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Die perfekte Fassade
Während bereits Kriegsvorbereitungen liefen, nutzten die Nazis die Olympischen Spiele 1936 in Berlin für ihre Propagandazwecke aus
Die Idee, in Berlin die Olympischen Spiele von 1936 auszurichten, stammte noch aus der Weimarer Republik. 1931 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele an Deutschland vergeben. Hitler war zunächst dagegen, er war kein Sportfan. Außerdem lag sein Fokus auf einem anderen Vorhaben: Das durch den Versailler Vertrag auf 115.000 Soldaten reduzierte deutsche Heer sollte schnellstens wieder kriegsfähig werden. Zudem zog sich das Deutsche Reich aus internationalen Organisationen zurück: Bereits im Oktober 1933 hatte Berlin den Völkerbund und dessen Genfer Abrüstungskonferenz verlassen.
Dass die Spiele 1936 dann doch in Deutschland stattfanden, ist vor allem auf das Verhandlungsgeschick und die guten Beziehungen eines Mannes zurückzuführen: Theodor Lewald, ein preußischer Staatsbeamter. Früh erkannte Lewald die Möglichkeiten, die der Sport für das Ansehen eines Staates bieten kann. Bereits die Spiele 1916, die dann wegen des Ersten Weltkrieges nicht zustande kamen, wollte er nach Deutschland holen. Ab 1924 vertrat er die Weimarer Republik im IOC. 1930 lud er das Komitee nach Berlin ein, um dort den offiziellen Antrag zu stellen. Ein Jahr später bekam Deutschland den Zuschlag.
Dann kam Hitler an die Macht. Bereits am 16. März 1933 wurde Lewald zu einer Audienz beim Reichskanzler empfangen. Die Nazis erkannten schnell, dass die Ausrichtung der Spiele ihren Kriegsplänen keineswegs im Weg stand. Im Gegenteil: Sie bot die perfekte Fassade eines friedlichen und geordneten Deutschlands, hinter der die Kriegsvorbereitungen ungestört ins Werk gesetzt werden konnten. Nebenbei konnte man auf diese Weise die vermeintliche Überlegenheit der Weißen¹ »Herrenrasse« demonstrieren, so die Vorstellung. Lewald erhielt die Zustimmung Hitlers und versicherte dankbar, den Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA), die Dachorganisation der Sportbewegung, an dessen Spitze er stand, rückhaltlos in den Dienst der Nazis zu stellen.
So weit, so normal: Ein konservativer preußischer höherer Staatsbeamter verliebt sich in die Idee, die Olympischen Spiele nach Deutschland zu holen. Er versucht dies im deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und, als die Nazis an die Macht kommen, auch mit ihnen. Eine Besonderheit bei Lewald war jedoch: Er war Jude. Bereits einen Monat nach dem Empfang bei Hitler rief die NSDAP am 1. April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Lewald, dessen Vorfahren zum Protestantismus konvertiert waren und der seine jüdischen Wurzeln nie erwähnt hatte, wurde öffentlich diffamiert und trat von allen Sportämtern außer der IOC-Mitgliedschaft und dem Vorsitz im Organisationskomitee der Sommerspiele von 1936 zurück. »Wenn ich von meinem Amt zurücktrete, ist die Abhaltung der Olympischen Spiele in Deutschland aufs schwerste gefährdet«, erklärte er.² Daraufhin durfte er nach außen hin weiterhin die Olympischen Spiele vertreten. Faktisch aber wurde er durch den neuen Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten und durch das Reichsministerium des Innern entmachtet.
Boykottaufrufe
Unterdessen kamen in verschiedenen Ländern Zweifel auf, ob man die Spiele in Deutschland abhalten sollte. Es war ruchbar geworden, dass dort Regimegegner und Juden terrorisiert und in Konzentrationslagern festgesetzt wurden. Vor allem in den USA, aber auch in England, Frankreich und den Niederlanden gab es Bemühungen, die Spiele an ein anderes Land zu vergeben oder zu boykottieren. Lewald versicherte den IOC-Delegierten wider besseres Wissen, dass ausländische Juden und »Neger« als Gäste des Reiches herzlich willkommen seien und dass auch deutsche Juden nicht prinzipiell aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen seien.
