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Aus: Ausgabe vom 29.06.2024, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Historiker in der DDR

»Manchmal haben sich die alten Genossen fast totgelacht«

Über prägende Studienjahre in Moskau, Forschungsarbeit an der FDGB-Hochschule in Bernau und die kalte Schulter des DGB. Ein Gespräch mit Heinz Deutschland
Interview: Nico Popp
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1989/90 binnen weniger Monate untergegangen: Der FDGB war die größte Massenorganisation in der DDR (Berlin, 1.5.1987)

Der 80. Jahrestag des Kriegsendes ist nicht mehr fern. Sie feiern nun Ihren 90. Geburtstag, sind also alt genug, um noch aus eigener Anschauung über diese Zeit sprechen zu können. Was haben Sie im Mai 1945 empfunden?

Ein Gefühl der Erleichterung, dass dieser Krieg vorbei ist. Auch wenn der Krieg bei uns in Zepernick-Röntgental, wo ich aufgewachsen bin, zumindest materiell fast keine Schäden verursacht hatte. Dort kam nur eine einzige Bombe runter, und die war vermutlich falsch ausgeklinkt worden.

Die menschlichen Verheerungen registrierte man aber auch als Zehnjähriger?

Ja, darauf stieß man auf Schritt und Tritt. Mein Vater war, wenn man so will, auch ein Opfer dieses Krieges. 1940 arbeitete er als Schweißer in einem Berliner Betrieb, in dem beschädigte Flugzeugtanks repariert wurden. Die wurden mit Leichtbenzin abgedrückt, um Risse und Löcher sichtbar zu machen. Dann musste gewartet werden, bis das verflogen war. Er hat ein freigegebenes Werkstück erhalten, den Brenner angezündet, und dann ist das in die Luft geflogen. Er hat noch zwölf Tage gelebt. Der Tod war im Grunde eine Gnade, weil er vollkommen verbrannt war. 36 Jahre alt.

Wie standen Ihre Eltern zum Naziregime?

Sie waren Gegner der Nazis. Wobei meine Mutter, die aus einem politisch und gewerkschaftlich engagierten Elternhaus kam, der politischere Mensch war. Sie hat meinen Vater beeinflusst. Beide waren bis 1933 in der KPD. Das war also alles andere als eine profaschistische Familie. Auch die Nachbarn und Freunde der Familie waren alles einfache Arbeiter, Mitglieder der NSDAP waren nicht darunter. Trotzdem haben sich, was mir später klar wurde, sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern mit politischen Äußerungen mir gegenüber zurückgehalten. Weil sie nicht sicher sein konnten, dass ich darüber nicht an Orten quatschte, wo man das besser nicht machte. 1944 wollte ich, beeinflusst von meinem Klassenlehrer, der in der NSDAP war, dass mir meine Mutter eine Pimpfuniform kauft. Da hat mich mein kommunistischer Großvater zur Seite genommen und viele Gespräche mit mir geführt. Ich weiß heute nicht mehr, was er mir erzählt hat. Aber das hat mich auf jeden Fall kuriert.

Dann war im April 1945 die Rote Armee da.

Ja. Zum Glück gab es bei uns keine Kampfhandlungen. Die ersten sowjetischen Soldaten, die vorbeikamen, haben unsere Fahrräder mitgenommen. Und meine Tasse ging zu Bruch. Dafür haben sie sich entschuldigt.

Ein politisches Verhältnis hatten Sie zu den Vorgängen damals noch nicht?

Nein. Aber das fand ich dann doch recht rasch. Aus dem Bernauer Manfred-von-Richthofen-Gymnasium, das ich seit 1944 besuchte, wurde nach dem Krieg die Geschwister-Scholl-Schule. Dort bin ich 1948 in die FDJ eingetreten und dann auch in die SED. Ich hatte ältere Mitschüler, die aus antifaschistischen Familien kamen und mich beeinflusst haben. An der Schule gab es eine kleine Parteigruppe mit vier oder fünf Lehrern und einigen Schülern. Wir waren numerisch und politisch eine Minderheit, auch wenn die ausgesprochenen Nazilehrer weg waren.

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Frühzeit der SED?

