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Da fehlt ein Plan

Foto: jW

Am Freitag erscheint das Handelsblatt mit der Schlagzeile »Wohlstand ist alle«. Die Unterzeilen lauten: »Die Radikalen diktieren die Richtlinien der Politik – mit fatalen Folgen für die Wirtschaft.« Die erste Aussage ist reißerisch, enthält aber ernstzunehmende Warnungen vor einem Anstieg der Armut, der von der amtierenden Koalition beschleunigt wird, obwohl unbezahlbarer Alltag schon zu den jüngsten Wahlergebnissen beitrug. Der Satz über die »Radikalen«, die irgend etwas zu bestimmen hätten, ist Blödsinn. Die »fatalen Folgen für die Wirtschaft« ergeben sich aus der unangetasteten Eigentumsstruktur der Bundesrepublik, die für immer weniger Milliardärsfamilien unentwegt immer mehr Vermögen bereitstellt, und aus der Politik der für Rüstung und Krieg die Staatskasse plündernden Koalition.

So drückt der Titel vor allem Chaos im Oberstübchen der herrschenden Klasse aus. Da kollidiert etwas. Der gescheiterte, aber noch nicht weggetretene Kanzler Friedrich Merz scheint erneut sein Heil im Krieg zu sehen, diesmal mit mehr »europäischer« Unterstützung als beim letzten Mal. Kooperation und Konzentration auf Entwicklung der technischen Produktivkräfte, um die sich in der Weltpolitik gegenwärtig ziemlich viel dreht, ist jedenfalls nicht Sache des deutschen Großbürgertums und seines politischen Personals.

Angesichts der Lage scheint Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes aber die Akzente auf ersteres zu legen. Er stellt im Editorial sein neues Buch »Inside 2029. Wie Deutschlands Wirtschaft wieder Weltklasse wird – ein Bericht aus der Zukunft« vor, in dem er beschreiben will, was dazu »von erfolgreichen Technologiezentren der Welt« zu lernen ist. Seine Antwort entspricht dem Vergesellschaftungsgrad der kapitalistischen Produktion. Seine Gesprächspartner in den »technischen Ökosystemen« von Indien, Singapur, China oder den USA »haben mich etwas gelehrt, was ich vorher nicht wusste: Keine dieser Regionen entstand zufällig.« Ohne Staat ging es nirgendwo.

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Warum blieb Deutschland in den vergangenen rund 20 Jahren zurück? Matthes: »Der eigentliche Treiber unseres wachsenden Wohlstands war das zunehmende Geschäft mit China, alles andere höchstens Begleitmusik.« Nun, da China technisch enteilt ist, nennt der Autor drei Lehren für Deutschland: »Der Staat muss nicht wissen, welches Medikament als nächstes wirkt. Er muss helfen, jene Labore zu bauen, in denen es entdeckt werden kann.« Zweitens: »Um in den Schlüsseltechnologien von morgen führend zu sein, braucht es also einen Staat, der große technologische Wetten finanziert, bevor ein Markt für die aus diesen Technologien entstehenden Produkte existiert.« Heißt wohl: Innovation erfordert heute Kapitalmengen, die nur mit staatlicher Hilfe bereitgestellt werden können. Neu ist das genausowenig wie die dritte Lehre, die aus Shenzhen kommt: »Dort dürfen Unternehmen ganze Stadtviertel als Versuchsraum nutzen, in dem autonome Fahrzeuge und Lieferdrohnen unter realen Bedingungen ausprobiert werden. ›Erst testen, dann regulieren‹, das ist das Motto der Stadtregierung.« Matthes nennt das »Geist der kontrollierten Offensive«.

Er kommt zu dem hierzulande ungewöhnlichen, aber zwingend erscheinenden Schluss: »Was fehlt, ist ein Plan.« Das allerdings ist letztlich nicht Erhard, sondern sind Marx, Engels, Lenin, Ulbricht usw. Matthes setzt hinzu: »Und vor allem fehlt jemand, der für diesen Plan kämpft.« Das auskömmlich gepamperte deutsche Großbesitzertum kämpft darum jedenfalls nicht, erst recht nicht seine Regierung. Wie der Herr, so’s Gescherr.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.09.2026, Seite 3, Der schwarze Kanal

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