Arm, jung und als Leihmutter ausgebeutet
Recherche deckt grenzüberschreitendes kriminelles Netzwerk zwischen Nepal und Indien auf
Die Scheinheiligkeit des früheren CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn, die ihn am Ende zum Rückzug aus der ersten Reihe der Politik zwang, hat das Thema Leihmutterschaft unlängst auch in der Bundesrepublik noch einmal ins öffentliche Bewusstsein gehoben. Es ist abseits der juristischen Einordnung nach den jeweiligen Landesgesetzen mit einer ganzen Reihe ethischer Fragestellungen im Graubereich verknüpft – dem nachvollziehbaren, berechtigten Kinderwunsch nicht nur homosexueller Paare, der sich unter Umständen nicht anders erfüllen ließe, stehen andere Argumente bei der Bewertung des Miteinanders der »Vertragsparteien« sowie der Rolle und Belange der Frau gegenüber, die das Kind austrägt. Selbst wenn solche Fälle wie in den USA formell legal sein mögen.
Viele Jahre gab es einen regelrechten »Leihmutterschaftstourismus« zwischen westlichen Staaten und mehreren Ländern des globalen Südens, der – insbesondere nach einer Vielzahl von Streitfällen – inzwischen teilweise eingedämmt ist. So hat Nepal, zuvor eines der bevorzugten Ziele solcher Kinderwunschpaare mit dem dafür nötigen Vermögen, derartige Geschäftsmodelle bereits 2015 unter Strafe gestellt. Das endgültige Urteil des Obersten Gerichtshofs wurde am 12. Dezember 2016 verkündet und besagt, dass Leihmutterschaft für unfruchtbare nepalesische Ehepaare legal ist, für alleinstehende Männer oder Frauen, transgender Paare und ausländische Staatsangehörige jedoch illegal. Das große Nachbarland Indien folgte mit einer Gesetzesinitiative drei Jahre später. Vollständig umgesetzt wird das dortige Verbot von Leihmutterschaften nun seit 2021. Ausgenommen sind wenige Fälle, meist im familiären Kontext, aus rein altruistischen Motiven. Die Frauen, die in diesen wenigen Ausnahmefällen das Kind austragen, dürfen nur zwischen 23 und 50 Jahre alt sein.
Nachdem in Indien vor allem in der Anfangszeit 2022 noch einige Versuche bekannt wurden, in denen sich Geschäftemacher dem Verbot zu entziehen versuchten, war es zuletzt um Gesetzesverstöße eher still geworden. Nun aber sorgt eine Enthüllungsstory im indisch-nepalesischen Grenzgebiet für einige Aufregung. Ein Investigativteam der indischen Tageszeitung Dainik Bhaskar, die primär auf Hindi erscheint, hat ein kriminelles Netzwerk aufgedeckt. Die »Vermittler« bieten junge Frauen aus armen nepalesischen Familien in den Bergregionen des Himalajastaates an, die als Leihmütter fungieren sollen. Die »Kundschaft« wird zusätzlich damit gelockt, dass es Kinder mit besonders heller Haut werden könnten, was in Südasien als Schönheitsideal gilt.
Verstörend sind die Videoaufnahmen mit den Vertretern der kriminellen Agentur. Der Hauptkontakt läuft über eine jüngere Frau, die als Sushma vorgestellt wird. Später nehmen auch männliche Kollegen an den »Verhandlungen« teil. Wie eine Ware werden die jungen Nepalesinnen angeboten, am ehesten in der Altersspanne 20 bis 23 Jahre. Auf die Nachfrage der verdeckt agierenden Reporter, wie es zum Beispiel mit dem Grenzübertritt sei, heißt es lapidar, das wäre gänzlich unproblematisch. Tatsächlich sitzt den vermeintlich potentiellen »Kunden« beim nächsten Treffen zwei Tage darauf eine verängstigte junge Frau gegenüber, die sich auf so einen Deal einlassen würde.
Das Investigativteam hat auch herausgefunden, dass der Preis für die Kinderwunscherfüllung bei zehn Millionen indischen Rupien (rund 91.000 Euro) liegt. Die Familie der Leihmutter erhalte davon aber nur zwei bis zweieinhalb Millionen. »Redet nicht über Geld mit ihr«, schärfen die Vermittler deshalb ihrer scheinbaren Kundschaft vor dem Treffen ein.
Die nepalesische Frauenrechtsorganisation Maiti Nepal, die seit Jahrzehnten im Grenzgebiet unter anderem zur Prävention von Menschenhandel mit dem Ziel indischer und nahöstlicher Bordelle aktiv ist, hat sich umgehend nach der Story von Dainik Bhaskar zu Wort gemeldet und eine Ermittlung durch die Strafverfolgungsbehörden gefordert. Es gehe neben der primären Umgehung des seit elf Jahren bestehenden Leihmutterschaftsverbotes auch um den Verdacht des Menschenhandels, der Ausbeutung und der Missachtung der Rechte von Frauen sowie um Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung, heißt es in der Erklärung vom Montag, über die einen Tag später als erste die Tageszeitung The Himalayan Times berichtete. Maiti Nepal forderte die Polizei und andere zuständige Behörden in beiden Ländern sowie die Nationale Menschenrechtskommission auf, dem belastbaren Anfangsverdacht und weiteren Verflechtungen unverzüglich und umfassend nachzugehen. Denn wie ausgedehnt das kriminelle Netzwerk tatsächlich ist, konnten die Reporter von Dainik Bhaskar, ohne eine Enttarnung zu riskieren, zunächst nicht herausfinden.
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