert. Margarete selbst soll als Schauspielerin gearbeitet haben – Hilde erinnerte sich an ihre von Applaus und Jubel begleiteten Auftritte. 1930 erlitt sie jedoch eine schwere Wirbelsäulenverletzung, von der sie sich nicht mehr erholte. Sie starb im Frühjahr 1933 mit nur 39 Jahren im Berliner Hufeland-Hospital. Zuletzt hatte sie an der Prenzlauer Allee 63 gewohnt, während ihre Töchter in Neukölln bei der Oma lebten und dort die »weltliche Versuchsschule«, die Rütli-Schule, besuchten. Auf Margaretes Sterbeurkunde ist vermerkt, dass der Ehemann »unbekannten Aufenthalts« war, es gab also zu dieser Zeit wohl keinen Kontakt mehr.
Hilde konnte nur die acht Klassen der Volksschule absolvieren und musste danach Geld verdienen. Sie fand einen Job als Ungelernte im Lager des Kaufhauses Karstadt, später in einem Stanzereibetrieb, bevor sie 1935 Schlussprüferin bei der C. Lorenz AG in Berlin-Tempelhof wurde, wo ihre Schwester schon seit dem Vorjahr angestellt war. Beatrice Jadamowitz berichtete nach dem Krieg in einem »Lebenslauf«, dass 1934 im Betrieb eine kleine illegale Gruppe der KPD entstanden war, für die sie die Kassierung übernahm. Es konnten aber nur heimlich Handzettel abgelegt werden, vorwiegend in den Frauentoiletten.²
Hilde war zuvor im Kommunistischen Jugendverband Neukölln und in der Roten Hilfe aktiv gewesen. Sie soll sich nach dem Bericht ihres überlebenden Genossen Kurt Mietke gern an der »Landagitation« der Jugendgenossen beteiligt und bis 1933 eine jüdische Jugendgruppe am Wolziger See betreut haben. Außerdem arbeitete sie in einer illegalen Gruppe der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) mit. 1935 starb die Großmutter, damit waren die Mädchen, mittlerweile 19 und 23 Jahre alt, auf sich allein gestellt. Hilde, noch nicht volljährig, erhielt einen gesetzlichen Vormund.
Im Gefängnis
Anfang März 1936 wurde Hilde im Zusammenhang mit ihrer illegalen Tätigkeit verhaftet, musste jedoch nach neun Monaten mangels Beweisen freigelassen werden. Aus dieser Zeit stammen ihre einzigen erhalten gebliebenen Briefe. Darin klingt Hilde nicht sehr grüblerisch, eher impulsiv – die Briefe zeugen von ihrer Lebenslust. Sie sehnte sich in der düsteren Gefängnisatmosphäre nach Musik, Tanz und Parfüm. Und nach ihrer Mutter.
Am 14. März schrieb sie an Beatrice: »Die ersten Tage waren ja entsetzlich, man leidet seelisch sehr darunter.« Eine Woche später: »Meine süße kleine Schwester! Es ist wirklich entsetzlich, aber ich bin immer noch hier und habe den Eindruck, als würde es noch eine Zeitlang dauern, bis die Sache sich aufgeklärt hat. Ich habe so große Sehnsucht nach draußen. Musik fehlt mir so schrecklich und frische Luft. Aber es hilft nun mal alles nichts, es muss ausgehalten werden.«³ Sie hatte Hunger, freute sich zugleich über die daraus folgende Gewichtsabnahme, da sie sich angeblich immer zu dick gefühlt hatte. Und sie trug seidene Unterwäsche, wie sie ihrer Schwester mitteilte.
Indessen sorgte ihre Verhaftung dafür, dass die illegale Arbeit bei der Lorenz AG zum Erliegen kam. »Plötzlich war die Verbindung abgebrochen«, behauptete Beatrice Jadamowitz später, auch die Instrukteure seien nicht mehr zu erreichen gewesen. »In den Abteilungen flog der direkte Halt auseinander und ich hatte damals nur noch mit zwei Genossen Verbindung.« Eine neue Betriebszelle hätte nicht mehr gegründet werden können.
