Licht ins Dunkel
Für das Recht auf Bildung: Seemab Guls Film »Ghost School«
Nach den Ferien warten die Schülerinnen und Schüler einer Dorfschule im Umland der pakistanischen Metropole Karatschi vor einem verschlossenen Tor. Die Schule stehe unter einem Fluch, sagt der Wachmann. Der Lehrer sei von einem Dschinn besessen und deshalb krank geworden. Und so schickt er die Kinder wieder nach Hause. Doch die zehnjährige Rabia (Nazualiya Arsalan), ein lern- und wissbegieriges Mädchen aus einer armen Fischerfamilie, will sich mit dieser merkwürdigen Auskunft nicht abfinden. Während ihr Schulfreund Ali auf eine Schule für Jungen im Nachbardorf ausweichen kann, bleibt Rabia dieser Ausweg verwehrt. Und so macht sie sich auf den Weg, um den wahren Grund für die Schulschließung herauszufinden. Mit Neugier und Mut befragt sie auf ihrer kleinen Reise nacheinander verschiedene Vertreter des Systems und lernt dabei soziale Gegensätze sowie ihre gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen kennen.
Inspiriert von Abbas Kiarostamis Klassiker »Wo ist das Haus meines Freundes?«, begleitet die pakistanische Regisseurin Seemab Gul in ihrem Spielfilmdebüt »Ghost School« ihre junge Heldin zu verschiedenen Stationen. Dabei verfolgt sie mit ihrer langsamen, undramatischen Erzählweise einen dokumentarischen Ansatz, mit dem sie letztlich dem von Aberglauben und Korruption verursachten realen Phänomen sogenannter »Geisterschulen«, also ungenutzter Bildungseinrichtungen, auf der Spur ist. So findet die kluge Rabia in wechselnden Gesprächen nach und nach heraus, dass ihr Lehrer zwar krank ist, er für seine Weiterbeschäftigung aber ein Bestechungsgeld zahlen müsste. Außerdem muss sie erkennen, dass Bildung nicht von allen gesellschaftlichen Vertretern als Grundrecht verstanden wird, sondern als Privileg. So bekommt sie etwa vom Schulleiter, der zugleich Grundbesitzer und damit Chef ist, zu hören: »Wir alle haben unseren Platz.«
Doch Rabia, deren Eltern selbst Analphabeten sind, will sich mit diesem sozialen Determinismus nicht abfinden. Von einem alten, weisen Mann, der die Politik für den Bildungsmissstand verantwortlich macht, bekommt sie zu hören: »Die Armen werden absichtlich im Dunkeln gehalten.« Und ein Pferdekutscher, der dafür plädiert, die Dinge selbst zu ändern, gibt zu bedenken: »Wir sind zwar ungebildet, aber nicht dumm.« Mutig betritt Rabia schließlich das verlassene Schulgebäude, um für sich und andere den Geisterglauben zu enttarnen. Ihrem Wunsch, eine Schule besuchen zu dürfen, kommt sie damit zwar nur bedingt näher. Aber zusammen mit ihrer Regisseurin Seemab Gul bringt sie zumindest ein aufklärendes Licht in den »Kreislauf aus Armut und Unwissenheit«, wie die Filmemacherin selbst sagt und mit ihrem sehenswerten Film beansprucht. Schließlich kommt dem Mädchen gegen alle soziale Tristesse, die dezent ins Bild gesetzt wird, nicht weniger als die sprichwörtliche filmische Magie zur Hilfe.
→»Ghost School«, Regie: Seemab Gul, Pakistan/BRD/Saudi-Arabien 2026, 88 Min., bereits angelaufen.
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