Es gab immer noch zwei Vorsitzende – einen aus der KPD und einen aus der SPD. Und das merkte man auch an der Zusammensetzung der Grundorganisationen. Es wurde viel diskutiert und gearbeitet, kaum ein Mitglied war passiv. Ich wurde als Zirkelleiter für das Parteilehrjahr in einer Wohngruppe in Bernau eingesetzt. Da haben sich die alten Genossen manchmal fast totgelacht. Sie wussten immer alles besser, denn sie waren ja bei vielen Sachen, die zur Sprache kamen, dabei gewesen und wollten jetzt nicht die deutsche Parteigeschichte auf den »Kurzen Lehrgang« reduziert sehen. Später wurde mir klar, dass ich damals vieles nicht begriffen habe. Was ich früh wusste, war, dass ich mich mit Geschichte befassen wollte. Vor allem für Wirtschaftsgeschichte habe ich mich interessiert. Nach dem Abitur habe ich mich an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität eingeschrieben. Nach ein paar Monaten hieß es: Du kannst in der Sowjetunion studieren.

Wie haben Sie das Krisenjahr 1953 erlebt?

Im Juni 1953 war ich noch in der DDR, aber mitten in dem sprachlichen Vorbereitungskurs für Studenten, die in die Sowjetunion reisen sollten. Dieser Lehrgang hatte im Frühjahr begonnen und fand relativ abgeschottet auf dem ehemaligen Schloss in Burgscheidungen bei Halle statt. Von den Ereignissen in der Republik haben wir dort kaum etwas mitbekommen. Dass etwas los war, merkten wir am 17. Juni daran, dass eine Nachtwache eingerichtet wurde. Der Kurs endete im August.

Sie haben dann in Moskau studiert und das Studium dort auch abgeschlossen?

Ja, bis 1958. Das waren fünf Jahre, in denen wir jeweils nur für vier Wochen im Sommer in der DDR waren.

Welchen Eindruck machte Moskau auf Sie?

Vor allem hat uns natürlich das Studium beschäftigt, das sehr anspruchsvoll war. Es gab viele interessante Dozenten, alte und auch junge, die in dem Jahrzehnt nach dem Krieg herangewachsen waren. Abseits davon war eine frühe Beobachtung, dass viele Tätigkeiten, die bei uns reine Männerberufe waren, von Frauen ausgeübt wurden. Es gab zum Beispiel Frauen, die auf Baustellen arbeiteten. Eine Folge des Krieges. Versorgungsmäßig war Moskau ein Schaufenster, und wir wurden immer gut verpflegt. Dass es in anderen Teilen des Landes nicht so aussah, merkte man nach einer Weile. An den Bahnhöfen begegneten wir mitunter Menschen, die mit großen, mit Brot gefüllten Säcken die Stadt verließen. Vor einem mehrtägigen Skiausflug im Januar 1955 wurden die Teilnehmer aufgefordert, Brot, Butter und Wurst mitzunehmen. Weil es das dort, wo wir hinwollten, nur für die ansässige Bevölkerung gab.

Ich habe in einem Zimmer mit zwei polnischen Studenten, zwei Kommilitonen aus der Moldauischen Sowjetrepublik und einem Russen gewohnt. Es gab einen Kleiderschrank, den die Polen und ich belegt haben. Die drei sowjetischen Studenten hatten jeweils ein kleines Köfferchen unter dem Bett, und da war ihre gesamte Habe drin. Zwei andere Kommilitonen hatten keinerlei Winterkleidung. Nur einen langen Schal, den sie sich im Winter geteilt haben. Einer ist dann jeweils im Wohnheim geblieben. Auffällig war, dass es unter den sowjetischen Studenten zwei Klassen gab: Die aus Moskau stammenden Jungs und Mädchen, deren Eltern Funktionäre oder Wissenschaftler waren, lebten in jeder Hinsicht in einer ganz anderen Welt als die Studenten aus allen Teilen der Sowjetunion, mit denen wir im Wohnheim zusammenlebten. Generell waren Studium und fünf Jahre Aufenthalt in der UdSSR prägend für meinen weiteren Lebensweg. Auch die Kenntnis der russischen Sprache war sehr hilfreich für mich.

Der Krieg war erst ein paar Jahre her. War das ein Thema, wenn man Sie als Deutschen erkannt hatte?

Ja. Aber ich bin nicht ein einziges Mal angegriffen oder beschimpft worden. Auch nicht, als wir uns bei dem erwähnten Skiausflug etwa 150 Kilometer westlich von Moskau in einem Gebiet bewegten, in dem Wehrmacht und SS gewütet hatten. Dort gab es keine Kolchosen mehr. Die waren einfach zerfallen. Die Leute betrieben auf kleinen Feldern Selbstversorgung, mehr ging nicht. Noch zehn Jahre nach dem Krieg war das eine verheerte Zone.

