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Wochenendgespräch
Deutsche Exilliteratur

»Ein Appell, zusammenzustehen, gegen die Faschisten zu handeln«

Über den Arbeiterschriftsteller Ludwig Turek und die Neuauflage seines antifaschistischen Seeromans »Die letzte Heuer«. Ein Gespräch mit Burkhard Schmidtke

Foto: Bundesarchiv/Bild 183-G1007-0039-001/Hartmut Reiche
Schiffermütze und Pfeife legte Ludwig Turek auch beim Signieren seiner Bücher nicht ab: Basar des Künstlerverbandes zum Tag der Republik (Berlin, 7.10.1968)

Der seit kurzem explizit als Antikriegsverlag reaktivierte Deutsche Militärverlag bringt dieser Tage »Die letzte Heuer« von Ludwig Turek heraus. Kein Jahrestag, kein runder Geburtstag des 1898 geborenen und 1975 verstorbenen Autors in Sicht. Was ist der Grund der Neuauflage?

Um an ein gutes Buch und an einen aufrechten wie umtriebigen Antifaschisten zu erinnern, bedarf es keines kalendarischen Grundes. Ludwig Turek war ein urwüchsiger, beeindruckender Mann mit klaren Positionen. Er ist zu Unrecht vergessen. Seine politischen Überzeugungen sind heute, da die Welt so unübersichtlich zu sein scheint wie zu Beginn der dreißiger Jahre, mehr denn je gefragt. »Die letzte Heuer«, geschrieben 1934 im Pariser Exil, gehört zu den bemerkenswertesten Werken antifaschistischer Literatur aus dieser Zeit. In unserer rückwärtsgewandten Gegenwart, in der Neonazis als wählbar gelten, deutsche Panzer in Litauen an der russischen Grenze stehen und das deutsche Volk »kriegstüchtig« gemacht werden soll, müssen wir uns die frühen dreißiger Jahre besonders anschauen.

In Litauen proben deutsche Soldaten »im scharfen Schuss«, so die Bundeswehr auf ihrer Homepage, »Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit« mit der Absicht, »aus der Verteidigung heraus in den Gegenangriff (zu) wechseln. Artillerie, Pioniere, Luftwaffe und Panzertruppen wirken zusammen.«

Wie weiland 1941, ja.

Vielleicht erinnerte deshalb die offizielle Bundesrepublik am 22. Juni nicht daran, wie der deutsche Überfall vor 85 Jahren begann und wie er endete. – Also Turek, ein Mann von Charakter, ein antifaschistischer Schriftsteller, an den Sie erinnern wollen. Gab es aber nicht viele von seinem Schlage, die es verdienten?

Ja, es gab sie, und nein, es gab sie nicht in ausreichender Zahl. Ludwig Turek aus Stendal in der ostdeutschen Altmark hat eine Biographie, die ihn wirklich einzigartig macht. Als junger Rekrut desertierte er aus der kaiserlichen Armee und saß dafür in der Festung Spandau. Er wurde dort von Novemberrevolutionären befreit, war Spartakist, Kommunist, kämpfte in der Roten Ruhrarmee gegen die Kapp-Putschisten. Er verteidigte also mit der Waffe in der Hand die junge Weimarer Demokratie. Anfang der dreißiger Jahre lebte er einige Zeit in der Sowjetunion, später in Frankreich, kam in Paris eine Zeit lang in einer Mansarde bei André Gide, dem späteren Literaturnobelpreisträger, unter.

In Tureks Heimat warfen die Nazis sein 1929 im Malik Verlag erschienenes Buch »Ein Prolet erzählt« derweil auf den Scheiterhaufen. Die Franzosen internierten ihn bei Kriegsausbruch 1939, und er floh über Strasbourg wieder nach Deutschland. Hier organisierte er eine Widerstandsgruppe in einem Betrieb, in dem er als Fräser dienstverpflichtet worden war. Nach dem Krieg lebte er in Berlin und von der Schriftstellerei. Dabei blieb er zeitlebens immer auch ein Mann der Arbeiterklasse. »Ein Prolet erzählt« ist nicht nur der Titel seines ersten großen Erfolges, es war auch sein Credo. Turek war im besten Sinne des Wortes ein Arbeiterschriftsteller.

Gibt es deshalb so wenig, das an ihn erinnert?