Hilde bildete sich nach ihrer Entlassung durch Selbst- und Abendstudium weiter, um nicht Hilfsarbeiterin zu bleiben, zum Beispiel erlernte sie Stenographie. 1937 wurde sie Arzthelferin bei einem Facharzt in Tegel, bei dem sie schließlich zur Röntgenassistentin aufstieg. Damals kam sie mit dem Chemotechniker Werner Steinbrinck zusammen, den sie seit ihrer Kindheit kannte, da beide in einer Straße gewohnt hatten. Heiraten konnten sie nicht, da Hilde als »Mischling ersten Grades«, Werner aber als »Arier« galt.
Im Herbst 1939 soll Hilde ein illegales kommunistisches Treffen mit vorbereitet haben, auf dem Robert Uhrig referierte, wie sich der Zeitzeuge Kurt Riemer erinnerte. Er war voll des Lobes: »Hilde hat eine unbegrenzte Initiative entwickelt. (…) Ich hatte große Freude an ihrer findigen Art«, erzählte er Margot Pikarski.⁴ Es gab aber auch Sorgen, weil sie ihren Charme recht freigiebig ausspielte und dadurch »Eifersuchtsdramen« auslöste.
Werner Steinbrinck wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen, 1942 jedoch an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem abgestellt. Er und Hilde schlossen sich einer antifaschistischen Gruppe um den Ingenieur Joachim Franke (AEG) an, in der Schulungen organisiert sowie illegale Schriften hergestellt und verbreitet wurden. Sie hatten Kontakt zu Herbert und Marianne Baum und anderen Antifaschisten. Hilde besorgte in der Arztpraxis in Tegel, in der sie zuletzt tätig war, Atteste und Medikamente für Genossen wie Kurt Lehmann, Franz Mett und Robert Uhrig. Überlebende Zeitzeugen hoben später ihren Frohsinn, ihren Ideenreichtum und »ihre Bereitschaft, gefahrvolle Aufträge zu übernehmen«, hervor.⁵
»Ich verzog keine Miene«
Als die Gruppen um Herbert Baum und Joachim Franke einen Brandanschlag gegen die Anfang Mai 1942 im Berliner Lustgarten eröffnete Hetzausstellung »Das Sowjetparadies« planten, übernahm Werner Steinbrinck die technische Vorbereitung. Zusammen mit Franke bastelte er einen kleinen Sprengkörper und Brandplättchen. Der Anschlag während eines Besuchs der Gruppe in der Ausstellung am 18. Mai gelang nur teilweise und richtete kaum Schaden an. Ein Brand an einem Pfeiler wurde sofort entdeckt und gelöscht, der Sprengkörper explodierte nicht, es gab nur eine Verpuffung. Elf Menschen wurden leicht verletzt, mussten jedoch nicht ärztlich behandelt werden. »Verbrannt sind insgesamt etwa fünf Quadratmeter Wandbespannung«, hieß es am 19. Mai in der Meldung der durch Emil Berndorff vertretenen »Sicherheitspolizei«. Schon am 22. Mai 1942 wurden zehn Tatverdächtige verhaftet, weitere an den Folgetagen. Zu ihnen gehörten auch Hilde und ihre Schwester. Unter den 22 zuerst Festgenommenen waren übrigens nur fünf nach Lesart der Nazis »Volljuden«. In der polizeilichen Untersuchung stand Werner Steinbrinck im Mittelpunkt des Interesses. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gestehen – obwohl er versuchte, seine Genossen zu entlasten.
Am 16. Juli 1942 wurden die Angeklagten vom Sondergericht Berlin zum Tode verurteilt. Bereits am 18. August wurden Hilde, Werner und weitere Tatbeteiligte in Berlin-Plötzensee hingerichtet. »Eines Tages wurde ich aus der Zelle geschlossen und in den Vernehmungsraum geführt«, berichtete Beatrice Jadamowitz. »Da saßen die Herren Schläger von der SS. Sie hatten sich persönlich auf den Alex bemüht, um mir die Hinrichtung meiner Schwester Hildegard mitzuteilen. Sie wollten beobachten, welche Wirkung das auf mich hätte. Ich verzog keine Miene, bat nur darum, wieder in meine Zelle geführt zu werden.«⁶ Beatrice wusste nämlich schon Bescheid, eine Besucherin soll im Gefängnis von den roten Plakaten berichtet haben, mit denen die Hinrichtungen in Berlin bekannt gemacht wurden.⁷
Altes nur neu aufbereitet
Die Baum-Gruppe wird in der ständigen Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GDW) vorgestellt, Kurzbiographien der Mitglieder sind seit langem auch auf der Website der Gedenkstätte zu finden. Nachdem der Bundestag 2019 beschlossen hatte, die Erforschung des Frauenwiderstands zu fördern, flossen finanzielle Mittel, vorwiegend an die GDW, die daraufhin eine separate Homepage »Frauen im Widerstand 1933–1945« mit Kurzbiographien ins Netz stellte.
