Zum Inhalt der Seite
Kino

Erinnerung, sprich

Kai Stänickes Spielfilmdebüt »Der Heimatlose«

Foto: Florian Mag

Wie ein Punkt in der Unendlichkeit wirkt das kleine Segelboot aus der Vogelperspektive. »Was führt dich nur an diesen gottverlassenen Ort?« fragt der Fährmann der Jolle den Reisenden. »Das ist meine Heimat. Die kann man sich nicht aussuchen«, antwortet der junge Mann. Doch auf der entlegenen Nordseeinsel mit ihrer typischen Vegetation aus Dünen, Heidekraut und Birken will man den Rückkehrer nicht kennen. Misstrauisch wird der Fremde, der sich Hein (Paul Boche) nennt, von den bärtigen Fischern beäugt. Selbst seine Mutter und die mittlerweile verheiratete Schwester Heide (Stephanie Amarell) sind ob seines offensichtlich veränderten Äußeren skeptisch. Und auch sein angeblich früherer Freund Friedemann (Philip Froissant) verhält sich auffallend abweisend. Gar wird Hein verdächtigt, ein Spion vom Festland zu sein. Dieser behauptet allerdings standhaft: »Ich bin einer von euch!« Also soll ein spontan einberufenes Dorfgericht unter dem Vorsitz der Ortsvorsteherin Gertrud (Julia Jenkins) in einem auf drei Tage anberaumten Verfahren die Wahrheit ermitteln und mit Hilfe von Erinnerungen die Identität des Ankömmlings prüfen.

In seiner abstrakten, modellhaften Konzeption zeigt Kai Stänickes teils Längen aufweisendes Spielfilmdebüt »Der Heimatlose« unverkennbar Züge einer allgemeingültigen Parabel. Unterstützt wird das noch durch das von Lars von Triers »Dogville« inspirierte theaterhafte Setting einer schematischen Dorfansicht mit offenen Kulissen. So sieht man von den Häusern nur freistehende Fassaden und die angedeuteten Räume sind lediglich mit dem Notwendigsten eingerichtet. Dieses reduzierte, verfremdete Szenenbild, das gleichwohl am Illusionscharakter der filmischen Erzählung festhält, schafft Distanz für ein Lehrstück, das sich neben der schwierigen Wahrheitssuche mit der Frage nach Identität und deren Veränderung auseinandersetzt. Ist der vermeintlich Fremde etwa derselbe, der früher ein anderer war oder zumindest von den Dörflern anders erinnert wird?

Anzeige

Das Gericht stellt deshalb anhand markanter Begebenheiten aus der Vergangenheit die Erinnerungen der Inselbewohner denjenigen Heins gegenüber. Die daraus resultierende Differenz reflektiert nicht nur die Unschärfe des Gedächtnisses, sondern thematisiert auch die Möglichkeit der Selbsttäuschung. Hein ist offensichtlich tatsächlich jener jugendliche Heinrich, der vor 14 Jahren als Außenseiter die Insel verließ, um Lehrer zu werden. Er ist aber auch ein anderer, der sich erst noch zu sich und seinem früheren Ich jenseits der zum Selbstschutz eingeübten Rollen bekennen muss. So bleibt die Heimat mit ihrem Versprechen der Zugehörigkeit für ihn eine zwiespältige Erfahrung und Ort eines anderen Ichs: »Wenn man nicht der sein darf, der man ist, muss man gehen.«

→ »Der Heimatlose«, Regie: Kai Stänicke, BRD 2026, 122 Min., Kinostart: heute

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Besuchen Sie unseren Stand auf der Buchmesse Frankfurt/Main. Näheres zum Programm finden Sie hier.