Zum Inhalt der Seite

Das Gespenst der Niederlage

Von Reinhard Lauterbach
Foto: jW

Der österreichische Oberst Markus Reisner ist unter den Ukraine-Kommentatoren ein vergleichsweise kühler Kopf. Schon die Tatsache, dass die sonst eher auf der Scharfmacherseite stehende Welt am Donnerstag ein längeres Interview mit ihm führte, könnte aufmerken lassen. Auch wenn Reisner formal das herrschende Narrativ bedient, der Drohnenfund am Leipziger Flughafen gehe höchstwahrscheinlich auf Russland zurück: Gerade weil eigentlich gar nichts passiert sei. Denn wenn die Absicht der Akteure gewesen sei, nicht Schaden anzurichten, sondern Verunsicherung zu stiften, dann sei dieses Ziel »mit minimalem Aufwand und ohne Explosion erreicht« worden. Welches Interesse Russland daran haben sollte, »Tausende Beamte in unterschiedlichen Behörden zu beschäftigen«, also das zu tun, was diese Staatsdiener sowieso tun, legt Reisner nicht dar. Immerhin fährt er fort, es könne auch die Ukraine hinter dem Drohnenfund stehen – gerade, weil ihren für den Rüstungsnachschub genutzten Frachtmaschinen letztlich ja nichts geschehen sei. Denn die hätte ein Motiv, sei von hier aus hinzugefügt: genau jene psychologische Kriegsbereitschaft in Deutschland zu schüren, an der Kiew dringend gelegen ist, Russland aber eben nicht. Es werde, so wieder Reisner, »extrem schwierig sein, herauszufinden, wer dahintersteckt«.

Wie praktisch, da ist der Spekulation keine Grenze gesetzt. Ähnlich argumentiert Reisner im weiteren Verlauf zur Frage, für wie wahrscheinlich er einen russischen Angriff auf das NATO-Gebiet halte: nicht sehr. Aber dass Russland in Estland das Grenzstädtchen Narva aufwiegeln und zu einer Abspaltung von Estland ermuntern könnte, das halte er schon für denkbar. Die Gedanken sind bekanntlich frei. Auch von der Überlegung, was Russland von einer solchen Abspaltung hätte: nichts und wieder nichts. Nur der Westen wäre blamiert, denn der »würde nur schwerlich eine geschlossene Antwort darauf finden. Die Frage ist doch: Wären Washington oder Madrid bereit, für die Provinz Narva im fernen Estland einen Krieg zu riskieren?«

Anzeige

Es zieht sich eine Unterströmung der Verunsicherung selbst durch die kriegstüchtige Schreiberzunft. Im aktuellen Spiegel diagnostiziert Maximilian Popp zur Lage am Persischen Golf einen Sieg des Iran und eine Niederlage der USA. Aus der bleibe Donald Trump nur die Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen: Die schlechtere wäre, »die Soldaten aus Nahost einfach heimzuholen und möglichst alles zu vergessen, was mit Iran zu tun hat. Eine Katastrophe wäre das in erster Linie für die Menschen in Iran, die allein wären mit einem mörderischen, radikalisierten Regime.« Und nicht etwa für die Weltherrschaftsambitionen der USA. Als wäre es Trump im übrigen jemals um das Wohl der iranischen Bevölkerung gegangen. So hält man noch im Moment der Niederlage an der offiziellen Propagandalüge fest. Die etwas weniger schlechte Alternative wäre für Popp, doch wieder mit dem Iran zu verhandeln. Aber dann müsste man ihm ja etwas bieten. Auch schlecht. Denn wer sind »wir«, dass wir Zugeständnisse machen? Aber es gehe für den Westen sowieso nur noch um Schadensbegrenzung: »Trump würde mit einem Rückzug auch ein Signal an Machthaber wie Wladimir Putin senden: Sinnlose Kriege lassen sich beenden.«

Nur sieht das aus russischer Perspektive ganz anders aus: Sinnlos ist der Ukraine-Krieg inzwischen aus westlicher Perspektive. Dreistellige Milliardensummen für Kiew haben Russland nicht die erwünschte »strategische Niederlage« gebracht. Das auszusprechen, fällt verdammt schwer.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 3, Der schwarze Kanal

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!