Aus: Ausgabe vom 04.08.2018, Seite 12 / Thema

Verlorene Illusionen

Vor 100 Jahren kam der Russische Bürgerkrieg zu einem ersten Höhepunkt. Als er 1920 zu Ende ging, waren mindestens acht Millionen Menschen tot – und die Bolschewiki hatte eine brutale Lektion in Realpolitik gelernt

Von Reinhard Lauterbach
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Entscheidend für den Sieg der Bolschewiki war die im Januar 1918 gegründete Rote Armee. Die militärisch unerfahrenen Arbeitermilizen hätten gegen die »Weißen« keine Chance gehabt – Rotgardisten bei ihrer Vereidigung (o. O., vermutlich 1919)

Dass die Oktoberrevolution nicht so ablief, wie es Sergej Eisenstein anlässlich ihres zehnten Jubiläums in seinem Film »Oktober« inszenierte, ist inzwischen bekannt. Es gab keinen Massensturm über den Petrograder Schlossplatz. Er war nicht mehr nötig. Kämpfer des Militärrevolutionären Komitees hatten am frühen Morgen des 25. Oktober 1917¹ alle strategischen Punkte der damaligen russischen Hauptstadt besetzt; am Vormittag floh Ministerpräsident Alexander Kerenski in einem Auto der US-Botschaft unter dem Sternenbanner ins Armeehauptquartier in Pskow. Abgesprochen war das wohl nicht. Die USA jedenfalls beschwerten sich anschließend auf diplomatischem Wege über die Beschlagnahme der Limousine, für die die Provisorische Regierung an anderer Stelle noch Benzin hatte requirieren müssen. Die Besetzung des Winterpalais am Abend desselben Tages war jedenfalls nur noch eine Formsache.

Die Revolution gelang, weil die Provisorische Regierung in der Hauptstadt keine ihr ergebenen Truppen mehr hatte. Aber das heißt nicht, dass sie über gar keine mehr verfügte. In Pskow weigerte sich die Armeeführung zwar, Kerenski reguläre Soldaten zur Verfügung zu stellen. Aber immerhin konnte Kerenski einige Kosakenhundertschaften mobilisieren. Die erste Schlacht des Russischen Bürgerkriegs fand nur fünf Tage nach dem Umsturz, am 30. Oktober 1917, auf den Höhen von Pulkowo südlich von Petersburg statt, dort, wo heute der Flughafen der Stadt liegt. Der Versuch, die revolutionäre Hauptstadt zu stürmen, scheiterte.

Ausgesperrt, aber nicht besiegt

Nicht überall gelang der Machtwechsel so glatt wie in Petrograd. In Moskau taten sich die Bolschewiki schwer. Die Kämpfe mit Anhängern der Provisorischen Regierung dauerten mehrere Wochen. Alles in allem aber konnten die Bolschewiki bis Ende 1917 den Großteil der zentralrussischen Industriegebiete unter ihre Kontrolle bringen. Sie waren in den dortigen Arbeiter- und Soldatenräten meist die stärkste politische Kraft, doch hatten sie in der Regel keine eigene Mehrheit. Auf dem II. Allrussischen Rätekongress, der am 26. Oktober die Übernahme der Regierungsmacht beschloss, stellten sie maximal 45 Prozent der Delegierten. Erst der Auszug der Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre unter Protest gegen den »Putsch« des Vortags schuf unter den verbliebenen Delegierten die Einmütigkeit, die die Bolschewiki später als Beleg für die allgemeine Unterstützung anführten, welche sie genossen hätten. Die Realität sah anders aus. Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung im November 1917 – als die ganze Bevölkerung zur Abstimmung aufgerufen war, nicht nur die Arbeiter und Soldaten – erhielt die Partei Lenins nur 24 Prozent der Stimmen. Großer Wahlsieger waren die Sozialrevolutionäre (SR), für die knapp 40 Prozent der Wähler stimmten. Weil die Wahlzettel noch nicht zwischen den »rechten« und den damals die Bolschewiki unterstützenden »linken« Sozialrevolutionären unterschieden, ist die Frage, wie hoch der Anteil jener war, die die Koalition zwischen Bolschewiki und linken SR unterstützt hätten, im nachhinein nicht mehr zu beantworten.

