- → Thema
Kreisklasse auf Weltniveau
FIFA-Spiele. Der Widerstand gegen Gianni Infantino wächst. Doch der Präsident ist im eigenen Netzwerk fest verwachsen
Selbst ist der Mann. FIFA-Boss Gianni Infantino hielt es nicht für nötig, die tiefgreifendste Maßnahme in der Geschichte des Weltverbands in einem öffentlichen Verfahren abzuwickeln. Er holte weder Rat noch Zustimmung des Plenums ein, er setzte die Verbände lediglich in Kenntnis. 20 Prozent der kommerziellen Rechte an den Turnieren der FIFA sollten an private Investoren verkauft werden, darunter Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketverkauf. Was dem Dachverband Einnahmen von 3,7 Milliarden Euro beschert hätte. Alles für den Weltfußball. Auch Infantino hätte damit wahrscheinlich seine Bezüge vervielfacht. Selbstlos ist der Mann.
Die WM 2026 hat einen Rekordgewinn von 12,9 Milliarden Euro gebracht – doppelt so viel wie vor vier Jahren in Katar. Infantino triumphierte auf Instagram über »jene, die hinter ihren Schreibgeräten und Bildschirmen Hass und falsche Gerüchte verbreiten«. Über alle also, die gewagt hatten, Kritik zu üben. Beduselt vom Erfolg plante er den nächsten Coup: jene Auslagerung der Rechte über eine noch zu gründende Tochterfirma, FIFA Forward Enterprise (FFE). Die FIFA sei »auf der Suche nach innovativen Projekten, die die weltweite Entwicklung des Fußballs vorantreiben«, hieß es in einer Erklärung des Weltverbandes.
Für den Erwerb der Anteile stand eine Investorengruppe unter Führung der Risikokapitalgesellschaft Thrive Capital in den Startlöchern. Infantino brachte einen Zweijahreszyklus für die WM der Männer und Frauen ins Spiel. Gegenwärtig werden die Turniere alle vier Jahre ausgetragen. Darüber hinaus soll die Zahl der teilnehmenden Länder von 48 auf 64 erhöht werden.
Dieses Mal gab es Widerstand. Der europäische Fußballverband UEFA drohte im Fall einer Gründung der FFE mit Boykott sämtlicher Turniere, der asiatische Verband AFC und der nord- und mittelamerikanische CONCACAF schlossen sich an. Mit diesen drei Verbänden gegen sich hatte Infantino die Stimmmehrheit des FIFA-Kongresses verloren und nahm daher Abstand von seinen Plänen. Überraschend zog die UEFA darauf (am 26. August) ihre Boykottdrohung zurück, hielt aber an der Forderung nach Infantinos Rücktritt fest. Dann begab sie sich auf das nächste Level der Eskalation, mit der Ankündigung, den Präsidenten wegen »krimineller Misswirtschaft« anzuzeigen. Vor einem Distriktgericht in Florida verlangt die UEFA nun die Herausgabe relevanter Unterlagen, die im Zusammenhang mit dem Deal stehen. Der Wert der FFE sei mit 20 Milliarden US-Dollar »absurd niedrig« angesetzt, um Infantino und einem kleinen Kreis »eine dauerhafte Beteiligung an den wertvollsten Vermögenswerten der FIFA zu verschaffen und ihnen anderweitig Gewinne daraus zu ermöglichen – zum Nachteil der FIFA, ihrer Mitglieder und anderer Akteure innerhalb der Fußballfamilie«.
Pikantes Detail: Der Gründer und Geschäftsführer von Thrive Capital ist Joshua Kushner, Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn Donald Trumps. Vater der beiden ist Immobilienunternehmer Charles Kushner, der Trump ebenfalls politisch nahesteht. Trump ernannte ihn 2025 zum US-Botschafter in Frankreich, obwohl Kushner über keine diplomatische Erfahrung verfügte.
