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Hauptmann oder Ballermann?
Bewahren und Verändern: Annekatrin Hendels Dokfilm »Hiddensee«
Während die Kamera sanft über Wellen und Ufer gleitet, wird aus dem Off der Schriftsteller Gerhart Hauptmann zitiert: »Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder, sagen alle. Um zu schauen, dass sich nichts verändert hat.« Es waren eine überwältigende Stille und der Zauber einer »uferlosen Ereignislosigkeit«, die seit den 1920er Jahren zahlreiche Künstler und Schriftsteller auf die westlich von Rügen gelegene Insel Hiddensee lockten. Apostrophiert wurde das Eiland mit seiner unberührten Natur deshalb auch gerne als »romanisches Café in der Ostsee« und als »Versteck im Meer«.
Doch die Ruhe einer vermeintlich stillstehenden Zeit ist über die Jahre längst einer geschäftlichen Unruhe aus Kulturtourismus und Erholungshunger gewichen. In ihrem Dokumentarfilm »Hiddensee« versucht Annekatrin Hendel, von den sich daraus ergebenden Konflikten zu erzählen. Mit Blick auf scheinbar Nebensächliches und Alltägliches, das sich überlagert oder nebeneinander herläuft, will sie zeigen, »wie sich Persönliches und Geschichte ineinanderschieben«. Für das Bild einer Veränderungslosigkeit, in der sich Vergangenheit und Gegenwart treffen und die unter dem politischen Druck aktueller Ereignisse längst zum Mythos geworden ist, hat die Filmemacherin ein historisches Schwarzweiß in Cinemascope gewählt. Dieses verbindet sie mit zeitgeschichtlichen Bild- und Tondokumenten. Das Streiflichtartige ihrer Erkundungen wird von den oft sehr persönlichen Aussagen ihrer Gesprächspartner und einzelnen Puppenspielsequenzen kontrastiert.
Im Kern dreht sich die Auseinandersetzung, bei der sich unter anderen der Bürgermeister Thomas Gens und der Dorfpfarrer Konrad Glöckner gegenüberstehen, um den Spagat zwischen Bewahren und Verändern. Traditionsverbundene Einheimische, Zugezogene und Touristen haben eben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. »Hauptmann oder Ballermann. Quo vadis Hiddensee?« steht als Graffiti auf der Hauswand eines Abrisshauses. Und so zieht sich auch durch den örtlichen Gemeinderat ein Riss. Hendels »Hiddensee-Revue« geht es neben den Brüchen aber auch um Kontinuitäten und schließlich darum, wie sich die Verwerfungen und Verfehlungen der großen Geschichte im Mikrokosmos der kleinen Insel widerspiegeln. In den Erinnerungen sehr alter Zeitzeugen, die im Kontrast stehen zur Bedenkenlosigkeit aktueller Vergnügungsprofiteure, wird zumindest ein Hauch davon spürbar. Zu vieles bleibt allerdings unscharf und lediglich angedeutet.
→ »Hiddensee«, Regie: Annekatrin Hendel, BRD 2026, 119 Min., Kinostart: heute
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Hans Buchhalter aus Berlin 23. Aug. 2026 um 22:49 UhrDiese Kulturfilme haben so etwa den Effekt, dass, wenn Sie vorher zu einer bestimmten Sache eine halbwegs vernünftige Meinung hatten, oder auch, besser noch, keine, diese dann in wohltuenden – wem wohl? – Nebel gehüllt wird. Das Beste kommt in dem Dokumentarfilm gar nicht (kaum?) zur Sprache: Es gibt auf Hiddensee keine Autos, außer den funktionalen. Dafür kam der Pastor der Inselgemeinde ausführlich zu Wort, wie auch, um einen etwas albernen Gegensatz aufzubauen, der Bürgermeister. »Eliten«-Kultur und Massenkultur gehören zur Kulturindustrie, sind zwei Seiten der bürgerlichen Kultur. Ja, und dieser Schriftsteller mit seinem Haus, völlig überschätzt, am Anfang interessant, aber dann, und ja, er hatte Glück, das lernt man in dem Film, dass ihm zwar irgendein Nazi 100 Flaschen Wein geschickt hat, aber er starb zu früh, als dass ihm ein Wilhelm Pieck oder sonstwer ebenfalls beglückt hätte… Die Musik ist schwer erträglich in dem Film. Ein paar Künstler finden sich überall und nirgends. Und wieso haben diese dort Urlaub gemacht, schätze um sich zu erholen, aber nicht sich an verstorbener Kultur zu wärmen. Und gibt es eine Häufung derselben, ziehen die Klügeren die Flucht vor! Die Schnitte im Film sind häufig nicht nachzuvollziehen, eher freie Assoziationsmasse, Schläge auf den Hinterkopf, ohne das diese einen Gedanken befördern würde. Vieles wird angerissen, nichts wirklich erzählt, dazu ist der Film viel zu schnell, springt vor und zurück, so dass man dank der Grautöne, oft nicht weiß, wann man gerade ist. Für alle, die noch nicht dort waren, man kann da mal ein paar Tage spazieren, schwimmen, die Insel-»Kultur« konsumieren, nun ja, muss aber nicht sein, es gibt andere Ort zu entdecken. Und wenn man Glück hat, war noch kein Gerhart Hauptmann da. PS: »und entscheidende Teile des deutschen Großkapitals konnten in den Bahnen der bisherigen Methoden, d.h. im Kampf mit rein wirtschaftlichen Mitteln, keine Zukunft mehr für sich erblicken.« (A. Sohn-Rethel)
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