Dabei wurden im Fall Jadamowitz die bisherigen Angaben weitgehend übernommen, ergänzt um ein Zitat aus einem Flugblatt und drei angehängte Originaldokumente aus dem Bundesarchiv. Zu dem Flugblatt »An die deutsche Ärzteschaft!« vom April 1942 wird angemerkt, es sei von Hilde Jadamowitz abgetippt und per Post an Ärzte verschickt worden. Regina Scheer, die ein Standardwerk über die Baum-Gruppe verfasst hat (»Im Schatten der Sterne«, 2004), nennt Joachim Franke und Werner Steinbrinck als Autoren; abgeschrieben worden sei das Flugblatt von Beatrice Jadamowitz auf Wachsmatrizen. Anzunehmen ist, dass Hilde aufgrund ihrer langjährigen Arbeit bei Ärzten Hinweise zur inhaltlichen Gestaltung geben konnte.
Bei der besagten, vom Bundestag geförderten »Forschung zum Frauenwiderstand« wurden, zumindest in diesem Fall, vermutlich aber generell, lediglich alte Erkenntnisse technisch neu aufbereitet und um digitalisierte Dokumente ergänzt. Dabei haben sich auch noch Fehler eingeschlichen. Werner Steinbrinck wird nach wie vor falsch »Steinbrink« geschrieben, obwohl es bei Regina Scheer richtig steht und ich in einem Artikel (junge Welt vom 18. Mai 2017) noch einmal separat darauf hingewiesen habe, dass der junge Mann auch seine Verhörprotokolle so unterzeichnet hat.
Die biographische Onlinesammlung »Antifaschistinnen aus Anstand«, ins Netz gestellt von »Trille und Margit aus Berlin, Historikerin und Journalistin«, vermerkt fälschlich den Tod der Mutter »kurz nach der Geburt« von Hildegard Jadamowitz und den Tod der Großmutter 1933. (Die beiden Damen hatten übrigens kein Problem damit, meine auf der Berliner Stolperstein-Seite zu einem anderen Mitglied der Baum-Gruppe, Irene Walther, veröffentlichten Forschungsergebnisse ohne Angabe dieser Quelle zu übernehmen.)
In einem im Herbst 2024 erschienenen Sammelband der Kunsthistorikerin Christiane Kruse ist Hilde Jadamowitz eine von fünfzig Widerstandskämpferinnen, die vorgestellt werden, ohne dass die Autorin, zumindest in diesem Fall, eigene Recherchen unternommen hätte.⁸
Irrtümer aufklären
Doch dank öffentlicher Datenbanken ist es heute möglich, Neues über Hilde Jadamowitz und andere Widerstandskämpfer herauszufinden, insbesondere zu deren familiärem Hintergrund. So etwa die Tatsache, dass die Eltern Jadamowitz nicht, wie berichtet wurde, geschieden waren. Als die Mutter Margarete Jadamowitz, geb. Wolff, im Frühjahr 1933 im Krankenhaus starb, wurde sie als verheiratet in der Sterbeurkunde registriert. Die jüdischen Eltern der Mutter hatten im Sommer 1889 in Berlin geheiratet. Die Kaufmannstochter Rechel Wolff, geb. Stentsch, stammte aus Meseritz (Kreis Posen, heute Polen), ihr Mann wohl aus Jaroslaw (heute ebenfalls Polen).
