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Kino

Vom Suchen und Finden der Liebe

Zwischen Wahrheit und Lüge: Sophie Beaulieus Film »Frühstück bei Audrey«

Foto: Neue Visionen Filmverleih
Darauf programmiert, ihn zu lieben: Audrey (Zoé Marchal) und Rémi (Vincent Macaigne)

Der Radiowetterbericht für Lons-le-Saunier im französischen Jura verspricht angenehm sommerliche Temperaturen. Für Rémi (Vincent Macaigne), der hier als Single in einem geräumigen, malerisch gelegenen Chalet lebt, beginnt damit gewöhnlich ein neuer Arbeitstag in einer kleinen Firma, die Kunstrasen verkauft. Wenn er auf dem Weg dorthin über die Brücke des Lac de Vouglans fährt und dabei eine beschwingte Coverversion des eher schmerzerfüllten Radiohead-Songs »Creep« erklingt, ist nicht nur die ambivalente Tonlage von Sophie Beaulieus Langfilmdebüt »Frühstück bei Audrey« (»La Poupée«) angestimmt. Der liebeskranke, etwas verschrobene und verpeilte Held, der von seiner langjährigen Freundin Emma verlassen wurde und darunter insgeheim noch immer leidet, schwebt auch symbolisch zwischen entgegengesetzten Polen und sucht nach einem Übergang in ein erfüllteres Leben mit einer glücklichen Liebesbeziehung.

Die Diskrepanz zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge wird in Rémis trauriger Selbsttäuschung von der im französischen Original titelgebenden Puppe verkörpert. Mit ihr teilt der bemitleidenswerte Protagonist Tisch und Bett. Wenn er an einsamen Abenden sein übliches Fertiggericht verzehrt und daheim mit seinem stummen Gegenüber spricht, wähnt er sich gar in einem neuen, wiedergefundenen Liebesglück. Diese therapeutisch verordnete Illusion teilt er auch mit seinen Arbeitskollegen, wenn er mal wieder vorgibt, glücklich mit einer Frau verheiratet zu sein, die ihn so liebe, wie er ist. Doch dann geschieht eines Tages das Unvorstellbare, vermischen sich Wunsch und Wirklichkeit: Die Puppe erwacht zum Leben, wird Mensch und beeindruckt mit ihrer strahlenden Schönheit nicht nur Rémi. Dieser reagiert zunächst irritiert und panisch, ist überfordert und sucht deshalb Hilfe bei der Polizei und bei seiner lesbischen Schwester Domi (Adèle Journeaux). Doch Audrey (Zoé Marchal) beruhigt ihn mit größter Selbstverständlichkeit: »Ich bin darauf programmiert, dich zu lieben. Das ist meine Berufung. Ich bin deine Frau.«

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In Sophie Beaulieus romantischer Liebeskomödie mit ihrem Bezug zum Pygmalion-Mythos dient dieses anachronistische Statement in der Folge einem doppelbödigen Geschlechterdiskurs. Denn die angeblich »vom Männergott geschickte« perfekte Frau verkörpert nicht nur männliche Wunschphantasien und weibliche Rollenklischees, sondern sie stellt diese auch bald in Frage, wenn es beispielsweise um Sex, Intimität und ein genormtes Aussehen geht. Audreys erwachende Emanzipation erfährt allerdings zugleich eine schmerzliche Abhängigkeit. Während sich Rémi in seine neue Arbeitskollegin Patricia (Cécile de France) verliebt und dadurch innerlich reift, löst sich auch Audrey im Austausch mit anderen allmählich aus ihren »künstlichen«, von Vorurteilen gestützten Rollen. Für ihre heitere, mit leichter Hand inszenierte »Botschaft der Toleranz« lässt Sophie Beaulieu ihre liebenswerten Helden deshalb gleich mehrfach die eingangs erwähnte Brücke überqueren.

→ »Frühstück bei Audrey«, Regie: Sophie Beaulieu, Frankreich 2025, 80 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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