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BSW versus BSW

Staatstragend gegen rechts

Thüringer BSW-Chefin weigert sich, AfD zu normalisieren. Spaltungsbewegung erreicht Sachsen-Anhalt. Kapitalisten wenden sich von CDU ab

Foto: foto2press/IMAGO
Riskiert lieber die Spaltung der eigenen Partei, als von der CDU abzurücken: Katja Wolf (Erfurt, 22.11.2024)

Erst das Land, dann die Partei? Im offen ausgetragenen Machtkampf zwischen dem Thüringer BSW und der Bundesspitze geben sich die Erfurter betont staatstragend. Dort sitzen sie als Juniorpartner zusammen mit der SPD an der Seite der CDU auf der Regierungsbank und trotzen weiter der Aufforderung aus Berlin, diese Koalition zu verlassen. In einem am Donnerstag veröffentlichten Zeit-Interview strickt die BSW-Landesvorsitzende Katja Wolf nicht nur an der eigenen Legende, sondern wirft Parteigründerin Sahra Wagenknecht auch vor, Steigbügelhalterin einer »in vielen Bereichen hochgefährlichen« AfD in Sachsen-Anhalt zu sein. »Mir ging es darum, in einer stabilen Landesregierung Verantwortung übernehmen zu können und Björn Höcke als AfD-Ministerpräsidenten in Thüringen zu verhindern. Das war ja auch erfolgreich«, erzählt Wolf über den Eintritt in die Koalition Ende 2024.

Sie kritisiert die BSW-Gründerin dafür, dass es Wagenknecht »leider« »sehr schnell« nicht mehr darum gegangen sei, was nach den Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen »das Beste für die drei Bundesländer ist – sondern nur noch um die Zukunft ihres Lebensprojektes«. Das BSW musste nach der Einwilligung zur Regierungsbeteiligung in Brandenburg und Thüringen starke Verluste an Zustimmung in Umfragen hinnehmen. »Mit der Annäherung an die AfD hat Sahra Wagenknecht eine Grenze überschritten«, urteilt Wolf schließlich und lehnt damit den Plan Wagenknechts ab, gemeinsam mit anderen Parteien – explizit auch der AfD – einen »überparteilichen« Ministerpräsidenten zu wählen, falls Voigt wegen Entzugs seines Doktortitels fallengelassen wird. Wolf betonte, dass die AfD im Vergleich zu Voigt keinesfalls »das kleinere Übel« sei und »keine Politik für die kleinen Leute« verfolge. Die AfD agiere zudem »rassistisch und frauenfeindlich«.

Die Strategie Wagenknechts ist erkennbar, die AfD in den Parlamentarismus fest einzubinden, um ihr den Nimbus der einzigen außerhalb des etablierten Betriebs stehenden Wahloption zu nehmen. Das sei Wolf zufolge »viel zu leichtfertig«. »Ich möchte die AfD nicht an der Macht haben«, erklärte die Landesvorsitzende und deutete statt dessen die entsprechenden Vorstöße Wagenknechts als persönlichen Geltungsdrang und »Riesenenttäuschung« nach dem Nichteinzug in den Bundestag.

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In Sachsen-Anhalt, wo am 6. September der Landtag neu gewählt werden soll und die AfD in Umfragen bei rund 42 Prozent gesehen wird, distanzieren sich ebenfalls BSW-Funktionäre von der Bundesspitze um Wagenknecht. So berichtete die Mitteldeutsche Zeitung am 16. August, dass in Halle (Saale) die Universitätsdozentin Sylvia Winkelmann-Witkowsky zwar auf dem Wahlzettel für das BSW steht, aber nicht gewählt werden will. Sie zähle zu den Unterzeichnern eines Austrittsschreibens, in dem der Parteispitze ein »autoritärer Führungsstil« und die Annäherung an die AfD vorgeworfen werde, wie das Blatt am 10. August berichtet hatte.