Inwiefern wurde die innere Entwicklung der Sowjetunion an der Universität registriert und diskutiert?

Insbesondere im Zusammenhang mit dem XX. Parteitag 1956 sind interessante Dinge passiert. Da gab es zum Beispiel zu Beginn des dritten Studienjahres, also noch 1955, einen achtwöchigen Kurs. Abends um 18 Uhr. Es hieß, der Dozent, der nicht von der Universität war, könne nicht früher. Wir haben fleißig mitgeschrieben. Später stellte sich raus, dass das, was er da abspulte, im Grunde eine Blaupause eines Teils von Chruschtschows Referat war. Der Teil zur internationalen Lage. Das wurde da also gleichsam getestet. Das war jemand aus dem Parteiapparat, der an der Vorbereitung des Referats saß.

Die wesentliche Zäsur war Chru­schtschows Angriff auf Stalin und den sogenannten Personenkult?

Ja. Als Parteisekretär der SED-Grundorganisation an der Moskauer Universität bin ich im März 1956 eingeladen gewesen, als in Anwesenheit des Politbüromitglieds Michail Suslow im Festsaal der Universität vor dem KPdSU-Parteiaktiv die sogenannte Geheimrede vorgelesen wurde. Die wurde ja nicht der gesamten Öffentlichkeit, aber doch den Parteiorganisationen zur Kenntnis gegeben. Das war eine sehr angespannte Atmosphäre. In der Sowjetunion war es üblich, dass Fragen auf einen Zettel geschrieben und nach vorne gereicht wurden. Dieses Prinzip wurde bei dieser Veranstaltung durchbrochen, obwohl gar keine Diskussion vorgesehen war. Die ergab sich spontan. Zuhörer meldeten sich zu Wort und stellten nicht nur Fragen, sondern trugen eigene Überlegungen vor. Suslow wurde gefragt, was er persönlich gegen den Personenkult getan hatte. Da hat der geantwortet: »Ich habe an der Front gekämpft.« Darauf der Fragesteller: »Danach haben wir nicht gefragt.« Die Grundstimmung würde ich als Mischung aus Bedrückung und Befreiung beschreiben. Insgesamt bleibt zu beklagen, dass auf dieses »Tauwetter« relativ bald ein Rückfall erfolgte.

Hatte sich, als Sie nach fünf Jahren zurückkehrten, auch die DDR verändert?

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Heinz Deutschland

Ja. Später habe ich mitunter gemerkt, dass mir diese fünf Jahre gleichsam fehlten. Der Zufall wollte es, dass kurz vor meiner Rückkehr das Politbüro beschlossen hatte, dass alle Funktionäre sechs Monate in die Produktion müssen, um wieder Verbindung mit der Arbeiterklasse zu kriegen. Das galt auch für alle Auslandsstudenten. Ich sollte in den VEB »7. Oktober« in Berlin-Weißensee. Ein Betrieb des Schwermaschinenbaus. Ich habe mich da beim Kaderleiter gemeldet. Der fragte: »Wat kannste denn?« Na, ich habe fünf Jahre Geschichte in Moskau studiert. Ihn interessierte aber, ob ich Schippe, Besen und Schubkarre handhaben konnte. Das konnte ich, und so kam ich als Transportarbeiter zu den Drehern, um dort die Drehbänke sauberzumachen. Das waren hochqualifizierte Facharbeiter, und die machten das nicht selber. Irgendwann hat mich ein älterer Dreher angesprochen und wollte wissen, was ich verbrochen habe. Er habe gehört, ich hätte in Moskau studiert.

Die Arbeiter haben das als Bestrafung betrachtet?

Genau. Ich habe dann versucht, ihm diesen Parteibeschluss zu erläutern. Ich blieb fünf Monate, habe im Dreischichtbetrieb gearbeitet und in dieser Zeit eine Menge gelernt. Der Beschluss wurde übrigens sehr schnell wieder einkassiert.

Wie sind Sie dann an die Gewerkschaftshochschule in Bernau gekommen?

Über meine Mutter gab es einen Kontakt zu Hermann Duncker. Er hatte, als er erfuhr, dass ich in Moskau studierte, signalisiert, dass er mich kennenlernen wollte. Im Sommer 1956 bin ich mit meiner Mutter zu Duncker gefahren. Es gab Kaffee und Kuchen, und ich hatte unendlich viele Fragen zu den großen Namen aus der alten Sozialdemokratie und dem Spartakusbund, die er noch alle persönlich gekannt hatte. 1959 bin ich dann als Mitarbeiter zu Duncker nach Bernau gekommen. Duncker war ein Mann mit einem sehr weiten Horizont. So richtig zu ihm vorgedrungen bin ich erst, als meine Frau und ich ab 1999 an dem Briefwechsel des Ehepaars Duncker gearbeitet haben.