Besonders groß war die Wut über den Deal in Europa. Für die NGO Football Supporters Europe (FSE) markiert der Plan den »jüngsten Schritt im fortlaufenden Abgleiten der FIFA in autokratische Führungsstrukturen und einen Personenkult, bei dem der Präsident täglich die Grenzen seines Mandats austestet«. Es gehe darum, »Investoren, deren einziges Ziel die Maximierung finanzieller Erträge ist, an den bedeutendsten Fußballwettbewerben zu beteiligen. Sobald das geschieht, verändert sich der Fußball. Für immer.« Dieser Weg führe zu teureren Tickets, mehr Werbeunterbrechungen, mehr Bezahlschranken, zu kostspieligeren TV-Abos, überzogenen Halbzeitshows und »einer Weltmeisterschaft, die so gewaltig und so sehr von Geld getrieben ist, dass sie nur noch von einer Handvoll Länder ausgerichtet werden kann.« Fußball sei jedoch ein Kulturgut und gehöre nicht den Finanzmärkten. »Seine Führung darf niemals von den ›Sportswashing‹-Ambitionen staatlicher Investmentfonds oder von privaten Interessen aus dem Umfeld des US-Präsidenten bestimmt werden.« Auch FSE verlangt Infantinos Rücktritt. Dem Aufruf haben sich in Deutschland die Vereinigung der organisierten Fans »Unsere Kurve«, das Netzwerk »F_in Frauen im Fußball« und »Queer Football Fanclubs« angeschlossen. Die globale Spielergewerkschaft FIFPRO wirft Infantino auf ihrer Internetseite einen »schwerwiegenden Missbrauch seiner präsidialen Befugnisse« vor. Das Vertrauen der Fußballer in ihn sei »grundlegend zerstört«.
Eine Parallelgesellschaft
Schon vor und während der WM 2026 hatte es Zweifel gegeben, ob alles sportlich sauber zugehe. Die zwei Endrunden der asiatischen Qualifikation sind in Katar und Saudi-Arabien ausgetragen worden, ein Heimvorteil für beide Nationalteams, die sich schließlich auch qualifizierten. Beide Staaten sind über staatseigene Unternehmen wichtige Sponsoren der FIFA. Katar mittels der Fluggesellschaft Qatar Airways, Saudi-Arabien durch den Energiekonzern Aramco und den Staatsfonds PIF.
Zudem gab es Gerüchte um Argentinien. Der einzige Fußballprofi, den auch in den USA fast jeder kennt, ist der Argentinier Lionel Messi, er spielt seit Sommer 2023 für Inter Miami. Ein frühes Ausscheiden seiner Mannschaft wäre für das Interesse in den USA nicht günstig gewesen. Eine Handvoll zweifelhafter Schiedsrichterpfiffe zugunsten der Argentinier waren in diesem Zusammenhang verdächtig. Und dann war da natürlich noch die Affäre um den Platzverweis für den US-amerikanischen Torjäger Folarin Balogun, nach einem Anruf Donald Trumps bei Gianni Infantino wurde die obligatorische Sperre außer Kraft gesetzt. Zu Recht fragen Beobachter, wie diese Art von Schiebungen und Einflussnahmen sich erst gestalten werden, wenn private Investoren das größte Sportereignis der Welt in der Hand haben.
Wahrscheinlich endet das Problem nicht mit Infantino, wie es bekanntlich nicht mit ihm begonnen hat. Offenbar gehören Korruption und Bestechung zur DNA des Weltverbands. Was sich wohl, nach Recherchen des Spiegels um 2015, auch der DFB zunutze machte, als er die WM für 2006 nach Deutschland holte. Demnach sei für die Bestechung der vier asiatischen Funktionäre im 23 Mitglieder starken Exekutivkomitee eigens eine Schwarzkasse angelegt worden.
