Hier und jetzt und da
Damit hat wirklich niemand gerechnet – mit einem neuen Album der britischen Popband Haircut 100
In einem Land vor unserer Zeit war Haircut 100 Teil des – auch mir nur aus Erzählungen noch Älterer vertrauten – legendären, exzessiven Popsommers 1982. Dass sie im Gegensatz zu anderen Protagonisten bald schon mehr oder weniger vergessen wurden, lag vielleicht auch daran, dass ihnen der Glamour fehlte, den Martin Fry von ABC mit seinem Goldlaméanzug ausstrahlte, oder Kid Creole & The Coconuts mit ihren exaltierten Kostümierungen. Haircut 100 mit ihrem Sänger Nick Heyward wirkten eher wie die sympathischen, schwiegermutterkompatiblen boys next door, die der älteren Nachbarin die Einkäufe nach Hause tragen. Während es schwerfiel, die Konzepte »Einkaufen« und »Martin Fry« überhaupt in Einklang zu bringen.
Zum anderen lag es vielleicht auch daran, dass sie nur dieses eine großartige Album (oder halbgroßartige, die Nostalgie verklärt einiges) Album »Pelican West« aufnahmen. Heyward stieg aus, physisch und psychisch überfordert. Die Band nahm ohne ihn noch die LP »Paint and Paint« auf. Sie klang wie das Werk einer hervorragenden Rhythmussektion auf der Suche nach einem Songwriter. Heyward nahm ein paar Soloalben auf, immer kompetent, nicht immer inspiriert.
Dass Haircut 100 nach fast 45 Jahren noch mal ein Album aufnimmt, hatte niemand erwartet. Und darauf gewartet hat vermutlich auch niemand. Dass »Box the Compass« überhaupt erschienen ist, ist also die erste Überraschung, dass es so gut geworden ist, die zweite, größere.
Das Album ausgerechnet mit dem eher konventionellen Popsong »Come Back to Me« zu eröffnen, war vermutlich eine pragmatische Entscheidung zweifelhafter Logik. Danach kommen »Vanishing Point« und »Soulbird« – da zeigt die Band, dass sie noch den alten Funk hat. Spätgeborene mögen sich »Club Tropicana« von Wham! vorstellen, aber treibender, erwachsener. Überhaupt, interessanter Aufbau des Albums: Einige der besten Stücke (»Someone«, »That’s a Start« und »Dynamite«) drängeln sich im letzten Drittel. Die funky Tracks schließen nahtlos an »Pelican West« an, sie verströmen den Geist wirklich exzessiver, ausgelassener Sommerpartys, hedonistisch, sorglos, wie schon lang nicht mehr erlebt.
Die vier Mittsechziger klingen mindestens so frisch wie mit Mitte 20, vor allem klingen sie bei jedem Stück, als hätten sie großen Spaß an der Sache. Zu keinem Zeitpunkt tapsen sie in die Reunionfalle, machen nie Malen-nach-Zahlen zur alten Formel. Sie sind präsent, sie sind »da«, sie sind »jetzt«. Selbst die zwischendurch immer wieder eingestreuten Adult-Oriented-Rock-Stücke haben fast immer noch einen oder zwei hübsche Einfälle, die sie davor bewahren, abgestanden zu wirken. Bläser, karibische Perkussion, eine Feier des Augenblicks, magisch wie 1982. Eigentlich die perfekte Platte für einen perfekten Sommer. Da hätten in einer weniger heruntergekommenen Welt drei bis vier Top-ten-Hits herausspringen müssen. Der Erscheinungstermin Mitte Juni war perfekt, die Rezension erscheint erst jetzt, weil ich – wie offenbar der Rest der Welt auch – von der Veröffentlichung nichts mitbekommen habe.
»Boxing the Compass« ist mindestens so gut wie »Pelican West« (wie gesagt, die Nostalgie verklärt einiges). Ein hervorragendes Popalbum, in eine Welt entlassen, die weitgehend vergessen hat, was sie mit hervorragendem Pop anfangen soll. Die Party hier passt nicht an diesen Punkt des Raum-Zeit-Kontinuums, aber das macht sie um so verführerischer.
→ Haircut 100: »Box the Compass« (October Is Orange Ltd t/a Map of England)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
