Diagnose Essstörung
Deutlich mehr Mädchen in Behandlung
Ungeachtet aller feministischen Kämpfe und Errungenschaften werden Frauen weiterhin über ihren Körper definiert. Das führt auf der einen Seite dazu, dass weibliche Körper, die nicht dem vermeintlichen schlanken Ideal entsprechen, mit dauerhafter Scham – und einem damit verbundenen Rückzug aus der öffentlichen Wahrnehmung – besetzt sind oder, im umgekehrten Fall, dass das Streben nach dem »perfekten« Körper zu tiefgreifenden Essstörungen führt. Die seit Jahren wieder steigenden Zahlen dazu lieferte diese Woche das Statistische Bundesamt: So wurden hierzulande im Jahr 2024 knapp 6.000 Mädchen im Alter von zehn bis 17 Jahren in Kliniken behandelt – im Jahr 2004 waren es noch gut 2.800.
Damit machten Mädchen in dieser Altersgruppe 2024 nahezu die Hälfte (48,1 Prozent) aller wegen Essstörungen Behandelten aus, 20 Jahre zuvor hatte ihr Anteil noch bei einem Viertel gelegen. Auch insgesamt stieg die Zahl der wegen Essstörungen Behandelten leicht: auf 12.400 Fälle im Jahr 2024. Das waren 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr davor. Die häufigste Diagnose war 2024 Magersucht (Anorexie) mit 9.000 Behandlungsfällen vor Ess-Brech-Sucht (Bulimie) mit 1.300 Fällen. Grundsätzlich werden über alle Altersgruppen hinweg Mädchen und Frauen häufiger wegen Essstörungen stationär behandelt als Jungen beziehungsweise Männer.
Offenkundig befördert wird diese Entwicklung durch ungeregelte Onlineplattformen, die diesen Content nach wie vor zulassen und dauerhaft in die jeweiligen Feeds der Mädchen spülen. Das US-amerikanisch-britische »Center for Countering Digital Hate« stellte in seiner am 14. Juli veröffentlichten Studie »Anorexia Algorithm« fest, dass seit der ersten diesbezüglichen Erhebung für die USA, Großbritannien und die EU zu Youtube zwar die Anzahl der schädlichen Empfehlungen im Zusammenhang mit Essstörungen auf durchschnittlich eins von neun Videos in diesem Jahr gesunken ist, die Google-Videoplattform aber weiterhin Teenagern »Thinspiration-Videos, Inhalte zur extremen Kalorienreduktion sowie Videos zur Gewichtsabnahme mit unterschwelligen Botschaften, die ausgemergelte Körper propagierten«, zeige. 2024 hatte die Zahl noch bei einem von drei Videos gelegen. Die Verbesserungen werden von den Studienverfassern mit den seither eingeführten Sicherheitsmaßnahmen in Verbindung gebracht: dem britischen »Online Safety Act« und dem Digital Services Act (DSA) der EU. Dies zeige, »dass Social-Media-Plattformen Schäden bekämpfen können, wenn der Gesetzgeber sie zur Rechenschaft zieht«.
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