Im Grunde funktioniert die FIFA wie ein Patronatssystem, Stimmen werden über finanzielle Zuwendungen gekauft. Von den 211 Mitgliedsverbänden besitzt jeder eine Stimme. Die Vanuatu Football Federation (VFF) mit ihren etwa 6.400 Mitgliedern ebenso wie der Deutsche Fußballbund mit seinen 8,2 Millionen Mitgliedern. Im WM-Zyklus von 2023 bis 2026 zahlte die FIFA jedem Landesverband im Jahr 1,8 Millionen Euro. Für den DFB macht das weniger als ein Prozent der Gesamteinnahmen aus, die deutlich über 200 Millionen Euro liegen. Der ozeanische Inselstaat ist wie viele andere Verbände fast vollständig von dieser Zuwendung abhängig. Seine selbständigen Einnahmen belaufen sich auf wenige Zehntausend Euro.
Ethisch ist das Prinzip »Ein Verband – eine Stimme« gewiss in Ordnung, allerdings lässt es sich leicht missbrauchen. Kleine Verbände sind zur Loyalität verdammt und zugleich Garanten der Wiederwahl. Im Zusammenhang der angedachten FFE hatte Infantino jedem Verband rund 35 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Wofür sie bis zum 19. September dem Plan zustimmen sollten, wie The Times berichtet. Verbände, die erst nach dieser Deadline ihre Zustimmung abgegeben hätten, wären mit bloß noch neun Millionen Euro bedacht worden. Die FIFA scheint über Jahrzehnte hinweg derart zu einer Parallelgesellschaft geworden, dass man nicht mal mehr den Versuch unternimmt, Korruption und Stimmenkauf wenigstens etwas zu verdecken.
Ein weiteres Geschenk für die kleinen Verbände ist die geplante Vergrößerung des Teilnehmerfelds bei der WM der Männer von aktuell 48 auf 64 ab 2030. Bereits für 2026 hatte Infantino die Zahl erhöht, von 32 auf 48, was Ländern wie Curaçao, Kap Verde, Jordanien und Usbekistan die erstmalige Qualifikation ermöglichte und Infantino die Wiederwahl erleichtern soll.
Im Zuge der Frauen-WM 2023 in Australien machte der FIFA-Präsident eine Tour durch die Pazifikstaaten: Fidschi, Samoa, Tonga, Tahiti, Vanuatu, Salomonen, Neukaledonien, Cookinseln, Papua-Neuguinea und Amerikanisch-Samoa. Begeistert empfangen überall. »Ich bin stolz, diese fußballbegeisterten Nationen zu besuchen, denn für uns sind alle Länder wichtig, und seien sie noch so klein«, sagte er auf den Cookinseln. Die Reise wirkt bis heute nach. Von den elf Mitgliedsverbänden in Ozeanien hat allein Neuseeland angekündigt, den Schweizer im März nicht wiederzuwählen. (Australien gehört auf eigenen Wunsch seit 2006 zum asiatischen Kontinentalverband, weil die sportliche Konkurrenz dort stärker ist als in Ozeanien.)
Wer verspricht mehr?
Der afrikanische Kontinentalverband CAF mit seinen 54 Landesverbänden ist traditionell ebenfalls eine Bastion für Infantino. Noch Anfang August hatte die CAF sich beim Chef für »seine über Jahre hinweg geleistete, unermüdliche Unterstützung des afrikanischen Fußballs« bedankt. Die Phalanx scheint allerdings zu bröckeln: 15 Landesverbände haben sich gegen Infantino in Stellung gebracht. Sie favorisieren den Generalsekretär Mattias Grafström, einen über lange Zeit treuen Diener des Präsidenten. Nur dürfte es auch hier weniger um Ethik als um Zuwendungen gehen. Wer Infantino ausstechen will, muss mindestens ebenso viel versprechen.
Seit dem 26. Februar 2016 ist Infantino Boss des Weltverbands, abgelöst hat er Sepp Blatter, mit dem großen Versprechen, dessen Ära der Korruption zu beenden. Alle vier Jahre muss ein FIFA-Präsident sich der Wahl stellen. Da 2019 und 2023 niemand gegen ihn antrat, wurde er weder durch Handzeichen noch geheim gewählt, sondern per Akklamation, das heißt durch Applaus, was die FIFA-Statuten in diesem Fall gestatten.