Ein Mandat zur Beteiligung an der künftigen Regierung hatten die Bolschewiki damit zweifellos erhalten, zumal die Kräfte des alten Regimes hoffnungslos abgeschlagen waren, sie erhielten lediglich fünf Prozent der Stimmen. Ein gesellschaftliches Mandat zur alleinigen Machtausübung hatten die Bolschewiki aufgrund dieser Abstimmung jedoch nicht. Aber eine Koalitionsregierung war nicht das Ziel der Kommunisten. Dass sie die Abgeordneten der Konstituante, die in den ersten Januartagen 1918 zusammentrat, nach einem einzigen Sitzungstag nach Hause schickten, weil sie in Petrograd lokal die Macht dazu hatten, war aufgrund der Kräfteverhältnisse zwar aus ihrer Sicht konsequent, aber man muss unter dem Strich festhalten: Die Oktoberrevolution war das Werk einer relativen Mehrheit innerhalb einer in der Gesellschaft minoritären Klasse. Der Gegner war ausgesperrt, aber er war nicht besiegt.

Die erste Phase ihres Siegeszuges verdankten die Bolschewiki mehr der Desorganisation ihrer Gegner als eigenen Verdiensten. Viele Feinde der Revolution hofften anfangs, der »bolschewistische Staatsstreich« werde innerhalb weniger Wochen von selbst zusammenbrechen. Das Fachpersonal des alten Staatsapparats trug von Anfang an dazu bei. Alexandra Kollontai, die neue Volkskommissarin für Sozialfürsorge, wurde beim Versuch, ihr Amt anzutreten, vom Pförtner nach Hause geschickt. Sie musste mit einer Militäreskorte wiederkommen, um überhaupt in ihr Ministerium hineinzugelangen. Anderswo vernichteten die Beamten Unterlagen oder schlossen sie in Safes ein, deren Schlüssel sie nach Hause mitnahmen oder in die Petersburger Kanäle warfen. Für den Kampf gegen solche Fälle von Sabotage war ursprünglich die sogenannte Sonderkommission (Tscheka) gedacht, die Anfang Dezember 1917 unter der Leitung von Feliks Dzierzynski ins Leben gerufen worden war. Dass sie später zu einem der wichtigsten Instrumente der Aufrechterhaltung der Sowjetmacht mit Hilfe von Repression wurde, war nicht geplant. Im Dezember 1917 zählte die Tscheka zwei Dutzend Mitarbeiter; schon im Juni 1918 waren daraus 1.000 geworden, Anfang 1919 37.000, und zum Ende des Bürgerkriegs 137.000.²

Probleme der Agrarrevolution

Zunächst kaum eine Rolle in der gesamtrussischen Auseinandersetzung spielte das flache Land, wo die Bevölkerung mit sich selbst bzw. mit der Neuaufteilung des Ackerlandes beschäftigt war. Auch das kam den Bolschewiki kurzfristig zugute, blieb aber langfristig ein Schwachpunkt. Denn sie hatten vor dem Oktober kurzerhand das Agrarprogramm ihrer innenpolitischen Hauptkonkurrenten übernommen – der auf dem Lande verwurzelten Sozialrevolutionäre. Sie duldeten, was sie 1917/18 nicht verhindern konnten: dass sich die Bauern das Land der Gutsbesitzer, des Staates und der Kirche einfach nahmen und es als Familienbetriebe bewirtschafteten. Es war in einem gewissen Sinne die Vollendung der Stolypinschen Landreform, die eine Schicht kapitalistisch wirtschaftender Parzellenbauern hatte schaffen wollen, im Eiltempo und, anders als es der 1911 ermordete Ministerpräsident des Zaren gewollt hatte, rücksichtslos gegen bestehende Eigentumstitel anderer. Der Hauptunterschied zu Stolypins geplanter bürgerlicher Agrar­reform war, dass die Agrarrevolution zwar die Anbauflächen vergrößerte, die den Bauern zur Verfügung standen, dass sie aber nicht mit einer technischen Vervollkommung der landwirtschaftlichen Produktion einherging. Denn für die hätte die Stadt die technischen Mittel liefern müssen. Insofern war das russische Dorf durch die Agrarrevolution allenfalls zur Versorgung seiner durch zahlreiche krisenbedingte Rückkehrer aus den Städten vergrößerten Bevölkerung fähig geworden, nicht aber dazu, die Bedürfnisse der Städte und die Ansprüche des Staates zu befriedigen. Die Freisetzung von Arbeitskräften aus dem landarmen Bauerntum für die Industrie, wie sie Stolypin angestrebt hatte, wurde durch die extensive Erweiterung der im Prinzip archaischen Agrarproduktion verhindert. Dieses objektive Problem war auch der Ausgangspunkt der später einsetzenden Kollektivierungsdebatte.