Duncker kam aus dem inneren Kern des linken Flügels der Arbeiterbewegung. War diese Vergangenheit präsent, wenn Sie mit ihm zu tun hatten? Oder hat er sich in erster Linie für Probleme der Gegenwart interessiert?

Er war in seinen letzten Jahren in gewisser Weise der Vergangenheit verhaftet. Aber er hat sich auch den Gegenwartsfragen gestellt. Das zeigt seine Rede beim fünften FDGB-Kongress 1959, auf die er sich lange vorbereitet hat. Auch internationale Probleme der Gewerkschaftsarbeit haben ihn beschäftigt, etwa in Afrika. Ganz zum Schluss aber hat er viel über die Revolutionszeit von 1918/19 nachgedacht, vor allem über die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Er ist damals nur gerade so davongekommen, und das hat er nach meinem Eindruck noch einmal sehr stark empfunden. Als er im Regierungskrankenhaus lag, bin ich jeden Tag zu ihm gefahren und saß einige Stunden bei ihm. Da hat er mir mal erzählt, dass er, wenn er die Wand betrachtet, Demonstrationszüge von damals vor Augen hat.

Nach Dunckers Tod haben Sie sich in Ihrer Doktorarbeit mit den Anfängen der Gewerkschaftsbewegung in Afrika beschäftigt. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Ich bin über die Leitung der Ausländerausbildung in Bernau zur afrikanischen Gewerkschaftsgeschichte gekommen, als ich drauf stieß, dass auch marxistische Historiker der Meinung waren, eine Gewerkschaftsbewegung in Afrika habe sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet. Das war aber mitnichten so, die Anfänge fallen in die Zeit von 1918 bis 1945, wie ich in dieser Arbeit zeigen konnte. Walter Markov, mein Doktorvater, war sehr zufrieden mit dieser Arbeit.

Die Sie allerdings zunächst weg von der Gewerkschaftsgeschichte und in den diplomatischen Dienst der DDR führte.

Ich hatte signalisiert, dass ich Interesse an einem längeren Auslandsaufenthalt habe. Es gab dann eine Vereinbarung zwischen dem FDGB und dem Außenministerium, dass ich für drei Jahre freigestellt bin. Und so bin ich als stellvertretender Leiter der Handelsvertretung der DDR nach Algier gekommen. Im April 1970 sollte ich nach Berlin zurück. Da kam auf einmal ein Telegramm, in dem stand, ich sei als Botschafter der DDR in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik vorgesehen.

Sie waren der erste DDR-Botschafter in Bangui. Und auch der letzte.

Präsident Bokassa, der ein paar Jahre später durch die Kaiserkrönung berühmt geworden ist, hatte diplomatische Beziehungen mit der DDR aufgenommen. Und das war für die DDR politisch wichtig, weshalb wir in Bangui umgehend mit einer Drei-Mann-Botschaft Präsenz gezeigt haben. Nach einem Jahr hat Bokassa die diplomatischen Beziehungen unter dem Druck der Bundesrepublik und Frankreichs zwar nicht abgebrochen, aber suspendiert. Und wir mussten das Land verlassen. Ich blieb dann noch ein paar Jahre im Außenministerium. Aber so interessant wie der Dienst im Ausland war das nicht.

Als Sie 1977 nach Bernau zurückgingen, haben Sie ein Großprojekt in Angriff genommen: die 1982 erschienene Geschichte des FDGB. Die aber eigentlich mehr ist, nämlich eine Geschichte der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland. Welche Vorgeschichte hatte dieses Projekt?

An der Gewerkschaftshochschule war 1977 eine Forschungsgruppe Geschichte gebildet worden, die den Auftrag hatte, eine Biographie des 1975 verstorbenen FDGB-Vorsitzenden Herbert Warnke zu schreiben. Ich habe dann vorgeschlagen, auch an einer Geschichte des FDGB zu arbeiten, zumal andernorts an einer Geschichte der FDJ gearbeitet wurde. Es folgten dann Jahre konzentrierter Arbeit eines tollen Autorenkollektivs. Dass wir für dieses Buch mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurden, war mir weniger wichtig als der Umstand, dass das Buch im FDGB sehr gut ankam. Viele Funktionäre, auch die ehrenamtlichen, sahen darin eine Würdigung ihrer Arbeit.