Doch auch seine erste (geheim durchgeführte) Wahl ist erstaunlich. Im Juni 2016 gab es schwere Vorwürfe gegen den Schweizer seitens hochrangiger Funktionäre. Die Ethikkommission – ja, die FIFA hat tatsächlich so was – untersuchte den Fall. Es zeigte sich »das Bild eines Mannes, der von Anfang an gegen die Regeln verstieß«, wie The Telegraph den Vorgang rückblickend zusammenfasste. Eines Mannes, der Beruf und Privates nicht auseinanderhalten kann. Die Ethikkommission sprach ihn von allen Vorwürfen frei.
Von jenem Verkauf der 20 Prozent zum Beispiel hätte Infantino wahrscheinlich persönlich profitiert, urteilte The Times am 28. Juli. Im kommenden März steht die Wahlentscheidung über Infantinos dritte und letzte Amtszeit an. Spätestens 2031 wird er sich also nach einem neuen Job umschauen müssen. Der CEO-Posten bei der FFE mit einem Jahresgehalt von vermutlich knapp über 25 Millionen Euro pro Jahr (plus Boni) wäre eine Option gewesen. Auch bislang wusste der Mann für sich zu sorgen. Im Geschäftsjahr 2025 hatte er ein Festgehalt von umgerechnet 2,45 Millionen Euro plus einen Bonus von 2,3 Millionen Euro. Und weil man davon eigentlich nicht leben kann, kamen fast 26.000 Euro steuerfreie Spesenpauschale hinzu und monatlich 8.500 Euro Miete für die Wohnung, die Infantino im Städtchen Zug bewohnt.
Ferner kann er Dienstwohnungen in Paris und Doha nutzen. Im Sommer 2016 kam ans Licht, dass er sich vom Verband eine Matratze im Wert von umgerechnet 10.000 Euro hat bezahlen lassen. Für Dienstreisen stehen unbegrenzt Privatjets zur Verfügung. Während der WM 2026 ließ Infantino sich vom FIFA-Sponsor Qatar Airways 39 Tage lang über 100.000 Kilometer kreuz und quer durch Nordamerika und Mexiko fliegen. Zur Erinnerung: Die FIFA hat die Rechtsform eines Vereins. »Damit profitiert sie in der Schweiz von massiven Steuererleichterungen – trotz Milliardengewinnen in WM-Jahren. Prozentual zahlt die FIFA nicht mehr als ein Bocciaklub«, erklärt die Schweizer Tageszeitung Blick die landesüblichen Steuergesetze.
Glücksfall Trump
Überhaupt kommt die Familie Infantino viel herum. Ein Jahr vor der WM 2022 zog sie nach Doha. Erst nachdem Blick entsprechende Fotos vorlegen konnte, räumte die FIFA den Umzug ein. »Für eine Fußball-WM, die in die Geschichte der Region und der FIFA eingehen wird, lohnen sich auch die größten Anstrengungen«, zitierte Blick Infantino im Januar 2022. »Sein neuer Lebensmittelpunkt in Doha zeigt einmal mehr die klebrige Nähe des FIFA-Bosses zum Land auf der Arabischen Halbinsel. Seit Jahren steht Infantino in der Kritik, weil er einen allzu freundschaftlichen Umgang mit dem Emirat und dessen autoritären Herrschern pflegt«, heißt es weiter. Zwei Jahre vor der WM 2026 übersiedelte die Familie vorübergehend nach Miami. »Er schickt eine seiner Töchter im Sonnenstaat Florida zur Schule. Bemerkenswert daran ist: Die Kosten dafür trägt nicht er selbst, sondern die FIFA«, schreibt die Schweizer Tageszeitung. Das Schulgeld habe rund 5.000 Euro im Monat betragen.
