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Drogenhandel

Die Freetown-Connection

Krieg im Drogenmilieu: Bande greift Anwesen in Niederlanden an und tötet einen Wachmann. Ermittler wähnen Mitverursacher in Sierra Leone, unter quasi staatlichem Schutz

Foto: ANP/IMAGO
Der Bereich um das Haus in Overasselt war weitläufig durch schwerbewaffnete Polizei abgeriegelt

Rund 30 Personen zogen in der Dunkelheit durch das niederländische Dorf Overasselt: maskiert und teilweise mit Maschinenpistolen bewaffnet. Ihr Ziel: ein Anwesen am Dorfrand. Dort erschossen sie am späten Dienstag abend einen Personenschützer, der von der dort lebenden Familie angestellt worden war. Zwei alarmierte Polizeibeamte wurden durch Schüsse schwer verletzt. Die Polizei verhaftete im nachhinein an verschiedenen Orten 34 Verdächtige. Sie stammen aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Algerien.

Ein martialisches Video ging ab Mittwoch über verschiedene niederländische Medien in Umlauf: Vier maskierte Männer beschuldigen darin Jan G., den Eigentümer des Anwesens in Overasselt, mehr als eine Tonne Kokain gestohlen zu haben, die »unserem belgischen Freund in Spanien«, wie sie sagen, gehöre. Händige G. die Ware nicht aus, müsse seine gesamte Familie dran glauben. Es geht also um sehr viel Geld: Die genannte Menge Kokain kostet beim Einkauf um die 17 Millionen Euro und dürfte beim Verkauf in den Niederlanden mehr als 60 Millionen Euro einbringen.

Wenn im Zusammenhang mit den Niederlanden von enormen Mengen Kokain die Rede ist, fällt schnell der Name Jos Leijdekkers, in den Medien und der Unterwelt auch »Bolle Jos« (Pummeliger Jos) genannt. In den Niederlanden warten 24 Jahre Haft auf ihn. Ein Gericht in Rotterdam verdonnerte ihn dazu, 96 Millionen Euro zu zahlen – jenes Geld, das er mit kriminellen Geschäften verdient haben soll. In Belgien müsste er sogar noch länger ins Gefängnis. Der mit internationalem Haftbefehl Gesuchte ließ allerdings am Mittwoch über seine Anwälte öffentlich mitteilen, er habe mit dem Mord in Overasselt nichts zu tun. Zu Gerüchten, die seine Person betreffen, äußert er sich sonst nicht. Die Ermittler sind überzeugt, dass Leijdekkers seine Finger im Spiel hat.

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Bis vor zwei Jahren ein Foto und ein Video auftauchten, die Leijdekkers in ­Sierra Leone zeigen, tappte die Polizei im dunkeln. Auf den Aufnahmen ist »Bolle Jos« bei einem Neujahrsgottesdienst zu sehen, eine Reihe hinter Staatspräsident Julius Maada Bio. Mit dessen Tochter Agnes soll Leijdekkers inzwischen ein gemeinsames Kind haben. Das Video einer privaten Geburtstagsfeier für Alusine Kanneh, den Chef der Einbürgerungsbehörde von Sierra Leone, das die niederländische Tageszeitung AD und das investigative Netzwerk Follow the Money im März 2025 veröffentlichten, zeigt, wie Leijdekkers ihm ein Präsent überreicht. Nur 24 Stunden nach der Veröffentlichung verlor Kanneh auf Anweisung des Staatspräsidenten seinen Posten. Ebenfalls bei dem Fest anwesend: Andrew Jaiah Kaikai, der Leiter der Drogenpolizei in Sierra Leone.

Dort befindet sich Leijdekkers wohl nach wie vor. Das Land in Westafrika hat sich zu einer wichtigen Drehscheibe des Kokainhandels entwickelt: Schiffe aus Südamerika ankern vor der Atlantikküste der Hauptstadt Freetown und verladen das Kokain auf kleinere Boote, die es ans Ufer bringen. Von dort gelangt es meistens über den Landweg bis ans Mittelmeer und weiter nach Europa. Die Route scheint den Drogenhändlern mittlerweile sicherer als der direkte Weg über die Seehäfen von Antwerpen und Rotterdam. Vor den Kanarischen Inseln wurde ein aus Freetown kommendes Frachtschiff im Mai von der spanischen Guardia Civil aufgebracht: An Bord befanden sich mindestens 30 Tonnen Kokain, die auf dem Weg nach Bengasi in Libyen gewesen sein sollen.

Die Strecke ist keine Einbahnstraße. Aus den Niederlanden und Großbritannien kommen per Containerschiff die Zutaten nach Westafrika, aus denen vor Ort die synthetische Droge »Kush« hergestellt wird. An ihr geht in Sierra Leone und den Nachbarländern fast eine ganze Generation junger Menschen zugrunde. Das mit Chemikalien und Opioiden verunreinigte Cannabisderivat macht rasend schnell abhängig. Häufig enthält die Droge auch Nitazene, starke Schmerzmittel, die schon bei geringer Überdosis zum Tod führen können. 2024 rief Präsident Bio den Drogennotstand aus. Auf niederländische Auslieferungsgesuche, »Bolle Jos« betreffend, reagierte er bislang nicht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.09.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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