Mitte Dezember 1935 starb in Neukölln eine 72jährige verwitwete Näherin, »Friederike Wolff, geb. Stensch« aus Meseritz, jüdischer Religion. Dabei handelte es sich um Hildes Großmutter Rechel Wolff, die offenbar einen neuen Vornamen angenommen hatte. Sie hatte an der Kaiser-Friedrich-Straße 164 (heute Sonnenallee 157) in Neukölln gewohnt, lange Zeit zusammen mit ihren Enkelinnen.
Die Mädchen hatten außerdem zwei jüdische Onkel, Kurt und Alfons, beide mit nichtjüdischen Ehefrauen verbunden. Kurt war jedoch schon 1921 im Alter von nur 30 Jahren verstorben. Der Lederarbeiter Alfons war 1912 Trauzeuge der Eltern von Hilde und Beatrice gewesen, hatte 1913 selbst geheiratet und sich von seiner Frau 1921 wieder scheiden lassen. Er emigrierte später aus Deutschland; das letzte Lebenszeichen von ihm ist eine Karteikarte des Judenrats von Amsterdam mit seinem Namen.
Aufklären lässt sich auch ein Irrtum, der eifrigen Wikipedia-Zuträgern unterlaufen ist, die der bei ancestry.de abgerufenen Sterbeurkunde von Hilde Jadamowitz entnommen haben, dass deren Nachname eigentlich »Jadamowicz« gelautet habe. Diese Schreibweise beruht jedoch auf einem Irrtum. Auch wenn deutsche Beamte und Beamtinnen im allgemeinen durch ihre Pedanterie bekannt sind, so können ihnen doch gelegentlich Fehler unterlaufen, vor allem, wenn ihnen gleich ein Dutzend Hinrichtungen, in diesem Fall durch einen Justizbeamten des Strafgefängnisses Plötzensee, den 1893 geborenen Oberwachtmeister Emil Zschammer, gemeldet werden.
Mord im Minutentakt
Auch über Einzelheiten der Hinrichtungen wurde bisher kaum berichtet. In den frühen Morgenstunden des 18. August 1942 wurde nämlich zuerst – noch vor 5 Uhr – der 1906 geborene Postfacharbeiter Karl August Schulz, dem ein »Amtsvergehen« zur Last gelegt wurde, das aber nicht mit der Baum-Gruppe in Zusammenhang stand, enthauptet. Ihm folgten Joachim Franke, Werner Steinbrinck, Hans Georg Mannaberg, Heinz Joachim und Gerhard Meyer, bevor Hilde Jadamowitz als erste Frau zum Schafott geführt wurde. Nach ihr starben Marianne Baum, Irene Walther, die Französin Suzanne Wesse (falsch geschrieben als »Suzanna«) und Sala Kochmann. Es ging mit dem Morden noch weiter. Nicht weniger als dreizehn Menschen wurden im Abstand von Minuten hingerichtet, dafür benötigte der Scharfrichter laut offiziellen Angaben nur eine gute halbe Stunde.
In der Sterbeurkunde von Hildegard Jadamowitz ist als Adresse der Eltern die Florastraße 25 in Pankow vermerkt (»beide wohnhaft«), obwohl ihre Mutter längst nicht mehr lebte.⁹ Soviel zum Thema Zuverlässigkeit behördlicher Dokumente. Ein letzter Brief von Hilde liegt nicht vor, obwohl sie bestimmt an ihre Schwester geschrieben hat. Beatrice Jadamowitz, die nachweislich nicht am Brandanschlag teilgenommen hatte, wurde vom Volksgerichtshof wegen »Beihilfe zum Hochverrat« und »Wehrkraftzersetzung« zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie bis 1945 unter anderem in Cottbus und Waldheim verbüßte.