Sein Name steht auf einem Grabstein in Berlin-Friedrichsfelde. Aber die Ludwig-Turek-Bibliothek in Köpenick gibt es tatsächlich nicht mehr – die wurde 2008 geschlossen. Und auch eine Schule, die 21. POS »Ludwig Turek«, wurde 1994 »natürlich« umbenannt. Aber in Berlin-Kaulsdorf, wo er Jahrzehnte gelebt hat, gibt es eine ganz kleine Straße, die seinen Namen trägt, ebenso in Stendal.

Es gab seit 1976 auch ein Fang- und Verarbeitungsschiff der DDR-Fischereiflotte mit seinem Namen.

Ja, die »Ludwig Turek« war der erste von acht Atlantiksupertrawlern aus der Volkswerft in Stralsund, die alle nach deutschen Schriftstellern benannt waren. Mit den Schiffen konnte weltweit in Tiefen bis zu 1.500 Metern gefischt werden, die Verarbeitung der Fänge erfolgte gleich an Bord. Das leitete damals eine neue Ära in der Hochseefischerei der DDR ein. Nach dem Ende der DDR machte dann die Treuhand mit den Schiffen noch gute Geschäfte. Die »Ludwig Turek« zum Beispiel wurde am 10. April 1991 an die Volksrepublik China verkauft.

Es soll mal einen Zwischenfall mit ihr gegeben haben?

Ja, das war im April 1989. Da wurde die »Ludwig Turek« mit Waffengewalt von der argentinischen Küstenwache gestoppt, weil sie angeblich die 200-Meilen-Zone des Landes verletzt hatte.

Turek, wenngleich glattrasiert, trat bei Lesungen und Autogrammstunden stets als Seemann auf. Ich erinnere mich an den Elbsegler, diese dunkelblaue Seemannsmütze, und an seine Stummelpfeife, die er nicht einmal beim Signieren seiner Bücher aus dem Mund nahm. Diese seemännischen Accessoires …

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Das waren keine Accessoires – Turek war jahrelang zur See gefahren! Obwohl aus der Altmark, war er beileibe keine Landratte. Er war Seemann mit Leib und Seele, das war sein Lebensthema. Viele seiner zumeist autobiographisch gefärbten Werke kreisen um die Seefahrt.

… die Raumfahrt.

(lacht) Sie spielen jetzt auf »Die goldene Kugel« an, den ersten Science-Fiction Roman der DDR, im ersten Jahr der Republik erschienen. Auch der stammt von ihm, ja.

Außerirdische von der Venus landen auf der Erde und werden in die hier herrschenden Klassenkämpfe verwickelt … Aber zurück zur Seefahrt.

Als sein autobiographischer Roman »Ein Prolet erzählt« zu Beginn der dreißiger Jahre auf russisch in der Sowjetunion erschien, wurde das für ihn ein Riesenerfolg. Von den Tantiemen leistete er sich einen neunzehn Meter langen Jollenkreuzer, mit dem er über die Wolga, den Don, übers Schwarze und das Mittelmeer bis nach Frankreich segelte. Auf dieser Reise entstanden erste Skizzen zur »Letzten Heuer«. Am 1. Februar 1933 traf er in Nizza ein.

In Berlin waren am Vortag die Nazis mit Gegröle zur Regierungspartei gemacht worden. Turek bekam in Nizza Asyl und marschierte die tausend Kilometer zu Fuß nach Paris, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. Parallel dazu schrieb er im Winter/Frühjahr 1934 »Die letzte Heuer«. Es ist die Geschichte eines von den Nazis eingekerkerten Seemanns und derer, die sich daranmachen, ihn zu befreien. Aber es ist viel mehr, es ist eine Geschichte von Solidarität und Zusammenhalt, von Menschen, die als Proletarier begreifen, dass der Mensch neben dir nicht Konkurrent, sondern Genosse ist, die begreifen, dass Einheit stark macht. Und es ist nicht zuletzt ein wirklich spannender Krimi.

Foto: Frank Schumann 1-int-onl.png
Burkhard Schmidtke

Es heißt, dass diese politische Kriminalgeschichte mit Verfolgungsjagden und Seefahrerromantik ein größeres Publikum erreicht habe als die meisten im Exil erschienenen Bücher. Woran lag das?