Der Widerstand gegen die sozialistische Revolution in der Hauptstadt begann an der Peripherie des Landes. Dorthin hatten sich die Unterlegenen des Kampfes um den Rätekongress und die Konstituante zurückgezogen: an die Wolga, ins Dongebiet und hinter den Ural. Nach und nach sagten sich nichtrussische Gebiete los – von Russland und von der Revolution, beides ist nicht zu trennen: Finnland, die Ostseegouvernements (Baltikum), der Transkaukasus und die Ukraine, in der unter der Führung von Menschewiki und bürgerlichen Nationalisten eine »Ukrainische Volksrepublik« proklamiert wurde. Im Frühjahr 1918 stießen deutsche Truppen in die Ukraine und darüber hinaus vor, um diese »Volksrepublik« zu schützen und sich Zugriff auf ihre Ressourcen zu sichern. Die Anwesenheit kampfstarker Verbände der ausländischen Reaktion gab auch der innerrussischen Aufwind: Im Windschatten der Deutschen organisierten sich im Dongebiet und auf der Taman-Halbinsel Kosaken zum Kampf gegen die Bolschewiki. Ein Vormarsch deutscher Truppen aus dem Baltikum auf Petrograd war zu befürchten. Das gab schließlich den Ausschlag für die Entscheidung, im März 1918 die Hauptstadt ins zentralere und weiter von der Front entfernte Moskau zu verlegen.

Mehrfrontenkrieg

Den Auftakt für größere bewaffnete Auseinandersetzungen bildete im Mai 1918 ein Zwischenfall an einer Bahnstation im Ural. Ungarische und tschechische Kriegsgefangene gerieten aneinander, es gab Tote. Die Tschechen waren bereits von der alten zaristischen Armee ausgerüstet worden, um Österreich-Ungarn zu bekämpfen; sie waren auf dem Weg nach Wladiwostok, wo alliierte Schiffe sie aufnehmen und nach Europa zurücktransportieren sollten. Als Reaktion auf die Schießerei ordnete der Kriegskommissar Leo Trotzki die Entwaffnung der tschechischen Legion an. Die widersetzte sich und schloss sich den in der Region aktiven Revolutionsgegnern an. Es war ein reines Zweckbündnis ohne tieferen politischen Hintergrund; die Tschechen wollten nach Hause. Anderthalb Jahre später, Anfang 1920, lieferten sie den Anführer der »Weißen« in Sibirien, Admiral Alexander Koltschak, dessen beste Truppe sie gewesen waren, an die Bolschewiki aus, um sich freies Geleit zum Pazifik zu verschaffen.