Zufällig besitzt Donald Trump ganz in der Nähe in Palm Beach sein Anwesen Mar-a-Lago, wo Infantino häufig Gast war. Die FIFA unterhielt außerdem ein Büro im Trump Tower in New York, berichtete die New York Times (NYT) am 9. Juni. Dessen Miete soll etwa 70 Euro pro Quadratmeter betragen haben. Marktüblich, rechtfertigt sich die FIFA. »Die Entscheidung, Miete an die Trumps zu zahlen, ging von FIFA-Präsident Gianni Infantino aus, für den die Nähe zu Trump oberste Priorität hat«, schreibt die NYT.
Trump und Infantino trafen sich das erste Mal im Sommer 2018 im Oval Office des Weißen Hauses. »Sie sind ziemlich berühmt, nicht wahr?«, soll Trump gefragt haben. Infantino antwortete angeblich selbstbewusst: »Ja, so scheint es.« Der FIFA-Präsident schenkte Trump einen Satz gelbe und rote Karten. Die könne er gegen die Medien einsetzen, scherzte Trump. »Sie gehören jetzt zum FIFA-Team«, versicherte der Präsident dem Präsidenten. Vorbei die Zeiten, als sich Funktionäre der FIFA kaum noch in die USA trauten, weil sie fürchten mussten, wegen Korruption und Bestechung verhaftet zu werden. Die US-Justiz ermittelte, Sponsoren sprangen ab. Joseph »Joe« Biden zum Beispiel hatte keine Lust, Infantino im Weißen Haus zu empfangen. Zu viel Nähe zu solch einer skandalumwitterten Organisation wie der FIFA schien nicht ratsam. Der damalige Außenminister Antony Blinken soll während der Weltmeisterschaft 2022 in Katar ein offizielles Treffen abgelehnt haben. »Die wenigen Begegnungen von Herrn Infantino mit US-Vertretern beschränkten sich weitgehend auf formelle, private Gespräche, wie etwa ein halbstündiges Treffen mit dem Nationalen Sicherheitsberater, bei dem es um Sicherheitsfragen und Wartezeiten bei der Visavergabe ging«, berichtet die NYT.
Trumps Wiederwahl 2024 kann als wahrer Glücksfall für Infantino gesehen werden. »Ich möchte Präsident Trump danken, mit dem mich eine große Freundschaft verbindet, und ihm versichern, dass wir gemeinsam nicht nur Amerika wieder großartig machen werden, sondern auch die ganze Welt, denn Fußball verbindet die Welt«, jubelte der FIFA-Boss auf Instagram. Nach ihren Statuten soll die FIFA politisch neutral bleiben. Als Trump im Januar 2025 in Washington seine Antrittsrede hielt, saß Infantino dicht hinter ihm. Mehrmals erhob er sich applaudierend von seinem Stuhl, »unter anderem, als Trump ausruft, dass es in den USA nur noch zwei Geschlechter geben werde«, berichtet sportschau.de.
»Die enge Beziehung zwischen dem FIFA-Präsidenten und dem US-Präsidenten hat eine finanzielle Dimension erreicht, die dem Fußball massiv schadet. Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen«, meldete sich Infantinos Vorgänger Sepp Blatter auf X aus der medialen Versenkung. Blatter war einst selbst Mittelpunkt von Ermittlungen der Schweizer Justiz wegen Korruption und Bestechung. Er wurde freigesprochen, verlor aber seinen Posten als FIFA-Präsident. Infantino wurde sein Nachfolger.
Schon 2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Infantino gehörig antichambriert. Präsident Trump sei vom selben Holz wie die größten Fußballer, sagte der FIFA-Boss bei einem gemeinsamen Abendessen mit einflussreichen Wirtschaftskapitänen. »Er ist ein Wettkämpfer, er will sich messen, er will gewinnen.« Trump plapperte in seiner Antwort ein interessantes Detail aus: »Du wolltest diese WM, ich wollte diese WM, wir haben es zusammen geschafft, noch bevor ich ins Amt gekommen bin.« Die beiden agierten also bereits miteinander, als im Weißen Haus noch Biden saß.
