Bunt den Bach herunter
Molières »Der Menschenfeind« als Phantasiefeuerwerk am Hamburger Thalia-Theater
Geil! Sagt man das noch? Oder wieder? Vielleicht urnice? Cool ist was für 80jährige. Six Seven ist der heißeste Scheiß – Molières Alceste, der Menschenfeind, wäre begeistert gewesen, nichtssagender und oberflächlicher kann Sprache kaum sein. So wie das schlechte Sonett, das ihm der junge Höfling und Dichter Oronte vorträgt und damit die unbarmherzig ehrliche Kritik des jede Höflichkeit verachtenden Alceste herausfordert: »Ein Mensch, der auf sich hält, / Muss sich beherrschen können, / Mag ihn der Kritzeljuckreiz / Noch so heftig brennen; / Auch spiele, wer sein Machwerk / Stets rezitieren wolle, / Auf des Lebens Bühne / Die lächerlichste Rolle.«
Doch noch ist der Fehdehandschuh nicht geworfen: Ungewöhnlich früh wird der Zuschauerraum geöffnet, es riecht nach Spektakel. Grelle Scheinwerfer kreisen und blenden, auf der Bühne irritierte Zuschauer, die wie im Spiegel dort auf Rängen sitzen. Zu sehr lauter Live-E‑Geige von Matthias Jakisic (Musik und Komposition) stürmt ein rappender rosa Orkan mit Volantorgien an den Beinen in Person des Schauspielers Ole Lagerpusch heran und fegt jeden Verdacht auf eine konventionelle Inszenierung davon.
»Mikrofon check Six Seven / Alle Lichter an. Allein zu Haus wie Kevin.« Der immerhin »schon« 45 Jahre alte Lagerpusch tanzt mitreißend, sieht aus und performt fresh wie ein Zwanzigjähriger. Er wird später den unglücklichen Oronte spielen, noch aber kann er sich auf die guten, witzigen Lyrics des »Deichkind«-Texters Uwe verlassen: »Meine Generation deine Generation / Same same but gleich / Leben im Vergleich / Wärst du nicht arm, wär ich nicht reich.« Selbst die eher zurückhaltenden vorderen Reihen tanzen mit: »Sie spielen wieder Molière / Und alle nur so yeah.«
Anschließend spielen Jakisics Instrumente mit Scheinwerfern, riesig projizierte Handybildschirme, leere Nachrichten und bebrillte, lachende, kotzende Emojis stehen wohl für das Faszinosum, heute, trotz millisekündlich aufploppender Nachrichten, in kommunikativer Leere zu existieren.
Diese beiden ersten Teile des »Triptychon«, wie Jette Steckel ihre Inszenierung nennt, geraten vielleicht etwas lang, aber es gefällt, also why not, oder besser, pourquoi pas?
Farbwechselnde Leuchtkästen rahmen den Bühnenstreifen ein, den das Ensemble zwischen den zwei Zuschauerseiten schließlich bespielt (Bühne: Florian Lösche): »Ich finde überall / Nur feige Schmeichelei, Nur Unrecht, Gier, Verrat, / Habsucht, Berechnerei; Ich halt’s nicht aus, ich platze, / Ich muss dann so weit gehn, Mit offenem Visier / Die Gattung Mensch zu schmähn.« Miesepeter Alceste (André Szymanski), wie alle Schauspieler komplett monochrom eingefärbt, vom gelungenen Kostüm (Pauline Hüners) bis in die Haarspitzen, erregt sich in Winnteou-Rotbraun debattierend mit dem geduldigen Freund Philinte – die wunderbare Barbara Nüsse in leuchtendem Mittelblau – gleich existentiell.
Doch der übersetzte Originaltitel, »Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker« (Uraufführung 1666) nimmt dem Misanthropen die Schärfe und deutet eine weniger harte als zerrissene, ja tragische Figur an. Die unglückliche Liebe zur jungen, sehr selbstbewussten Witwe Célimène, ist, wie das ganze Stück, wohl autobiographisch geprägt von Molières komplizierter Ehe mit der 20 Jahre jüngeren Armande, deren Koketterie ihm fremd und unverständlich war und ebenso auf die Nerven ging wie die höfischen Speichelleckereien und Intrigen, die ihn, beispielsweise mit dem Verbot seines »Tartuffe« zwei Jahre zuvor, nicht nur abstießen, sondern direkt bedrohten.
Dass aus Verbitterung eine Komödie entstehen kann, ist Molières große Kunst, geprägt durch seine einzigartigen Verse (im Versmaß Alexandriner – heute unnützes Wissen), hier in einer wunderbar zeitgemäßen, intelligenten und wirklich lustigen Übersetzung von Patrick Steckel, Vater der Regisseurin:
»Alceste: Wie denn? Kann man niemals / Allein mit Ihnen sein? / Ganz gleich wer wann hier anklopft, / Sie lassen ihn herein? / Versuchen Sie doch einmal, / Es über sich zu bringen, / Zu meinen Gunsten sich / Ein ›Nicht jetzt‹ abzuringen! – Célimène: Wollen Sie, dass er / Und ich uns überwerfen? – Alceste: Ihr rücksichtsvolles Wesen / Zerrt an meinen Nerven.«
Auch wenn vordergründig die Ehrlichkeit das Maß aller Dinge sein soll, so ist es letztlich doch die Eifersucht, die Alceste so wehrlos macht, dass er mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird. Célimène (Maja Schöne), cremefarben und sehr selbstbewusst, besteht darauf, frei zu sein, auch andere Männer zu lieben, am Ende werden die beiden Königskinder, die sich in ihrer unerbittlichen Weigerung, auf den anderen zuzugehen, sehr ähnlich sind, nicht zueinander finden.
Der Weg zum bitteren Ende ist bunt und spaßig und ausnahmslos hervorragend gespielt. Die orangefarbene Lisa Hagmeister (Extrapunkt für die Schlangenbewegungen), die knallrote Cathérine Seifert, die dienend und brüllend zugleich sein kann, und meine absoluten Lieblinge, Zitrone und Aubergine. Der lila eingefärbte Cino Djavid als Acaste, spätestens seit »Hard Times« als großartiger Komödiant bekannt, mit sehr verdientem Szenenapplaus, und der quietschgelbe Citandre (Camill Jammal), optisch eine Mischung aus Conchita Wurst und Ross Anthony, intellektuell aber offenbar schon von Kaugummikauen und gleichzeitigem Denken völlig überfordert – genial!
»Aber die Welt geht trotzdem den Bach runter / Zumindest war sie zum Schluss etwas bunter / Aber die Menschen immer noch unmenschlich / And don’t even mention the war.«
Nächste Aufführungen: 27. u. 28.9., 10.10.
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