Im Frühjahr 1918 war die Macht der Bolschewiki so an mehreren Fronten gefährdet: Zu dem deutschen Vormarsch und den nationalen Abspaltungen kamen noch Landeoperationen britischer, amerikanischer und französischer Truppen in Murmansk, Archangelsk und Odessa. Letztere scheiterte, weil die Matrosen der französischen Marine sich mit den russischen Arbeitern von Odessa solidarisierten. Letztlich blieben diese Operationen ohne militärische Bedeutung. Im Innern brach in der Zwischenzeit der Konflikt mit den linken Sozialrevolutionären offen aus. Eine von ihnen erschoss aus Protest gegen den erniedrigenden Frieden von Brest-Litowsk den deutschen Botschafter, Wilhelm Graf von Mirbach-Harff. Später im Jahr verübte eine andere ein Pistolenattentat auf Lenin. Die Sozialrevolutionäre warfen der bolschewistischen Führung Kapitulantentum gegenüber dem Deutschen Reich vor. In Samara an der Wolga hatten sich unter dem Schutz der tschechischen Legion und weißer Truppen einige hundert ehemalige Deputierte der Konstituierenden Versammlung versammelt und dieses Gremium neu gegründet. Unter diesen in jeder Hinsicht chaotischen Bedingungen verschärften die Bolschewiki den »roten Terror« gegen wirkliche oder vermeintliche Gegner und Angehörige der alten herrschenden Klasse. In diesen Kontext fällt auch die Ermordung des letzten Zaren und seiner Familie in Jekaterinburg im Juli 1918. Er war aus seinem Exilort im sibirischen Tobolsk im Frühjahr in den »sicheren« Ural verlegt worden, um seiner Befreiung durch die vorrückenden Revolutionsgegner vorzubeugen. Unter dem Eindruck des weiteren Vordringens der »Weißen« und auch als Ausdruck der Wut der Bolschewiki der unteren Ebenen beschloss das örtliche Revolutionskomitee, den abgedankten Monarchen mitsamt Familie und Entourage zu töten. Ob die Führung in Moskau davon im voraus wusste, ist umstritten. Von Lenin sind mehrere Äußerungen überliefert, wonach er die außergerichtliche Tötung Nikolais und mehr noch seiner Familie ablehnte, weil die Exzarin und die Töchter der Familie »deutsche Prinzessinnen« seien, und Lenin eine weitere Verschärfung der Beziehungen zum deutschen Kaiserreich zu diesem Zeitpunkt vermeiden wollte. Andererseits hätte der Schauprozess, den die Bolschewiki Nikolai eine Zeitlang machen wollten, mit Sicherheit mit einem Todesurteil geendet. Insofern ist es konsequent, dass Lenin, nachdem die Tat einmal geschehen war, zur Tagesordnung überging.

Improvisation und Zwang

1918 war das Jahr, in dem die Bolschewiki unter dem Zwang der Verhältnisse politisch und ideologisch zu improvisieren begannen. Den Arbeitern, die Lenin noch im Oktober mit der Hoffnung auf den Sozialismus in den Kampf geführt hatte, erklärte er nun, mehr als Staatskapitalismus sei im Moment in Russland nicht zu haben, und schon über den müsse man froh sein: »Der Staatskapitalismus wäre ein Schritt vorwärts gegenüber der jetzigen Lage der Dinge in unserer Sowjetrepublik.«³ Da sich ja die Produktionsverhältnisse in dem halben Jahr seit der Revolution nicht wesentlich geändert haben konnten, stellt sich die Frage, welchen Sozialismus Lenin im Oktober 1917 im Auge gehabt hatte, als er ihn zur Tagesaufgabe erklärte. Noch ein Beispiel: 1917 hatte Lenin in »Staat und Revolution« noch geschrieben, »die Niederhaltung der Minderheit der Ausbeuter« sei »eine verhältnismäßig leichte, einfache und natürliche Sache«. Im April 1918 erklärte er den Bürgerkrieg zur »natürlichen Folgeerscheinung« der Revolution: »Jede große Revolution, und ganz besonders eine sozialistische, (ist,) auch wenn es keinen äußeren Krieg gegeben hätte, undenkbar ohne einen Krieg im Innern, d. h. einen Bürgerkrieg, der eine noch größere Zerrüttung als ein äußerer Krieg bedeutet, der Tausende und Millionen Fälle des Schwankens und Überlaufens von der einen Seite auf die andere bedeutet, (…) einen Zustand größter Unbestimmtheit und Unausgeglichenheit, einen Zustand des Chaos.«⁴

