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21.05.2026
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Baltikum voller Drohnen
Alarm in Litauen, Regierung im Bunker. Ukraine entschuldigt sich nach Abschuss einer Drohne bei Estland und startet Offensive
Die Serie der Drohnenvorfälle im Baltikum reißt nicht ab. Am Mittwoch vormittag ging in der litauischen Hauptstadt Vilnius Luftalarm los, nachdem im Grenzgebiet zu Belarus eine einfliegende Drohne gesichtet worden war. Auch die Regierung begab sich in einen Luftschutzraum, der Flughafen wurde geschlossen, der Bahnverkehr eingestellt. Der Alarm wurde nach einer halben Stunde wieder abgeblasen; was aus der Drohne geworden war, wurde nicht mitgeteilt.
Am Dienstag hatte im estnischen Luftraum erstmals ein NATO-Jet eine ukrainische Drohne abgeschossen. Sie war nach Darstellung der estnischen Behörden aus Richtung Ostsee in östlicher Richtung, also nach Russland, unterwegs. Das erhärtet russische Meldungen, wonach die Ukraine ihre Drohnen auf Ziele bei St. Petersburg von scheinbar zivilen Schiffen in der Ostsee aus starten soll.
Der Vorfall über Estland lässt sich auch als Warnung des westlichen Kriegsbündnisses an Kiew lesen, es mit der Nutzung des NATO-Luftraums für Angriffe auf Russland nicht zu übertreiben. Der ukrainische Verteidigungsminister Michajlo Fedorow musste sich in einem Gespräch mit seinem estnischen Kollegen für den angeblich unbeabsichtigten Vorfall entschuldigen; Kiew räumte ein, dass es Estland vor den Überflügen nicht konsultiert hatte. Ebenfalls am Dienstag beteuerten die Regierungen in Kiew und Riga, dass russische Vorwürfe gegenstandslos seien, ukrainische Drohnenpiloten seien bereits auf mehreren lettischen Stützpunkten stationiert, um Drohnenangriffe in Richtung Russland zu führen. Moskau hatte in diesem Zusammenhang Lettland mit Vergeltungsschlägen gedroht. Auch die NATO-Mitgliedschaft werde das Land nicht schützen, wenn es sich zum Helfershelfer »terroristischer Anschläge« mache.
Unabhängig von den sich häufenden Vorfällen im Baltikum setzten Russland und die Ukraine ihre gegenseitigen Angriffe auch in der Nacht zum Mittwoch fort. Ukrainische Drohnen trafen nach Kiewer Angaben eine Chemiefabrik im südrussischen Newinnomyssk und eine Raffinerie des Lukoil-Konzerns in Kotowsk bei Nischnij Nowgorod. Der Gouverneur der Region bestätigte den Angriff und den entstandenen Sachschaden, schrieb ihn aber herabfallenden Trümmern abgeschossener Drohnen zu und nicht direkten Treffern.
Um noch stärker gegen ukrainische Angriffe auf russische Öl- und Gasfelder im Kaspischen Meer vorzugehen, hat das Oberhaus in Moskau am Mittwoch ein Gesetz verabschiedet, dass das Abschießen von Drohnen über dem Meer erlaubt, wie Reuters meldete. Zuvor habe diesbezüglich ein rechtliches Vakuum bestanden.
Bei russischen Angriffen auf Ziele in der Ukraine wurden in der Nacht zum Mittwoch zwei Menschen getötet und etwa 20 verletzt. Getroffen wurden laut den Angaben Moskaus Rüstungsbetriebe in Dnipro sowie der Hafen von Reni im Donaudelta. Gegenüber dem russischen Portal Aif.ru räumte ein Gesprächspartner mit militärischem Hintergrund ein, dass es technisch nicht möglich sei, eine Hafenanlage auf einen Schlag zu zerstören. Wenn ein Kai zerstört sei, baue die Ukraine sehr rasch einige hundert Meter weiter einen neuen. Die Aussage lässt sich als Antwort auf im russischen Publikum offenbar umlaufende Fragen lesen, warum die monatelange Bombenkampagne die Häfen nicht längst lahmgelegt habe.
Ähnlich skeptisch äußerte sich der Direktor des russischen AKW-Betreibers Rosatom über die Sicherheit des von Moskau kontrollierten AKW Saporischschja. Die Notstromversorgung reiche zwar für etwa zwei Monate, aber angesichts ständiger ukrainischer Angriffe auf die Anlage und die Satellitenstadt Energodar komme der Punkt, von dem es kein Zurück mehr gebe, immer näher. Zudem haben ukrainische Truppen am Boden in dem etwa 50 Kilometer Dnipro-aufwärts gelegenen Ort Stepnogirsk offenbar eine Gegenoffensive gestartet. Russische Medien räumten ein, dass die Situation dort für die eigenen Truppen »angespannt« sei.
Weiter östlich im Donbass gelang es der russischen Armee dagegen nach monatelangen Kämpfen offenbar, die Stadt Pokrowsk vollständig einzunehmen. Auch ukrainische Quellen räumten unter Berufung auf nahe der Stadt eingesetzte Soldaten ein, dass es »keinen Zweck mehr habe, dort auszuhalten«. Die Stadt, die in russischen Quellen mit ihrem sowjetischen Namen Krasnoarmejsk benannt wird, hatte vor dem Krieg etwa 60.000 Einwohner und ist inzwischen weitgehend zerstört. Videoaufnahmen von Drohnen zeigen, dass praktisch kein Haus mehr steht; russische Frontberichte besagen unter anderem, dass die Angreifer jedes Haus einzeln hätten erobern müssen. Auch das benachbarte Mirnograd ist inzwischen offenbar von Russland erobert worden. Aus diesem Raum ließe sich theoretisch in den Rücken des nördlich gelegenen Festungsgürtels von Kramatorsk und Slowjansk vorstoßen; eine solche Offensive gilt allerdings wegen des Patts in der Drohnenkriegführung aktuell als wenig wahrscheinlich.
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