Derweil hält der Thüringer Inlandsgeheimdienst die Verbotsdebatte am Köcheln. »Faschisten, die nach der Macht greifen«, dürften nicht »wieder in politische Ämter« gewählt werden, sagte der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer, am Donnerstag im Deutschlandfunk. Die Voraussetzungen für ein Verbotsverfahren seien gegeben: Die Landesämter in mehreren anderen Bundesländern stufen die AfD als »gesichert rechtsextrem« ein. Kramer sehe, was »Sprachbilder, Feindbilder und die völkischen Vorstellungen angeht«, auch »keine Unterschiede« mehr zur NSDAP.

Auch vor diesem Hintergrund dürfte der Bremer Verein für Innere Mission die Entscheidung getroffen haben, die Ausnahmen für kirchliche Organisationen beim Arbeitsrecht ausreizen zu wollen. Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass der Verein der langjährigen Hospizbeschäftigten Martina Müller in Jever gekündigt hatte, nachdem diese ihre AfD-Kandidatur für den Kreistag des Landkreises Friesland und den Gemeinderat Wangerland öffentlich gemacht hatte. Zur Begründung wurde auf die »Werte« von Kirche und Diakonie verwiesen.

Mehrere Kapitalisten wiederum sehen die Zeit gekommen, sich der AfD zuzuwenden. So hat der CDU-Politiker und Transportunternehmer Bernd Prange, Mitglied des Stendaler Kreistags und Ortsbürgermeister in Seehausen in der Altmark, der AfD Sachsen-Anhalt 10.000 Euro gespendet und zur Wahl der Partei aufgerufen, wie die Volksstimme am Donnerstag berichtete. Ihn treibe die Sorge um, dass »Teile der CDU dieses Land und ihre eigene Partei an die Linken verraten und verkaufen«. Damit ist er nicht allein. »Mir fällt es schwer, die CDU wieder zu wählen«, sofern Ministerpräsident Schulze nicht ausschließe, »sich von der Linken beeinflussen« zu lassen, zitierte der Focus (Donnerstag) einen bislang CDU-treuen Kapitalisten beim »Wahlforum« der IHK Halle-Dessau vom Dienstag abend.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Dr. Lothar Zieske aus Hamburg 21. Aug. 2026 um 20:49 Uhr
    Ich hatte gehofft, dass Schölzels Kolumne »Betreutes Wählen« ein Ausreißer sein werde. Marc Bebenroths Artikel »Staatstragend gegen rechts« hat mich eines anderen belehrt: Statt den Artikel zu lesen, genügt es, sich das dort abgedruckte Foto der BSW-Vorsitzenden des Thüringer Landesverbandes, Katja Wolff, anzusehen und sich die Bildunterschrift durchzulesen. Frau Wolff ist in einer Pose dargestellt, die Arroganz und sonst gar nichts ausdrückt. Dazu passt der Text wie die Faust aufs Auge: »Riskiert lieber die Spaltung der eigenen Partei, als von der CDU abzurücken: Katja Wolff.« Ihr wird also der Versuch der Spaltung der eigenen Partei vorgeworfen. Opfer wäre dann insbesondere Sahra Wagenknecht. Diese nun verdankt den Vorsitz ihrer Partei der vorangegangenen Abspaltung von der ParteiDie Linke. Da verbietet sich Empfindlichkeit, wenn ihr Ebensolches geschehen sollte. Die Forderung, von der CDU abzurücken, ist nicht ohne den dazugehörigen Hintergrund zu beurteilen: Dass Sahra Wagenknecht derzeit das Tabu bricht, die AfD zu normalisieren. Leider hat ihre Taktik zur Zeit auch verheerende Wirkungen auf die Friedensbewegung, wo zu beobachten ist, dass einzelne Personen dabei sind, den Schwur von Buchenwald auf die Parole »Nie wieder Krieg!« zu reduzieren. Als Mitglied einer 40 Jahre alten antifaschistischen Organisation und zugleich der Friedensbewegung halte ich diese Entwicklung für verheerend. Lothar Zieske Hamburg
  • Roland Weinert aus 65366 Geisenheim 21. Aug. 2026 um 11:36 Uhr