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»Wrangel ist noch am Leben. Schlag ihn ohne Erbarmen!« – Pjotr N. Wrangel war einer der wichtigsten Anführer der »Weißen Armee«, die im Russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki kämpfte (Plakat, ca. 1920)

Solche Zitate, deren absolute Tagesgebundenheit auf der Hand liegt, sind einerseits eine falsche Ontologisierung des Faktischen und zunächst einmal Zufälligen: Was eingetreten ist, ist zwangsläufig so und muss deshalb so sein. Das war philosophisch betrachtet Rechtshegelianismus, mit Blick auf das Publikum, das von Hegel keine Ahnung gehabt haben dürfte, vermutlich aber vor allem der Beweisversuch, dass nichts die Partei überraschen könne. Widersprüche wie diese wecken auch Zweifel an Ausführungen in »Staat und Revolution«, in denen Lenin die nachrevolutionäre Gewalt als auf ein Minimum beschränkt beschrieben hatte. Entweder war auch das taktisch gemeint gewesen – und insofern nicht ernst –, um den Widerstand in der eigenen Partei und die nachvollziehbare Skepsis der Bevölkerung gegen eine unweigerlich gewaltsame Auseinandersetzung zu verringern; oder es stellt den prognostischen Fähigkeiten Lenins ein schwaches Zeugnis aus. Im übrigen hatten Zitate wie dieses fatale Konsequenzen: Sie dienten Stalin als Vorlage für seine spätere These von der »Verschärfung des Klassenkampfes im Sozialismus«, die die »theoretische« Grundlage für die Repressalien der Kollektivierungs- und Säuberungsphase lieferte. Das freilich Lenin vorzuwerfen ist unfair: Seine Kanonisierung war nicht mehr sein Werk. Eben weil seine eigenen Äußerungen durchweg tagespolitisch koloriert sind, ist ihre Extrapolation auf Späteres, wie sie auch der Historiker Wolfgang Ruge betrieben hat, logisch problematisch.

Aufbau der Roten Armee

Ganz von den Zwängen des Überlebens der bolschewistischen Macht gekennzeichnet war auch eine weitere Revision der revolutionären Forderungen des Jahres 1917, die die Bolschewiki im Frühjahr 1918 in die Wege leiteten: die Wiederherstellung der militärischen Hierarchien und der Wiederaufbau einer regulären Armee. Die Arbeitermilizen, die den Umsturz des Vorjahres gegen einen geschwächten Gegner hatten durchsetzen können, erwiesen sich gegen das trainierte Heer des deutschen Imperialismus als wenig effizient. Die Lösung, für die sich Trotzki, dem Lenin den Aufbau einer schlagkräftigen Roten Armee anvertraut hatte, entschied, bestand darin, einerseits Tausende alte zaristische Offiziere und Unteroffiziere wieder in die Armee aufzunehmen, andererseits, ihnen politische Kommissare an die Seite zu stellen, die über ihre Zuverlässigkeit zu wachen hatten. Der dritte Aspekt war die Drohung an die »Altkader«, bei Verrat oder Desertion gebe es Repressalien gegen ihre zurückgebliebenen Familien.