Am 9. März 1935 verkündete Hermann Göring, der Reichsminister für Luftfahrt, dass Deutschland wieder eine Luftwaffe aufgebaut hat – ein schwerwiegender Verstoß gegen den Versailler Vertrag. Am 16. März führte das Deutsche Reich die ebenfalls im Versailler Vertrag verbotene allgemeine Wehrpflicht wieder ein. Die Dauer des Wehrdiensts wurde zunächst auf ein Jahr festgesetzt und im August 1936 auf zwei Jahre verlängert. Gleichzeitig wurden die Rüstungsausgaben drastisch erhöht.
Am 15. September 1935 wurden in Nürnberg die berüchtigten sogenannten Rassengesetze verabschiedet, und die Stimmen der Boykottbefürworter wurden lauter. Lewald stellte sich weiter schützend vor die Nazis. Auf den Protest eines US-amerikanischen IOC-Mitgliedes antwortete er: »Es tut mir leid, dass Sie sich das Recht nehmen, Deutschland und seinen Kanzler zu beleidigen (…) Ich protestiere auch aufs heftigste gegen Ihre Behauptung, ich sei machtlos.« In einem Interview mit der New York Times vom 19. Oktober 1935 erklärte er, dass es »in Deutschland nur eine jüdische Olympiakandidatin von einigermaßen ausreichendem Können« gäbe, nämlich die Stuttgarterin Margaret »Gretel« Bergmann. Die anderen jüdischen Athleten »hätten jedoch nicht genügend Können gezeigt, um ernsthaft in Betracht gezogen werden zu können«.
Was Lewald nicht erwähnte: Schon kurz nach Hitlers Machtantritt wurden Juden aus den »arischen« Sportvereinen ausgeschlossen. Die zunächst noch erlaubten jüdischen Sportvereine boten keine adäquaten Trainingsmöglichkeiten und Vergleichswettbewerbe. Zumindest in den USA hätte man das wissen können. Bereits am 28. November 1933 hatte der amerikanische Botschafter in Berlin an seinen Außenminister geschrieben: »Meiner Meinung nach besteht kein Zweifel, dass Personen jüdischer Rasse oder Herkunft aus deutschen Sportverbänden und damit vom Vorbereitungstraining auf die Olympischen Spiele 1936 ausgeschlossen wurden.«
Lewald wahrt den Schein
Wie kein anderer wäre Lewald damals in der Position gewesen, das Nazireich wirkungsvoll zu blamieren, indem er öffentlichkeitswirksam von seinem Posten als IOC-Mitglied zurückgetreten wäre. Oder er hätte zumindest seinen Freunden im IOC einen Wink geben können. Doch er tat dies nicht. Er schwieg nicht nur zu den Lügen der Nazis, er erzählte auch selber welche, um die Austragung der Olympischen Spiele 1936 in Deutschland nicht zu gefährden.
Lewalds Pendant in den USA hieß Avery Brundage. Der Präsident des US-amerikanischen Olympischen Komitees war ein ehemaliger Leistungssportler, schwerreicher Bauunternehmer und großer Bewunderer Hitlers, den er vor allem wegen seines Antikommunismus schätzte. 1934 reiste er nach Deutschland und berichtete danach zu Hause, die Deutschen respektierten die olympischen Regeln. Die Boykottforderungen hielt Brundage für eine »jüdisch-kommunistische Verschwörung«. In der entscheidenden Abstimmung entschied sich die US-amerikanische »Amateur Athletic Union« im Dezember 1935 denkbar knapp (und mit Brundages tätiger Unterstützung) gegen einen Boykott. Danach folgten auch die meisten anderen Staaten dieser Entscheidung.³
Als Brundage mitgeteilt wurde, dass Juden in deutschen Sportvereinen nicht Mitglied werden können, erklärte er, in seinem eigenen Verein in Chicago seien Juden ebenfalls nicht zugelassen, was er offensichtlich für völlig normal hielt. Offener Antisemitismus war sowohl in den USA als auch in Europa weit verbreitet. Typisch für die damalige Einstellung vieler Sportfunktionäre dürfte die Haltung des IOC-Präsidenten Henri de Baillet-Latour gewesen sein: »Ich persönlich mag die Juden und ihren Einfluss nicht, aber ich werde nicht zulassen, dass sie auf irgendeine Weise belästigt werden.«⁴ Solchermaßen unter Druck gesetzt, genehmigte das Naziregime als Alibi schließlich die Teilnahme von vier jüdischen bzw. vom Regime als jüdisch erklärten Sportlern: Helene Mayer (Florettfechten), Rudolf »Rudi« Ball (Eishockey), Rudolf »Rudi« Weiß (Hockey) und zunächst auch Margaret »Gretel« Bergmann (Hochsprung).