Sie wurde nach dem Krieg Mitglied der SED und Kadersachbearbeiterin der Landesregierung Sachsen, musste dann als Facharbeiterin in die Produktion und war von 1955 bis 1968 in der Kaderabteilung des VEB Elektroapparate-Werk in Berlin-Treptow angestellt, danach bis Ende 1976 in der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik. Sie wurde 1958 mit der Medaille »Kämpfer gegen den Faschismus« ausgezeichnet und betreute Forschungsaufträge Berliner Schüler zur Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung. Sie trat auch selbst als Zeitzeugin in Erscheinung, indem sie Vortragsabende über den illegalen antifaschistischen Widerstand gestaltete. 1985 erhielt sie den »Vaterländischen Verdienstorden« in Bronze. Sie erlebte noch die »Wende« und starb im Oktober 1993 in Berlin, vermutlich im Feierabendheim Neue Krugallee.¹⁰
Ein paar Briefe, Fotos und Dokumente von ihr und ihrer Schwester gelangten ins Parteiarchiv der DDR. Wo sind die übrigen Unterlagen geblieben, die sie noch gehabt haben muss? Wer hat sich darum gekümmert? Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand offenbar nicht. Die jahrzehntelange Nichtachtung des Frauenwiderstands und versäumte Befragungen von Zeitzeugen, solange sie noch lebten, können heute nicht mehr kompensiert werden. Da hilft auch kein feierlicher Bundestagsbeschluss.
Ehrungen in der DDR
Bereits im August 1949 war im Zentralorgan der SED, dem Neuen Deutschland (ND), ein Artikel des Zeitzeugen Franz Krahl, Vater des City-Sängers Toni Krahl, erschienen. Er hatte in den 1930er Jahren an den Aktivitäten der kommunistischen Jugendlichen jüdischer Herkunft teilgenommen, Herbert und Marianne Baum hatten eine Zeitlang bei seiner Mutter gelebt, im Keller des Hauses soll ein Kopierapparat gestanden haben. Er selbst war noch rechtzeitig vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Prag und nach Großbritannien emigriert.
Zum siebten Jahrestag der Ermordung von Hilde Jadamowitz und ihrer Gefährten schrieb Franz Krahl im August 1949 im ND unter der Überschrift »Funktionärin, KJVD, ermordet 18.8.1942« über die Baum-Gruppe: »Es handelt sich um eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, von denen ein Teil aus den Reihen der deutschen Arbeiterjugend stammte. (…) Die jüdischen Genossen gaben nicht für einen Augenblick ihre tapfere illegale Arbeit gegen das Naziregime auf.« Zehn Jahre später hieß es im ND: »Im Jahre 1942, einige Monate nach dem heimtückischen Überfall auf die Sowjetunion, setzte die jüdische Widerstandsgruppe Herbert Baum die faschistische Hetzausstellung ›Sowjetparadies‹ im Lustgarten in Brand.« (ND, 22.8.1958)
Schon vorher wurde Hildegard Jadamowitz besonders geehrt: »Der Kindergarten Stalinallee-Süd, dem auch ein Wochenheim angeschlossen ist, erhielt aus Anlass des 8. Jahrestages des demokratischen Berlin den Namen ›Hildegard Jadamowitz‹. Damit gedachte der Rat des Stadtbezirks einer jungen antifaschistischen Widerstandskämpferin, die am 22. Mai 1942 zusammen mit 13 Kommunisten von den Nazis zum Tode verurteilt worden war«, berichtete das Neue Deutschland Anfang Dezember 1956. Gut anderthalb Jahre später »erhielt die bisherige Hinterlandstraße im Stadtbezirk Friedrichshain, die südlich der Stalinallee von der Fruchtstraße zur Boxhagener Straße führt, den Namen der antifaschistischen Widerstandskämpferin Hildegard Jadamowitz«, berichtete das ND am 22. August 1958 auf der letzten Seite. In der Randspalte wurde sehr kurz über die Beteiligung Hildes am Brandanschlag gegen das »Sowjetparadies« und über ihre Hinrichtung informiert.
Im brandenburgischen Altthymen, auf dem früheren Gut Mühlenhof, gab es von 1946 bis 1965 ein Kinderheim mit ihrem Namen. Und 1976 wurde in der Presse gemeldet, dass »seit kurzem die Kinderkrippe Bohnsdorf im Stadtbezirk Treptow« »den Ehrennamen ›Hilde Jadamowitz‹« trage.