Im Dezember 2025 verlieht Infantino einen eigens von ihm für den US-Präsidenten geschaffenen FIFA-Friedenspreis. »Sie haben den ersten FIFA-Friedenspreis für Ihren Einsatz und Ihre Bemühungen definitiv verdient, denn Sie haben auf unglaubliche Weise etwas erreicht. Sie können immer auf meine Unterstützung zählen, Herr Präsident, auf die Unterstützung der gesamten Fussballgemeinschaft – gemeinsam wollen wir Ihnen dabei helfen, Frieden zu stiften und die Welt überall zu einem besseren Ort zu machen«, sagte Infantino in der Laudatio.
Möchtegern-Player
Als Donald Trump im Oktober 2025 im ägyptischen Badeort Scharm Al-Scheich den Pseudo-Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas als seinen Triumph feierte, war Infantino als »seltsamster Gast« mittenmang, wie die Tageszeitung Al Masri Al Youm schrieb. »Der Fußball wird alles zur Verfügung stellen, damit der Friedensprozess zu einem bestmöglichen Ergebnis führt«, schien indes Infantino seine Anwesenheit völlig normal zu finden. Die FIFA werde mit einem Fonds dafür sorgen, dass in Gaza auf zahlreichen Minispielfeldern wieder Fußball gespielt werden kann. »Fußball bringt Kindern Hoffnung, und das ist sehr wichtig«, zitierte ihn die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Vor dem Hintergrund Zehntausender unterernährter und durch zerstörte Schulen und Krankenhäuser von Bildung und Gesundheitsfürsorge abgeschnittener Kinder wirkt die Ankündigung bizarr. Im Gazakrieg umgekommene Fußballer, Trainer und Funktionäre erwähnte der FIFA-Präsident mit keiner Silbe. »Nichts sagte Infantino überdies zum 1938 erbauten Jarmuk-Stadion in Gaza, in dem die israelische Armee ein Internierungslager eingerichtet hatte«, bemerkte die NZZ. Zudem weigert die FIFA sich, Maßnahmen gegen den israelischen Fußballverband IFA zu ergreifen, der Vereine aus den völkerrechtswidrig errichteten Siedlungen am Spielbetrieb seiner Ligen teilnehmen lässt. Diese tragen ihre Heimspiele ohne Erlaubnis der Palästinensischen Nationalbehörde in der Westbank aus, was, da auch Palästina Mitglied der FIFA ist, gegen die Statuten des Weltverbands verstößt.
Die FIFA ist ebenfalls Mitglied in Trumps »Board of Peace«, das als Gegenentwurf zur UN den Frieden auf der ganzen Welt zu fördern vorgibt. Der Weltverband macht mit, weil er nach Infantinos Vorstellungen ökonomisch und politisch ein Global Player auf allen Gebieten sein will. Die große Welt des Fußballs ist für Infantino längst zu klein geworden. Im Mai 2025 kam Infantino zu spät zu einem FIFA-Pflichttermin, der Jahrestagung der führenden Fußballfunktionäre in Paraguay, weil er lieber den US-Präsidenten bei einem Staatsbesuch in den Golfstaaten begleitete. »Ich hatte das Gefühl, dort sein zu müssen, um den Fußball und euch alle zu vertreten«, rechtfertigte er sich. »Als Herr Trump Würdenträger und Wirtschaftsmagnaten zu einem Staatsbankett für den saudiarabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zusammenrief, war auch Herr Infantino dabei«, schreibt die NYT. Den FIFA-Boss schien nicht zu stören, dass Bin Salman den Journalisten Dschamal Chaschuqdschi ermorden ließ und in Saudi-Arabien regimekritische Blogger oder Frauenrechtlerinnen im Gefängnis verrotten lässt. Der in Saudi-Arabien spielende Cristiano Ronaldo war zum Dinner eingeladen. Es war der erste öffentliche Auftritt des portugiesischen Weltstars in den USA seit über zehn Jahren. Auf einem Selfie, das der Fußballer mit einigen US-Prominenten machte, lugt in der letzten Reihe hinter Elon Musk grinsend Infantino hervor.