Für das Ausland setzte das Regime sein freundlichstes Gesicht auf. Propagandaminister Joseph Goebbels wies die Presse an, den Ton in der Olympiaberichterstattung zu mäßigen. Es sollten keine Berichte über Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden erscheinen, keine rassistischen Kommentare in der Berichterstattung über Schwarze Sportlerinnen und Sportler fallen. Die häufig anzutreffenden Schilder mit der Aufschrift »Juden unerwünscht« mussten abgeschraubt werden. Der Vertrieb des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer wurde während der Olympischen Spiele an den Austragungsorten eingestellt. Die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, sich gegenüber den ausländischen Gästen zuvorkommend zu verhalten, »um alle Vorurteile, die Böswilligkeit und Unverständnis (...) dem deutschen Volke angedichtet haben« auszuräumen.⁵
Generalprobe
Die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen galten als Probelauf für die größeren und prestigeträchtigeren Sommerspiele in Berlin. »Wenn in Garmisch-Partenkirchen die geringste Störung passiert«, erklärte bereits 1935 der Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, Karl Ritter von Halt, »dann – darüber sind wir uns doch alle im klaren – können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen würden«.
Am 6. Februar 1936 fand die Eröffnungsfeier statt. In Anwesenheit Hitlers marschierten knapp 650 Sportlerinnen und Sportler aus 28 Nationen ins Skisprungstadion von Garmisch-Partenkirchen ein. Alles funktionierte wie am Schnürchen. Die IOC-Granden waren über die tadellose Organisation so begeistert, dass sie die nächsten Winterspiele ebenfalls nach Garmisch-Partenkirchen vergeben wollten.
Am 7. März ließ Hitler das entmilitarisierte Rheinland durch deutsche Truppen besetzen, die Westmächte protestierten nur halbherzig. Sanktionen blieben auch deswegen aus, weil Deutschland die Besetzung als gegen die kommunistische Sowjetunion gerichtet deklariert hatte.
Zu spät für Boykott
7. Juni. Die Kritik an Deutschland als Austragungsort für die Olympischen Spiele verstummte nicht. In Paris wurde eine internationale »Konferenz zur Verteidigung der olympischen Idee« durchgeführt, an der sich Intellektuelle aus vielen Ländern beteiligten. Einer von ihnen war Heinrich Mann: »Ein Regime«, sagte er, »das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und die freiheitlichen Sportler respektieren?«⁶ Doch es war bereits zu spät. Mit den Winterspielen war Olympia unaufhaltsam angelaufen.
27. Juni. Die Hochspringerin Margaret »Gretel« Bergmann stellte in Stuttgart mit einer Höhe von 1,60 Meter den deutschen Rekord ein. Damit hatte sie sich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Bergmann war 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Sportverein ausgeschlossen worden und daraufhin nach England emigriert. Dort hatte sie 1934 die nationale Meisterschaft gewonnen und hoffte auf eine Nominierung für das britische Olympiateam. Das Naziregime drohte mit Repressalien gegen ihre Familie und nötigte sie zur Rückkehr – sie sollte für Deutschland antreten. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie in ihrem früheren Sportverein trainieren durfte. Trotz der widrigen Trainingsbedingungen gelang es Bergmann nur vier Wochen vor den Spielen den deutsche Rekord einzustellen.⁷ Es »drohte« also eine Medaille für eine deutsche »Volljüdin« bei der Olympiade. Am 16. Juli eröffnete ihr der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL), dass sie nicht Teil der Olympiamannschaft sein wird. Dass die Absage an diesem Tag ausgesprochen wurde, war kein Zufall: Sie kam nur einen Tag nach der Abfahrt des Schiffs mit der US-amerikanischen Delegation nach Deutschland – es war also zu spät für das US-Team, den angedrohten Boykott umzusetzen.
