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Wettbewerb um KI

Die transatlantische Investitionslücke

EU-Investitionen wachsen deutlich langsamer als US-amerikanische

Foto: Audrey Richardson//REUTERS

Zwischen den USA und Europa tun sich Gräben auf: politische sowieso und ökonomische, etwa die Unternehmensinvestitionen betreffend. Letztere dürften laut einer Studie der Berateragentur Oxford Economics, über die die britische Financial Times (FT) am Montag berichtete, in den USA zwischen 2021 und Ende 2027 einen 40prozentigen Anstieg erreichen. In der Euro-Zone hingegen betrage der Zuwachs gerade mal 12 Prozent – und in der BRD, passend zum allgegenwärtigen Stillstand, nahezu null Prozent.

Die EU habe Mühe, Schritt zu halten. Wenig überraschend sei dafür der Boom künstlicher Intelligenz (KI) maßgeblich verantwortlich, der die Investitionen in den USA mehr als dreimal so schnell wachsen lasse wie in der EU. Die Vereinigten Staaten seien eine »dynamischere Wirtschaft«, erklärte Daniel Harenberg, Ökonom bei Oxford Economics. Sie entwickle sich viel schneller als die europäische, im KI-Wettlauf würden in den USA die großen Erfolge winken.

Das ist die bürgerliche Übersetzung dessen, was Marx als Zwang zur Akkumulation durch Konkurrenz beschreibt. Kapital strömt dorthin, wo die erwarteten Profite am höchsten sind. Wer nicht investiert, riskiert Verluste von Marktanteilen an Konkurrenten, die es tun – unabhängig davon, ob sich die Investitionen jemals auszahlen.

Und das ist tatsächlich ungewiss: Die vier US-Konzerne Google, Microsoft, Meta und Amazon investieren 2026 gemeinsam über 725 Milliarden US-Dollar, obwohl die Einnahmen der Branche bei einem Bruchteil davon liegen. Ein anschauliches Beispiel für Überakkumulation von Kapital im Verhältnis zu seiner realen Verwertung – in diesem Falle transatlantisch ungleich verteilt. Diese Lücke ist der räumliche Ausdruck davon, wo der Konkurrenzzwang zur Akkumulation gerade am stärksten wirkt. In den USA sitzen die hyperskalierenden Konzerne, die einander zu immer schnellerer Kapitalkonzentration bei der Entwicklung der Produktivkraft KI zwingen – mit dem Risiko, dass genau diese Flucht nach vorn die Krise beschleunigt, statt sie zu lösen.

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Erst Anfang der Woche erinnerte die FT an Mario Draghis Ruf nach einem Marshallplan-artigen Investitionsschub für Europa. 2024 hatte der ehemalige EZB-Chef in seinem Paper »The Future of European Competitiveness« 750 bis 800 Milliarden Euro an zusätzlichen privaten und öffentlichen Investitionen pro Jahr gefordert; rund 450 Milliarden für die Energiewende, der Rest für Digitalisierung, Innovation, Verteidigung und Lieferkettensicherheit beziehungsweise für das Schließen der Techlücke zu China und den USA.

Aber der Versuch, politisch zu erzeugen, was ökonomisch fehlt, ist auf halbem Wege steckengeblieben. Laut dem »Draghi Observatory«, einem Monitoringprojekt des Brüsseler Thinktanks EPIC (European Policy Innovation Council), sind von den 383 Einzelempfehlungen Stand Januar 2026 nur rund 15 Prozent vollständig umgesetzt worden, 24 Prozent teilweise, 61 Prozent blieben »in Arbeit« oder wurden noch gar nicht angefasst.

Staatliche Investitionslenkung kann fehlende privatwirtschaftliche Verwertungsdynamik nicht einfach ersetzen – aber möchte man das überhaupt? Eigentlich nicht. Denn schließlich hieße das, die riskante KI-Wette zu importieren und eine Dynamik zu reproduzieren, die strukturell auf Kapitalvernichtung zusteuert. Doch außen vor bleiben ist für Europa auch keine Option. Wer nicht mitzieht, verzichtet nicht bloß auf ein Risiko, sondern auch auf die Chance fetter Gewinne – und schließt sich womöglich dauerhaft von der nächsten Produktivkraftstufe aus.

Das kennt man vom Internetboom: Europa stand um 2000 ähnlich abseits, und aus diesem Rückstand ist bis heute kein europäischer Hyperscaler entstanden. Kurzum: Der Vorsprung der USA hat sich verfestigt, anstatt dass es zu einem Ausgleich gekommen wäre. Platzt die Blase, ist Europa über Finanzmärkte, Lieferketten und die eigene exportabhängige Konjunktur ohnehin betroffen, ganz gleich, ob es selber investiert hat oder nicht. Wer außen vor bleibt, riskiert somit das Schlechteste aus beiden Welten: die Kosten des Crashs zu tragen, ohne vorher an dessen Boomphase beteiligt gewesen zu sein.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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