Zum 45. Geburtstag Hildes schrieb die Widerstandskämpferin Vera Wulff 1961 einen Artikel in der Berliner Zeitung, dafür hatte sie auch deren Schwester befragt. 1970 erschien ein ganzseitiges Porträtfoto der jungen Kommunistin im ersten Band »Deutsche Widerstandskämpfer 1933–1945« mit von Luise Kraushaar zusammengestellten biographischen Angaben. 1986 würdigte die Historikerin Margot Pikarski vom Zentralen Parteiarchiv Hildegard Jadamowitz anlässlich ihres 70. Geburtstages im Neuen Deutschland. Pikarski war Autorin eines Buches über »Jugend im Berliner Widerstand« (1978), in dem es vor allem um die Gruppen um Herbert Baum und Joachim Franke/Werner Steinbrinck geht.
Die überlebenden Zeitzeugen Herbert Ansbach, Charlotte Holzer, Beatrice Jadamowitz, Dr. Franz Krahl, Walter Sack, Kurt Siering, Otto Wendt, Alice und Gerhard Zadek sowie Rita Zocher unterstützten in der DDR über zwanzig Kollektive, die den Ehrennamen Herbert Baum trugen, davon allein vierzehn in Berlin. 1982 wurden bereits fast vierzig Kollektive in der DDR gezählt, die ihren Ehrennamen unter den Mitgliedern der Baum-Gruppe gewählt hatten. Vertreter dieser Kollektive trafen sich alljährlich am 18. August auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Die Veteranengruppe soll seit 1965 aktiv gewesen sein.
Heute gibt es, abgesehen von zwei Berliner Gedenksteinen für die Baum-Gruppe, nur noch die Straße in Friedrichshain, die nach Hildegard Jadamowitz benannt ist. Ihren 110. Geburtstag habe ich daher zum Anlass genommen, bei der Stolperstein-Initiative des Bezirks Reinickendorf einen Antrag auf Verlegung eines Stolpersteins an ihrem letzten Wohnort am Tile-Brügge-Weg 111 in Tegel zu stellen. Die Initiative hat seit 2003 bereits rund 200 solcher Steine in Auftrag gegeben. Wie mir deren Sprecher Carsten A. Baum mitteilte, soll mein Vorschlag auf dem nächsten Treffen der Gruppe im März beraten werden.
Anmerkungen
1 Diese und folgende Angaben zur Familie entstammen der bei ancestry.de gesammelten Standesamtsunterlagen des Landesarchivs Berlin.
2 Beatrice Jadamowitz, »Mein politischer Lebenslauf«, o. D., Landesarchiv Berlin C Rep 118-01 Nr. 8709
3 Bundesarchiv SAPMO BArch SgY 19/104
4 Margot Pikarski: Findig in der illegalen Arbeit. Erinnerungen an die Berliner Widerstandskämpferin Hilde Jadamowitz, Berliner Zeitung, 6.2.1986, S. 9
5 Deutsche Widerstandskämpfer 1933–1945. Berlin 1970, Bd. 1, S. 455
6 Zit. n. Vera Wulff: Ein Spitzel gab ihre Namen preis, Berliner Zeitung, 10.2.1961, S. 11
7 Laut Vera Wulff/Beatrice Jadamowitz soll Marta Husemann ihrem Mann Walter davon berichtet haben, als sie ihn im Gefängnis besuchte. Walter Husemann wurde jedoch erst einen Monat später, am 19. September 1942, verhaftet. Ob es überhaupt Plakate gab, ist laut Regina Scheer unklar. Die DDR-Historikerin Margot Pikarski hat den Text des Plakats in ihrem Gedenkartikel im ND am 16.8.1982 zitiert.
8 Christiane Kruse: Frauen gegen Hitler. Weiblicher Widerstand im »Dritten Reich«. Berlin 2024
9 Sterbeurkunde H. Jadamowicz (sic), Standesamt Charlottenburg, Sterberegister 1942 Nr. 3504, Landesarchiv Berlin. Ein sonderbarer Zufall ist es, dass nebenan, in der Florastr. 26, die Eltern Walter Husemanns wohnten; heute ist an diesem Haus eine Gedenktafel für den Sohn angebracht.
10 Bundesarchiv SAPMO BY 9/782, Berliner Zeitung, 30.10.1987, S. 8
Cristina Fischer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Januar 2026 über die Berliner Widerstandskämpferin Margarete Kaufmann: »Ihr seht uns nicht, Ihr kennt uns nicht«
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