10. Juli. Für die Zeit der Olympischen Sommerspiele wurde Berlin »aufgeräumt«: Obdachlose, Roma und Sinti wurden von den Nazis in ein Lager in Marzahn am Berliner Stadtrand gesperrt. Später wurden viele von ihnen von dort aus nach Sachsenhausen und Auschwitz deportiert.
12. Juli. In Sachsenhausen, nur wenige Kilometer von Berlin entfernt, mussten Häftlinge ein gigantisches Konzentrationslager bauen. Dort wurden während der gesamten Nazizeit ungefähr 190.000 Menschen eingesperrt, etwa 40.000 von ihnen wurden ermordet.
18. Juli. Eine als Gegenveranstaltung gegen die Naziveranstaltung geplante Volksolympiade in Barcelona musste wegen des faschistischen Generalangriffs auf die Spanische Republik abgesagt werden (vgl. junge Welt, 18.7.2026).
20. Juli. Der Fackellauf vom griechischen Ort Olympia nach Berlin startete. Die Idee, die olympische Flamme von Griechenland an den jeweiligen Austragungsort der Spiele zu transportieren, beruhte keineswegs auf einer uralten Tradition, sondern war eine Nazierfindung. Sie wurde 1936 erstmalig umgesetzt und sollte zeigen, dass die Nazispiele mit ihrem Kult von Stärke, Kraft, Schönheit und Jugendlichkeit auf die Antike zurückging.
Owens blamiert die Nazis
1. August. Vor 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauern eröffnete Adolf Hitler die Olympischen Sommerspiele in Berlin. Mannschaften aus 49 Staaten, angeführt von Griechenland, liefen ins Stadion ein.
3. August. 100-Meter-Lauf. Mit dabei: die beiden Schwarzen Athleten James »Jesse« Owens und Ralph Metcalfe. »Zwei Schwarze gegen vier Weiße«, kommentierte der Reporter des deutschen Fernseh-Rundfunks. »Europa gegen die USA. Der Kampf beginnt!«⁸ Und er endete nach 10,3 Sekunden. Owens hatte seine erste Goldmedaille gewonnen. Sechzehn Schwarze Athleten und zwei Schwarze Athletinnen gehörten zur US-amerikanischen Olympiamannschaft, die insgesamt 312 Athleten umfasste. Sie gewannen acht der 24 Gold-, vier der 20 Silber- und zwei der zwölf Bronzemedaillen des US-Teams.
Der bekannteste von ihnen war Owens. Er alleine gewann vier Medaillen: Neben dem Hundert- und dem Zweihundertmeterlauf gewann er die Viermal-100-Meter-Staffel und stellte einen neuen olympischen Rekord im Weitsprung auf. Hitler schäumte vor Wut. So war das nicht geplant gewesen. Als Owens seine zweite Medaille gewann, erhoben sich die anwesenden Nazipolitiker in der »Führerloge« und verließen das Olympiastadion. »Die Amerikaner sollen sich schämen«, so Hitler, »dass sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen.«⁹
Ebenfalls im US-Olympiateam waren die beiden jüdischen Läufer Marty Glickman und Sam Stoller. Beide wurden in letzter Minute und ohne Erklärung in der 100-Meter-Staffel durch Owens und Metcalfe ersetzt. Owens setzte sich für die beiden ein. »Ich habe schon meine drei Goldmedaillen gewonnen«, erklärte er. »Ich habe genug. Lasst Marty und Sam laufen, sie verdienen es.«¹⁰ Doch er hatte keine Chance. Offensichtlich wollte Hitlerfan Brundage dem deutschen »Führer« das Erlebnis von zwei medaillengewinnenden jüdischen Sportlern ersparen.
