Verliebt ins große Ganze
Der argentinische Gitarrist Martin Iaies stellt sein jazziges Large Ensemble vor
Wenn dieser Martin Iaies alles daran gesetzt hätte, ein Ass an der elektrischen Gitarre zu werden, wäre er nicht dahin gelangt, wo er heute steht: am Dirigentenpult vor einem fabelhaften kleinen Orchester, das ganz nach seiner Pfeife tanzt. Das Pult und die Pfeife können sofort wieder weg, denn wir sind hier erstens auf Jazzterritorium, und zweitens spielt Iaies auch als Dirigent und Orchesterleiter weiterhin sein angestammtes Instrument. Das Fabelhafte und das Tänzerische haben in den Kompositionen für sein Large Ensemble jedoch Bestand. »People. Places.« ist erst das dritte Album des argentinischen Musikers, der seit 2019 in Graz lebt und dort nach eigener Aussage gerade den Wandel vom Interpreten zum Tonsetzer vollzieht.
Man könnte auch sagen: Wo ein Normalsterblicher den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, findet Martin Iaies mühelos die Wunder am Wegesrand. Sammelt Trüffel, Täublinge, Stäublinge und Röhrlinge auf und zaubert daraus ein vorzügliches mehrgängiges Pilzgericht. Für den eigentlichen Kochvorgang hat der Mittdreißiger mit seinen zehn Begleiterinnen und Begleitern eine vielseitig ambitionierte Brigade beisammen, zu der auf drei Stücken auch noch der deutsche Sopransaxofonist und Bassklarinettist Klaus Gesing als Special Guest stößt, der schon mit Leuten wie Norma Winstone, Anouar Brahem, Kenny Wheeler oder Wolfgang Muthspiel gearbeitet hat. »Klaus einzuladen erschien mir anfangs fast surreal«, sagt Iaies. »Er war jemand, den ich seit Jahren auf einigen meiner Lieblingsalben hörte. Um so dankbarer bin ich, dass ich mich getraut habe, zu fragen. Seine Musikalität wurde zu einem zentralen Bestandteil der klanglichen Identität des Albums und hob das kollektive Niveau des Ensembles deutlich an.«
Die übrigen Musikerinnen und Musiker mag man hierzulande namentlich (noch) nicht kennen, aber das könnte sich schon bald ändern. Denn sowohl beim Bläsersatz (Alana Macpherson, Tobias Hoffmann, Milos Kostar, Anna Gollien, Matthias Bernsteiner und Jordi Roviro) als auch bei der Rhythmusgruppe (Thomas Quendler, Maximilian Kreuzer und Andreas Reisenhofer) begegnet man einmal mehr dem Phänomen, dass der aktuelle musikalische Nachwuchs über alle Sparten hinweg nicht nur hervorragend ausgebildet ist, sondern mit dem Erlernten schon viel Eigenständiges anzufangen und auch zum Gelingen eines großen Ganzen beizutragen weiß. Alle bauen hier eine intime Beziehung zu den Themen und Ideen der einzelnen Songs auf, verausgaben sich in solistischer Improvisation wie auch in kollektiver Klangsuche. Die Musik auf »People. Places.« entstammt keiner gängigen Schule, ist zwar oft erkennbar südamerikanisch eingefärbt, wie in »Zamba del Chaguanco«, hat aber auch viel zeitgenössische Kammermusik und interkontinentalen Jazz verinnerlicht.
»Als ich nach Österreich kam, fühlte ich mich wie ein Gitarrist, der komponiert. Heute, sieben Jahre später, sehe ich mich viel mehr als einen Komponisten, der sich über die Gitarre ausdrückt«, erklärt Iaies. Als Instrumentalist läuft er nicht unbedingt zu großer Markanz auf, beharrt aber entschieden auf seiner Herkunft aus der Rockszene von Buenos Aires und erliegt nicht dem Herdentrieb im üblichen Scofield- und Frisell-Gefolge. Seine Kompositionen jedoch, für die Iaies fein säuberlich zwischen Holz- und Blechbläsereinsätzen unterscheidet, verströmen einen warmen und eigenständigen Zauber. Mag das musikalische Material auch höchstens halb so komplex sein wie das eines Hermeto Pascoal, die fast durchweg längeren Stücke greifen großflächig aus und profitieren dabei von der harmonischen Vielfalt und der formalen Elastizität südamerikanischer Stile. Man denkt ja oft, es seien längst alle Melodien entdeckt, alle Klangfarben vergeben und alle rhythmischen Betörungen dechiffriert. Von wegen – Martin Iaies fliegen bisher ungehörte Variationen nur so zu.
Martin Iaies: »People. Places.« (Challenge/Bertus)
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