Keine zehn Jahre später waren dann allerdings sowohl die DDR als auch der FDGB Geschichte. Stellte sich bei Ihnen in den 80er Jahren so etwas wie ein Krisenbewusstsein ein?

Nein. Das war ein Zusammenbruch, den ich in dieser Form bis 1989 für ausgeschlossen gehalten hatte. Wir hatten natürlich Kontakte zu den Bezirksvorständen und den Vorständen der Industriegewerkschaften. Da hörten wir schon, dass es ernsthafte Probleme gibt. Aber nicht, dass alles gegen den Baum geht. Im Oktober 1989, also viel zu spät, haben wir dann in Bernau noch versucht, mit dem Papier »Für eine Wende in der Gewerkschaftsarbeit« zu intervenieren. Aber darüber ist die Entwicklung hinweggegangen. Die Hochschule wurde im Juni 1990 geschlossen, und wir standen noch vor dem Ende der DDR auf der Straße. Zu den unschönen Erinnerungen aus jener Zeit gehört, dass die durchaus respektvollen Arbeitskontakte, die es vor 1989 zum DGB gab, in eisige Ablehnung umschlugen. Wir hatten zum Beispiel eine gemeinsame AG, die für 1992 den 100. Jahrestag des ersten deutschen Gewerkschaftskongresses vorbereiten sollte. Plötzlich wollte mit uns niemand mehr etwas zu tun haben. Auch nicht mit der Hochschule in Bernau. Die DGB-Gewerkschaften wollten ja noch nicht einmal die neun Millionen Mitglieder des FDGB übernehmen, sondern bestanden darauf, dass jedes Mitglied einzeln einer DGB-Gewerkschaft beitritt. Eine Dummheit, die den gewerkschaftlichen Organisationsgrad im Osten dramatisch abgesenkt hat.

Der 60. Jahrestag der Eröffnung der ADGB-Bundesschule fiel ja zufällig in das Jahr 1990. Auch daran hatte beim DGB niemand Interesse?

Wir hatten sie eingeladen, aber sie haben nicht reagiert.

Wie ging es für Sie nach 1990 weiter?

Die wichtigste Initiative, an der ich damals beteiligt war, war die Gründung des Vereins »Baudenkmal Bundesschule Bernau«. Die historischen Gebäude waren in Gefahr, abgerissen zu werden. Es ging uns – und das waren zunächst vor allem gekündigte ehemalige Mitarbeiter der FDGB-Hochschule, aber auch Kollegen aus der BRD und Westberlin – darum, das zu verhindern. Das ist gelungen. Inzwischen steht ein wesentlicher Teil der Gebäude auf der Welterbeliste der UNESCO.

Sie waren noch nicht im Rentenalter.

Aus der eigentlichen Forschung war ich raus. Das kann man nicht nach Feierabend neben dem Broterwerb machen. In Hamburg habe ich, vermittelt durch Kollegen, die mich kannten, im Antiquariat der Heinrich-Heine-Buchhandlung gearbeitet, meine Frau bei einer Telefonhotline der Arbeitslosenhilfe. Meine Frau und ich haben nebenbei größere Übersetzungsprojekte aus dem Russischen übernommen und dann, als wir nach Berlin zurückgekehrt waren, mit der Arbeit an der Edition des Briefwechsels von Hermann und Käte Duncker begonnen. Daran haben wir über 15 Jahre gearbeitet, und auf das Resultat bin ich tatsächlich ein bisschen stolz.

Im Oktober ist die Gründung der DDR 75 Jahre her. Wie nehmen Sie die neuere Debatte über diesen Staat wahr?

Es wird noch dauern, bis man hier zu einer halbwegs ausgewogenen Betrachtungsweise kommt. Die Negativperiode der absoluten Verdammung ist noch nicht ganz überwunden. Aber schon jetzt liegt auf der Hand, dass diejenigen, die sich nach 1990 sicher waren, dass die DDR historisch nur die Rolle einer Fußnote spielen wird, falschlagen.

Heinz Deutschland wurde am 29. Juni 1934 in Bernau bei Berlin geboren. An der 1990 geschlossenen Hochschule des FDGB war der Historiker zunächst Mitarbeiter des Direktors Hermann Duncker und forschte später zur internationalen und deutschen Gewerkschaftsgeschichte. Mehrere Jahre arbeitete er im diplomatischen Dienst der DDR. Er lebt in Berlin-Grünau.

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