Während der Wettkämpfe freundeten sich der deutsche Weitspringer Ludwig »Luz« Long und Owens an. Um diese Freundschaft ranken sich allerlei Geschichten, die vermutlich ins Reich der Legenden gehören.¹¹ Sicher ist: Owens gewann die Goldmedaille im Weitsprung, Long wurde Zweiter. Und er war der erste, der Owens gratulierte und umarmte. Für den Gewinner bedeutete es viel, dass der Deutsche so offen seine Sympathie für ihn zeigte: »Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden«, schrieb er später. »Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, reichen. Hitler muss wahnsinnig geworden sein, als er uns uns umarmen sah.«¹²
Spiele und Krieg
Am 4. und 5. August fand der Wettkampf im Florettfechten der Frauen statt. Eine der Fechterinnen war Helene Mayer, Olympiasiegerin von 1928. Sie galt als »Halbjüdin« und durfte nur mit einer Sondergenehmigung Hitlers antreten. Wie Bergmann lebte sie vor der Olympiade bereits seit längerer Zeit im Ausland, in den USA. Dass sie mit ihrer Teilnahme an den Spielen das Naziregime unterstützte, brachte ihr viel Kritik ein. Thomas Mann beispielsweise appellierte an Mayer, nicht in den Dienst des Naziregimes zu treten. Mayer gewann die Silbermedaille. Es gibt ein Foto von der großen und blonden Helene Mayer auf dem Siegerpodest, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Der Reichskanzler war wohl sehr angetan von ihr und nannte sie bei einem Empfang anschließend die »beste und fairste Sportlerin der Welt«.
6. August. Unter größter Geheimhaltung startete die berüchtigte »Legion Condor« nach Spanien, um die faschistischen Truppen unter Francisco Franco gegen die Republik Spanien zu unterstützen. Knapp ein Jahr später bombardierten und zerstörten die deutschen Kampfflugzeuge die schutzlose baskische Kleinstadt Guernica. Schätzungen gehen von 250 bis 1.500 Zivilisten aus, die diesem Kriegsverbrechen zum Opfer fielen.
Neben all den Repräsentationsaufgaben verfasste Hitler irgendwann im August 1936 ein Memorandum. Dort erklärte er, ein Krieg mit der Sowjetunion sei unvermeidlich. »Die deutsche Armee«, so seine Bilanz, »muss in vier Jahren einsatzfähig sein. Die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.«¹³
Bereits am 16. August war dann die Propagandashow zu Ende. Das olympische Feuer wurde gelöscht, die olympische Fahne eingeholt. Deutschland ging mit 33 Gold-, 26 Silber- und 30 Bronzemedaillen als Sieger hervor, gefolgt von den USA mit 56 Medaillen.
Nachspiel
Long, der so mutig seine Sympathie für Owens gezeigt hatte, trat 1937 in den NSD-Studentenbund, in die SA und später auch in die NSDAP ein. 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen. 1943 starb er auf Sizilien.¹⁴
Theodor Lewald, der die Olympiade überhaupt erst nach Berlin geholt hatte, wurde nach den Spielen umgehend von den Nazis fallengelassen. Als innerhalb des IOC die Idee aufkam, ihn zum Vizepräsidenten zu ernennen, drängte Hitler ihn, sich aus dem Komitee zurückzuziehen, was er auch tat. Sein Nachfolger wurde Walter von Reichenau, ein glühender Nazi.
1938 erhielt das Bauunternehmen von Avery Brundage vom deutschen Reich den Auftrag, in Washington eine neue deutsche Botschaft zu errichten, der wegen des Zweiten Weltkrieges jedoch nicht ausgeführt wurde. 1945 wurde Brundage IOC-Vizepräsident, von 1952 bis 1972 war er Präsident des Komitees.
Die Schwarzen Sportler hatten ausgerechnet im faschistischen Berlin ein völlig neues Lebensgefühl erlebt. Sie wohnten und trainierten mit Weißen Sportlern zusammen, konnten in jeden Bus steigen, in jedem Lokal essen gehen (sofern sie es sich leisten konnten), und wenn sie irgendwo einen Kaffee bestellten, bekamen sie den auch. Von Berlin zurück in den USA, waren sie schnell wieder mit dem Rassismus in ihrem Heimatland konfrontiert. Bei der Siegerfeier im Luxushotel Waldorf Astoria mussten sie den Warenaufzug nehmen, um zum Festsaal zu gelangen (vgl. Der Spiegel, 25.5.2015). US-Präsident Franklin Roosevelt hatte ihnen weder Gratulationstelegramme nach Berlin geschickt noch sie im Weißen Haus empfangen. Er steckte gerade im Wahlkampf und befürchtete, Wähler aus den Südstaaten zu verprellen, wenn er öffentlich den Schwarzen Athleten die Hand schüttelte.