    Noch nie gab es in der deutschen Nachkriegsgeschichte etwas ideologisch Dümmeres als diese »Brandmauer«, die alles blockiert zum Nachteil Deutschlands, welche ergebnisoffene Diskussionen und Diskurse unterbinden hilft, welche die Herbeiführung eines größtmöglichen Allgemeinwohls verhindert, die überfälligste Reformen verhindert, die ablenken soll von politischem Totalversagen, gebaut von vermeintlichen DemokratInnen, welche den Souverän zutiefst verachten. Ein Fanatismus dieser Art ist typisch deutsch! Und ich frage mich: Kann Deutschland, können die Deutschen überhaupt Demokratie? Und ich verstehe darunter nicht »unsere Demokratie«, sondern einen ideologiefreien Demokratiebegriff. Und dann die Sprache der Prätendenten von »unserer Demokratie«: zutiefst faschistoid, milde formuliert. Ich sage es frei heraus: »Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten« (Verfasser mir unbekannt). Preisfrage: Wer führt im Verbund mit den USA als Vasall Deutschland, die EU, die Welt wieder in einen Abgrund? Wer regiert in Deutschland seit dem Jahre 1949 durch? Richtig: CDU/CSU! P.S.: Kontinuitäten in der deutschen Geschichte drängen sich auf: Deutsche Zentrumspartei in der Weimarer Republik unter von Papen – CDU/CSU im Nazi-CDU-Adenauer-Nachkriegsdeutschland.
    • Stoeckl aus Berlin 21. Aug. 2026 um 17:42 Uhr
      Sie fragten am Ende Ihres von mir zitierten Beitrages: »Wer regiert in Deutschland seit dem Jahre 1949 durch?« Und Sie antworten sich selbst: »Richtig! CDU/CSU!« Dies ist jedoch falsch, da CDU/CSU zwischen 1969 und 1983 gerade nicht in Regierungsverantwortung standen. Sie bekämpften erbittert die sogenannte Entspannungspolitik Brandts und setzten stattdessen auf rüden Antikommunismus, der inzwischen leider wieder Staatsdoktrin ist. Und selbst Franz Josef Strauß setzte sich letztendlich für einen Swing ein, der die DDR mit Milliarden kreditierte und sie letztendlich in die finanzielle Ausweglosigkeit trieb und schließlich zur sogenannten Wende führte.
      • Roland Weinert aus 65366 Geisenheim 26. Aug. 2026 um 13:45 Uhr
        Falsch: Ich bin ein absoluter Befürworter der Entspannungspolitik von Brandt und Bahr, Pazifist und sozusagen »Grüner der ersten Stunde« (bis zum Jahre 2005). Auch setze ich mitnichten auf »rüden Antikommunismus«. Lesen Sie einfach, was ich so schreibe. Was auf mich zutrifft: Ich misstraue allen (!) politischen Parteien abgrundtief! Ferner bin ich der Auffassung: Kein deutscher Staatsbürger sollte sich für diesen Staat oder die sogenannte Westliche Unwertegemeinschaft, den die ÖRR propagandistisch unterstützen und für den diese wie auch andere stehen, auch durch tätiges Nichttun/Verschweigen (NATO-Osterweiterung als eine Kriegsursache), Verdrehen von (vermeintlichen) Tatsachen, in welchem Pazifistinnen und Pazifisten u. a. Gruppen systematisch straffrei diffamiert werden, zu welchem Dienst auch immer zur Verfügung stellen – womöglich noch sein Leben riskieren, welches deutsche Politik leichtfertigst aufs Spiel setzt seit dem Jahre 2001 bzw. dem 24.02.2022.
  • Karl-Heinz Schmidt aus Braunschweig 20. Aug. 2026 um 20:25 Uhr
    Sahra Wagenknecht ist mit ihrem Pro-AfD-Kurs auf dem Holzweg. Dadurch ist sie gerade dabei, ihr Lebenswerk komplett in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versenken. Ich konnte diesen gefährlichen Weg nicht mehr mitgehen und habe aus diesem Grund am 17.Juni 2026 meinen Rücktritt als Mitglied im Kreissprecherrat meines Kreisverbandes und meinen sofortigen Parteiaustritt erklärt. Ich hatte gehofft, dass sich das BSW hin zu einer wirklichen Partei »für kleine Leute« entwickelt, und wurde brutal enttäuscht. Schade, dass mein ehemaliges Herzensprojekt so jämmerlich endet.
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