Ich vermute, dass dabei mehrere Faktoren zusammenkamen. Zum einen erschien der Text von Mai bis August 1935 in Fortsetzungen in der inzwischen in Prag herausgegebenen Arbeiter-Illustrierten-Zeitung, der AIZ. Zum anderen handelte es sich vordergründig nicht um eine politische Kampfschrift gegen die Nazis. Turek zeigte auf durchaus unterhaltsame Weise, dass der vermeintlich übermächtige Feind verwundbar ist. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die geschilderte individuelle Befreiungsaktion nur dank der internationalen Solidarität der Seeleute möglich war.

Also ein Modell für eine antifaschistische Einheitsfront?

Kein Modell, wohl eher ein Appell, die Aufforderung zusammenzustehen, gemeinschaftlich gegen die Faschisten zu handeln. Das Buch lieferte keine gesellschaftliche Analyse, aber es gab Kraft und ermutigte. Das war in jener schweren, orientierungslosen Zeit nicht zu unterschätzen. Und genau das ist auch der Punkt, den uns das Buch auch heute, in unseren Tagen vermitteln kann.

Die damals vorherrschende Kopflosigkeit und Konfusion, diese ideologische Verwirrung und Ratlosigkeit erinnern also nicht nur mich stark an die Gegenwart. Ich denke schon, dass Turek damals bei seinen Lesern Hoffnung und Zuversicht vermittelte. Und wie ging es Turek selbst?

Erträglich zunächst. In den ersten Jahren in Frankreich war er mit Urlaubern im Mittelmeer unterwegs, war Kapitän auf einem Segelschiff. Die Schikanen der französischen Behörden ruinierten ihn 1936 jedoch finanziell. Ein wenig half Heinrich Mann in Nizza, doch 1937 ging Turek wieder nach Paris zurück, wo er »wegen Nichtbefolgung einer Landesverweisung« inhaftiert werden sollte. Danach schlug er sich irgendwie durch.

Turek ging es wie Tausenden anderen Emigranten.

Ja. Er bekam im Cercle Francois Villon, einer Wohltätigkeitsküche für notleidende Künstler, kostenfreies Mittagessen. Unterkunft fand er, wie schon erwähnt, bei André Gide. Dieser übersetzte auch Tureks Erzählung »Leben und Tod meines Bruders Rudolf«, die in der Zeitschrift Commune erschien. Und unter Gides Mansardendach entstand, wie erwähnt, auch sein »antifaschistischer Seeroman«. Er beteiligte sich an den Zusammenkünften anderer exilierter Autoren. Unter denen, die da in einer kleinen Kneipe eifrig bei der Schriftstellerei waren, befanden sich Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Theodor Balk, Michael Tschesno-Hell und Michael Tschesno-Hell.

Angesichts der täglichen Existenzsicherung konnte Turek wohl kaum schreiben.

Er war durchaus publizistisch tätig. Turek schrieb in dieser Zeit regelmäßig für die Deutsche Volks-Zeitung, die seit 1936 erscheinende Wochenzeitung der KPD, die im westeuropäischen Exil und in Prag herauskam. Die letzte Nummer erschien am 27. August 1939, vier Tage vor Kriegsbeginn. Romain Rolland war der Ansicht, dass sich in der DVZ die »edelsten Geister« zu Wort meldeten. Zu den Stammautoren gehörten neben Turek Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn, Gerhart Eisler und andere Antifaschisten.

Nun geben Sie Tureks »Letzte Heuer« neuerlich heraus. Wie oft ist das Buch in der DDR erschienen?

Die genauen Auflagenzahlen kenne ich nicht, aber insgesamt wurden gewiss deutlich mehr als 100.000 Exemplare gedruckt. Schon die Startauflagen waren größer als die heute üblichen, in der DDR lagen sie meist bei 10.000 Exemplaren und mehr. Wir waren ein Leseland, und wie alle Lebensmittel in der DDR waren auch Bücher für jedermann jederzeit erschwinglich. Das war kein Gnadenakt der Regierung, sondern diente im weitesten und ursprünglichen Sinne der Bildung des Volkes. Literatur gehörte zum Alltag, war Teil der Alltagskultur im Sozialismus.

