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Misogynie

»F#ck the system«

Shitstorm gegen belgische Musikerin, die Raum für Frauen und Queers bei Konzert einfordert. Struktureller Sexismus hinter und vor der Bühne spielt keine Rolle

Foto: ANP/IMAGO
Realität auf den Kopf stellen: Sophia Straat beim Eurosonic Noorderslag Festival in Groningen (20.1.2024)

Neuerdings fordert die feministische Musikerin Sophie Straat aus Amsterdam gegen Ende ihrer Konzerte alle weißen Männer im Publikum auf, sich nach hinten zu verkrümeln, damit Frauen, Queere und People of Color beim letzten Lied des Sets vor der Bühne ungehindert tanzen können. Ihre männlichen Fans haben damit kein Problem. Andere schon: Im Internet wird sie seit Wochen bedroht und sexistisch beschimpft. Aber auch antisemitisch, weil sie die Tochter jüdischer Eltern ist und auf eine jüdische Schule in Amsterdam ging.

Am Freitag vor einer Woche trat die 32jährige mit ihrer Band beim Absolutely Free Festival im belgischen Genk auf. »Die Polizei musste vor dem Festivalgelände eingreifen, da dort Plakate aufgetaucht waren, die Hass gegen die niederländische Sängerin schürten«, berichtete die flämische Tageszeitung Het Laatste Nieuws (HLN). »Wir lassen uns den Sommer nicht von einem Haufen Neonazis kaputtmachen«, sagte Sophie Straat gleich zu Beginn des Konzerts in Genk. Und natürlich tat sie es wieder. »Ich hätte gerne Applaus! Für all die Frauen! Und die Queers! Und die FLINTAs!« (Frauen, Lesben, Inter, Nonbinär, Trans und Agender), kündigte sie mit einem breiten Grinsen zum Schluss das letzte Lied ihres Sets an. »Bist du weiß? Bist du cis? Bist du hetero? Bist du ein Mann? Weiße Männer nach hinten!« Ihre männlichen Fans traten ohne jeden Protest bereitwillig in den Hintergrund.

Sophie Straat knüpft an eine feministische Tradition der »Riot Grrrl«-Bewegung aus den frühen 1990ern an. »Girls to the front!« forderte damals Kathleen Hanna, die charismatische Frontfrau der Punkband Bikini Kill, bei jedem Auftritt. Zuvorderst ging es darum, den von Männern dominierten Moshpit, jenem Tanzbereich vor der Bühne, in dem sich die Fans wild schubsen und anspringen, für Frauen zugänglich zu machen.

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Aber natürlich ist der Aufruf auch – damals wie heute – eine politische Aussage. Straat schaffe bei ihren Auftritten »für einen kurzen Moment Raum für diejenigen, die an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden: für alle außer weißen Männern«, stärkten die Feministinnen der seit den 1970ern aktiven Gruppe Dolle Mina der Musikerin in einem Statement den Rücken: »Sophie Straat stellt unsere Realität für einen kurzen Moment auf den Kopf, und sofort gibt es einen Aufschrei – weil eine Gruppe von Menschen, die es gewohnt ist, stets so viel Raum einzunehmen, wie sie möchte, diesen Platz für einen Augenblick jenen überlassen musste, die normalerweise um ihren Platz kämpfen müssen.«

Mitte Juni hatte Straat bei ihrem live auf Youtube übertragenen Konzert beim Festival »Best Kept Secret« erstmals »alle weißen Männer nach hinten« geschickt. Umgehend tingelten hochgradig empörte, privilegierte, weiße Männer, meist im fortgeschrittenen Alter, durch niederländische Talkshows. »Falls ein bekannter niederländischer Sänger während seines Auftritts, People of Color nach hinten und alle anderen nach vorne riefe, dann würde die Volksseele kochen. Und das erwarte ich jetzt auch«, hetzte der ehemalige Anwalt Bram Moszkowicz (vertrat unter anderem Geert Wilders) im Privatsender SBS 6 die Meute mit einem hanebüchenen Vergleich auf. Bei der Polizei gingen tatsächlich Anzeigen gegen Straat wegen angeblicher Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der Hautfarbe ein. Anfang letzter Woche teilte die Staatsanwaltschaft jedoch wenig überraschend mit, die Aussage der Künstlerin sei nicht strafbar ist.

»Die Heuchelei hinter dem Hass, dem Sophie Straat ausgesetzt ist, zeigt kristallklar, wie wir Frauen betrachten, die sich ihren Platz einfordern. Frauen, die ihren Raum auch anderen zugestehen«, stellt Dolle Mina fest. »Frauen, die den Erwartungen entsprechen, stellen das gesellschaftliche Bild des weißen Mannes als absoluten Mittelpunkt des Universums nicht in Frage, da sie in der Popkultur scheinbar nur für Männer existieren. Weicht eine Frau von dieser Norm ab, sieht sie sich heftiger Kritik und Angriffen ausgesetzt.« Journalisten schrieben eifrig über Straats Handeln und lieferten sie quasi dem öffentlichen Pranger aus – ohne jeden historischen Kontext. Die Musikbranche profitiere wiederum, während sie »Frauen kommerziell ausbeutet« und »hinter den Kulissen eine Hochburg struktureller Ungleichheit, Frauenfeindlichkeit und grenzüberschreitenden Verhaltens« bleibe, so Dolle Mina weiter. »Wir können es kaum erwarten, dass noch mehr Künstler diese Ungerechtigkeit anprangern und das Establishment ordentlich ins Wanken bringen. Denn genau das ist Punk: F#ck the system!«

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.08.2026, Seite 15, Feminismus

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