Dass der Aufbau der Roten Armee wahrscheinlich die wichtigste Einzelleistung ist, die zum Überleben der Sowjetmacht beigetragen hat, ist in der Forschung unstrittig. Aber natürlich siegten die sowjetischen Truppen in den drei Kampagnen der Jahre 1918 bis 1920 – überwiegend während der Sommermonate, im Winter ruhten die Kampfhandlungen weitgehend – gegen ihre konterrevolutionären Gegner nicht nur deshalb, weil hinter jedem gewendeten Zarenoffizier ein Kommissar mit der Pistole in der Hand stand. Sie siegten erstens, weil sie die industrialisierten zentralrussischen Gebiete kontrollierten, und zweitens, weil sie über das in Moskau zusammenlaufende Eisenbahnnetz verfügten. Da in Zentralrussland der Großteil der russischen Bevölkerung lebte, besaßen sie gegenüber ihren Gegnern zudem auch die größere Rekrutierungsbasis. Vor allem aber siegten sie, weil die Antirevolutionäre der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung kein politisches Programm bieten konnten, das ihnen das garantiert hätte, was der zentrale Inhalt der Agrarrevolution von 1917/18 gewesen war: Land für die Bauern. Das Gespenst einer Rückkehr der Gutsbesitzer schreckte wirksam von der Unterstützung der »Weißen« ab, auch wenn die Bolschewiki ihrerseits beim Kampf um die Requirierung von Lebensmitteln und Getreide und bei der Bekämpfung politischer Abweichler nicht zimperlich waren. Massenhinrichtungen in widerständischen Dörfern und sogar der Einsatz von Giftgas gegen Bauernrevolten sprechen eine deutliche Sprache. Die »Roten« kämpften eben so, wie sie es im Ersten Weltkrieg, der das Gefühl für den Wert des einzelnen Lebens ganz allgemein relativiert hatte, gelernt hatten. »Auch der Hass gegen die Niedrigkeit / verzerrt die Züge«, schrieb Bertolt Brecht später. Wenn bürgerliche Historiker hieraus den »gewalttätigen« Charakter des Bolschewismus, ja des Sozialismus generell ableiten wollen, ist das unredlich. Die Bolschewiki mussten sich in einer von Gewalt gesättigten Zeit durchsetzen, und das ging nicht mit guten Worten. Ob es ihre sozialrevolutionären Kritiker besser gemacht hätten, weiß man nicht, weil sie keine Gelegenheit dazu bekamen.

»Neue Ökonomische Politik«

Ende 1920 evakuierten französische Schiffe die letzten »Weißen« von der Krim. Im Fernen Osten dauerte es noch bis 1922, bis die Sowjetmacht die Kontrolle über das gesamte Territorium Russlands wiedererlangt hatte. Aber generell hat sich durchgesetzt, das Ende des Russischen Bürgerkriegs auf das Jahr 1920 zu datieren. Er kostete nach verschiedenen Schätzungen acht bis zehn Millionen Menschen das Leben, davon eine knappe Million Soldaten auf beiden Seiten. Der größte Teil der Opfer waren Zivilisten, die bei Hungersnöten und Epidemien starben. Millionen von Waisenkindern irrten durch das Land; allein ihre Integration – sie hatten nie etwas anderes erlebt als Gewalt – stellte eine Riesenaufgabe dar. Die Zerrüttung der Landwirtschaft – die Bolschewiki hatten in ihrer Not, um die Städte und die Armee versorgen zu können, sogar Saatgut beschlagnahmt – führte in Verbindung mit einem trockenen Sommer 1921 zu einer katastrophalen Hungersnot in großen Teilen des Landes.

Im Laufe des Bürgerkriegs war Lenin klargeworden, dass die Konfiszierung als Grundlage des Verhältnisses von Stadt und Land nicht taugte. Die auf dem X. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands im März 1921 beschlossene Einführung der »Neuen Ökonomischen Politik« erkannte die kleinkapitalistische Agrarrevolution des ersten Revolutionsjahres praktisch an, indem sie den Bauern erlaubte, Überschüsse zu verkaufen. Was Lenin schon 1918 als »nächste Aufgabe der Sowjetmacht« bezeichnet hatte – den Übergang vom Erobern und Plündern zum Produzieren und Verwalten –, konnte auf minimaler materieller Grundlage nach sieben Jahren Krieg beginnen.

Anmerkungen:

1 Nach Gregorianischem Kalender war es der 7. November. In Russland galt der Julianische Kalender. Eine Umstellung auf den international verbreitetsten Gregorianischen Kalender erfolgte am 1. Februar bzw. 14. Februar 1918.

2 Die Zahlen nach Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 1998, S. 150 f.

3 Wladimir I. Lenin: Über die heutige Wirtschaft Russlands. In: ders.: Ausgewählte Werke in drei Bänden, Bd. III, Berlin 1979, S. 668

4 Beide Zitate bei Wolfgang Ruge: Lenin – Vorgänger Stalins, Berlin 2010, S. 262 f.

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. April 2018 über »1968« in Polen.

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