Jetzt, da die Woge der Empörung den FIFA-Patriarchen aus dem Amt spülen könnte, springen ihm seine Good Fellas aus den USA zur Seite. Die FIFA begehe einen »schrecklichen Fehler«, wenn sie Infantino absetze, schrieb Trump auf seiner Plattform »Truth Social«. »Er ist fantastisch und hat gerade die erfolgreichste Weltmeisterschaft aller Zeiten geleitet.« Ohne Infantino werde es »nie wieder solch eine erfolgreiche oder profitable WM geben«. Trump kann sich den Schweizer sogar als nächsten UN-Generalsekretär vorstellen.
Noch hat Infantino den Kampf um den FIFA-Vorsitz nicht aufgegeben. In der marokkanischen Hauptstadt Rabat rief er am 5. August die Führungsriege des Weltverbands zu einer Krisensitzung zusammen. Im abschließenden Statement stellte sich die Mehrheit der Teilnehmenden voll und ganz hinter den Chef. Kein Wunder, denn die meisten verdanken ihm den Job. Sie müssen deshalb fürchten, mit dem Präsidenten unterzugehen, falls dieser im März die Wahl verliert. Das gilt vor allem für Generalsekretär Mattias Grafström. Bis vor kurzem hatte er noch Infantinos Investorenplan heftig kritisiert und mangelnde Transparenz beklagt. In Rabat gehörte er plötzlich wieder zum Team Infantino.
Der ehemalige Präsident des DFB, Reinhard Grindel, sprach in der Frankfurter Rundschau von einem »albernen« Schulterschluss. »Es war wieder ein typischer Schachzug von Infantino. Er bauscht eine Mitarbeitersitzung zur Krisensitzung auf, die völlig ohne sportpolitische Bedeutung ist. Jetzt tut er so, als habe er den Rückhalt in der FIFA, weil ein paar von ihm handverlesene Leute doch keine Revolution machen«, so Grindel, der 2019 als DFB-Präsident zurücktrat, weil er vom ukrainischen Oligarchen Grigori Surkis eine Luxusuhr als Geburtstagsgeschenk angenommen hatte.
Ein Gegenkandidat hat nun bis zum 18. November Zeit, die Herausforderung anzunehmen, gegen Infantino im März in den Ring zu steigen. Bis jetzt ist nicht abzusehen, wer das sein könnte. Aleksander Čeferin, der Vorsitzende der UEFA, hat bereits abgewinkt. Ihm mache sein aktueller Job einfach zu viel Spaß. Lise Klaveness wäre wohl eine vorzügliche Wahl. Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands tritt seit langem als Infantinos mutigste Kritikerin auf, auch wenn sie damit oft allein stand.
Kurz vor der Weltmeisterschaft 2022 kritisierte sie auf dem FIFA-Kongress in Doha, dass der Gastgeber Katar auf »inakzeptablen Wegen und mit unakzeptablen Konsequenzen« an die WM gekommen sei. Es dürfe keine Toleranz für Intransparenz und Korruption in der FIFA geben. Klaveness sprach auch furchtlos die Ausbeutung ausländischer Arbeiter beim Bau der Stadien in Katar an. Außerdem dürfe es keine Vergabe mehr an Staaten geben, die sich weigern, auch die Fußball-WM der Frauen auszutragen. Der Applaus hielt sich bei den Männern der FIFA in Grenzen.
→ Gerrit Hoekman schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Juli 2026 über Aufrüstung und die deutschen Kommunen: »Sprung auf den Rüstungszug«.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,7
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