Zu dem Zeitpunkt war die sportliche Karriere von Jesse Owens bereits zu Ende. Im Anschluss an die Olympischen Spiele war er zusammen mit dem US-amerikanischen Leichtathletikteam von Brundage nach London zu weiteren Wettkämpfen geschickt worden. Doch Owens weigerte sich und machte sich statt dessen auf den Heimweg in die USA, um nach drei Monaten endlich seine Frau und seine kleine Tochter wiederzusehen. Daraufhin suspendierte ihn Brundage und entzog ihm zugleich den Amateurstatus des Leichtathletikverbands. Begründen musste er diesen Schritt nicht. Für Owens bedeutete das, dass er keine offiziellen Rennen mehr bestreiten konnte. Statt dessen arbeitete er in einer Reinigung, tourte mit einer Jazzband und sprintete zu Showzwecken gegen Rennpferde, Windhunde und Motorräder. Erst 1955, nachdem er von US-Präsident Dwight Eisenhower zum »Botschafter des Sports« ernannt und um die Welt geschickt wurde, besserte sich seine finanzielle Situation.
Die Fechterin und Silbermedaillengewinnerin Helene Mayer siedelte 1937 dauerhaft in die USA über und erhielt 1940 die US-Staatsbürgerschaft. 1938 begleitete sie die Regisseurin Leni Riefenstahl auf deren Reise durch die USA, um ihren Propagandafilm über die Olympischen Spiele zu bewerben. Bereits vor und dann auch nach den Spielen 1936 wurde Mayer insgesamt achtmal US-Meisterin im Florettfechten.
Bergmanns Leistung als Hochspringerin wurde nach 1936 eilig aus der Bestenliste in Deutschland getilgt. Bergmann emigrierte in die USA, wo sie die nationalen Meisterschaften im Hochsprung (1937, 1938) und im Kugelstoßen (1937) gewann.
Hitlers Memorandum war die Basis für einen Vierjahresplan, der übererfüllt wurde. Nicht vier Jahre, sondern fast auf den Tag genau drei Jahre nach seiner Niederschrift, überfiel die Wehrmacht am 1. September 1939 die Zweite Polnische Republik und brach damit den Zweiten Weltkrieg vom Zaun.
Anmerkungen
1 Um anzudeuten, dass es sich bei der Hautfarbenbezeichnung »schwarz« beziehungsweise »weiß« nicht um biologische Tatsachen, sondern um politisch-soziale Zuschreibungen handelt, schreibe ich diese Adjektive mit großen Anfangsbuchstaben. Lediglich bei Zitaten verwende ich die vorgefundene Schreibweise.
2 Zit. nach: Arnd Krüger: Theodor Lewald: Sportführer ins Dritte Reich. Berlin 1975, S. 41
3 Die UdSSR beteiligte sich grundsätzlich nicht an den Olympischen Spielen, die sie damals als eine bourgeoise Veranstaltung ablehnten. Erst 1951 schloss sich die UdSSR dem Internationalen Olympischen Komitee an.
4 Zit. nach Jack Kugelmass: Jews, Sports and the Rites of Citizenship. Champaign 2007, S. 19
5 https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/der-weg-zu-den-olympischen-spielen-1936-in-deutschland/
6 https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/141881/olympische-sommerspiele-in-berlin-1936/
7 https://juedische-sportstars.de/bergmann
8 Zit. nach https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-jesse-owens-100.html
9 Peter Martin: Schwarz versus Weiß, In: Mittelweg 36 (1998), Nr. 5, S. 79
10 »Jewish Athletes – Marty Glickman & Sam Stoller«. U. S. Holocaust Memorial Museum. Archiviert am 12.8.2012
11 Weiteres dazu siehe: Stefan Osterhaus: Freunde für einen Tag. In: Deutschlandfunk, 8.9.2024
12 Larry Schwartz: Owens pierced a myth. Auf: ESPN.com. 2007. https://www.espn.com/sportscentury/features/00016393.html
13 https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1955_2_5_treue.pdf
14 Auch hier gibt es eine Erzählung, derzufolge Long von der Front einen Brief an Owens geschrieben habe, in dem er seine Befürchtung ausdrückte, er müsse für die »falsche Sache sterben«. Auch dieser Brief gehört vermutlich ins Reich der Legenden.
→ Ursula Trüper schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Februar 2026 über Schwarze Boxer in den USA: »Der wirkliche Mister Amerika«
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