Tureks »Letzte Heuer« …

… kam schon im ersten Jahr der DDR zuerst beim Greifenverlag in Rudolstadt heraus. Das zweite war dann ein Reclam-Heft. Der Deutsche Militärverlag übernahm danach die Rechte an Tureks Roman und brachte seit Ende der fünfziger Jahre einige Ausgaben heraus, darunter auch eine in der Meridian-Heftreihe des Verlags, von der allein 85.000 Exemplare gedruckt wurden, der Preis pro Heft betrug übrigens 70 Pfennige. Ende der achtziger Jahre erschien der Roman noch einmal im FDGB-eigenen Verlag Tribüne. Interessant noch: Die »letzte Heuer« war offenbar der einzige Titel, den der Militärverlag zum DDR-Buchclub 65 beisteuerte, und nicht unerwähnt lassen möchte ich die Defa-Verfilmung der »Letzten Heuer«. Die Hauptrollen spielten Hans Klering und Inge Keller, und die Premiere erfolgte am 12. April 1951 im Berliner Kino Babylon. Im September 1953 lief der Spielfilm bereits im DDR-Fernsehen, wie ich mich im Archiv kundig machte. Im »Fernseh-Versuchsprogramm des Fernsehzentrums Berlin«, das damals sonntags und feiertags von 19 bis 21 Uhr, werktags von 20 bis 22 Uhr ausgestrahlt wurde, stand am Freitagabend im Programm: »Die letzte Heuer«. Ein Defa-Film nach dem Roman von Ludwig Turek.

Sie begründen die Neuausgabe von Tureks »Letzter Heuer« mit historischen Analogien, mit dem Kampf gegen den Faschismus. Mit Verlaub: Sie selbst waren lange Zeit bei der Bundeswehr, die aktuell wieder an der russischen Grenze steht, um Europa zu »verteidigen«. Wie seinerzeit die faschistische Wehrmacht. Was hat aus dem uniformierten Saulus einen pazifistischen Paulus werden lassen? Gab es ein Damaskuserlebnis?

Nein, es gab kein einzelnes Erlebnis, das mich bekehrte oder zur Umkehr zwang. Es war die Summe von Beobachtungen und Erfahrungen, die stete Erkenntnis von Charakter und Verfasstheit unserer Gesellschaft und ihrer Machtinstrumente. Oder wie es poetisch bei Peter Hacks hieß: »Unter unsern heimatlichen Dächern / Leiden wir die Herrschaft von Verbrechern, / Ja, sogar die mittelhohen Stellen / Sind durchaus besetzt mit Kriminellen.«

Der von Ihnen zitierte und verehrte Dichter Hacks hat das noch deutlicher formuliert: »Diesem Vaterland nicht meine Knochen.«

Auch wenn Hacks mit dieser Zeile die späte, schon dem Untergang geweihte DDR meinte, würde ich diesen Satz vor allem dem heutigen deutschen Staat entgegenhalten. Denn obwohl das Fernsehen täglich die Bilder aus allen Ecken der Welt liefert, bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen hier wirklich wissen, was Krieg bedeutet. Soldat sein, ist kein »Job« wie jeder andere, auch wenn wirklich massive und flächendeckende Propaganda und demagogische Werbekampagnen hier eine Art Normalität suggerieren wollen. Soldaten sind in letzter Konsequenz dazu da zu töten und getötet zu werden.

Und mit wachsender Sorge verfolge ich die durchaus Wirkung erzielende, immer lauter werdende Kriegspropaganda. Dagegen müssen wir die kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen setzen, wir müssen aufklären und mit Friedensfanfaren die Kriegstrompeten zu übertönen versuchen.

Zur Person: Burkhard Schmidtke

Burkhard Schmidtke, geboren 1977 in Dresden. Nach dem Abitur 1996 war er lange Jahre Fernmeldeoffizier bei der Bundeswehr und zuletzt Redakteur in deren Internetredaktion. In dieser Funktion war er mehrfach in Afghanistan. Er kehrte schließlich der Bundeswehr aus politischen Gründen den Rücken. Schmidtke ist Geschäftsführer der Peter-Hacks-Gesellschaft, freischaffender Filmdokumentarist, Lektor und Herausgeber des Buches »Die letzte Heuer« von Ludwig Turek im Deutschen Militärverlag – Antikriegsverlag.

Ludwig Turek, Die letzte Heuer. Ein Seeroman. 176 Seiten, broschiert, Deutscher Militärverlag – Antikriegsverlag, Berlin. ISBN 978-3-327-10001-1, 14 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.07.2026, Seite 1, Wochenendgespräch

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