Kinder, der Eismann ist da
Neuinterpretation des Rattenfängers von Hameln: Eli Roths nostalgischer Splatterfilm »Ice Cream Man«
Kennen Sie noch den Song »The Ice Cream Man« (1963, Decca F. 11662) der britischen Instrumentalrockband The Tornados mit dem vielleicht ersten deutschen Popstar nach dem Zweiten Weltkrieg – Heinz Burt (eigentlich Heinz Henry George Schwarz, 1942–2000) – am Bass? Die liebliche Melodie mit Glockenspielakzenten, selbst Soundtrack zu Robert Tronsons inzwischen leider verschollenem Töte-den-Popstar-Thriller »Farewell Performance« (1963), liefert einen ausgezeichneten Kontrast zu Eli Roths äußerst krudem Splatterfilm »Ice Cream Man«. Regisseur Roth hat wie sein Mentor Quentin Tarantino einen erlesenen Popgeschmack und unterfüttert damit stets seine Horrorreminiszenzen an die 50er bis 70er Jahre wie »Cabin Fever« (2002), »Hostel« (2005), »Knock Knock« (2015) oder »Thanksgiving« (2023).
Und er gönnt sich à la Tarantino auch wieder einen schauspielerischen Auftritt im eigenen Film, diesmal als sich als Hort der Vernunft gerierender Familienvater Marty, der das mehr als ungezügelte Treiben verhexter Kinder in der fiktiven Kleinstadt Bayleen Bay am eigenen Leibe ertragen muss.
In dem blitzeblanken gemütlichen Örtchen ticken die Uhren recht gemächlich, bis in den Sommerferien der neue Eisverkäufer (Ari Millen) mit seinem Truck um die Häuser zieht und Groß und Klein mit erfrischenden Köstlichkeiten versorgt. Klingt harmlos? Ist es aber nicht, denn das kühle Glück bringt nicht nur einen heftigen Zuckerschock, sondern birgt auch teuflische Kräfte, die der mysteriöse Fremdling mit der Tonfolge des Tornados-Stücks aus dem Eiswagen erwecken kann. Kaum hören die Kids die nostalgischen Klänge, verwandeln sie sich in eiskalte Killermaschinen, die die Erwachsenen der Stadt erbarmungslos dezimieren. Nur der laktoseintolerante Jared (Charlie Zeltzer) ist mit einer kleinen Gruppe von Freunden, die Gefrorenes ebenfalls verschmähen, noch bei klarem Verstand und somit die letzte Hoffnung für die Erwachsenen der Stadt.
Das Drehbuch, das Roth zusammen mit Noah Benson geschrieben hat, ist wahrlich kein Meisterwerk psychologischen Horrors. Geschenkt! Das blutige Gemetzel unterhält dennoch bestens mit tiefschwarzem Humor und phantasievollen Tötungsmethoden, gegen die sich das bei lebendigen Leibe zerfetzt und aufgegessen werden in »Weapons – Die Stunde des Verschwindens« (2015) noch harmlos ausnimmt. Wollten wir als Schüler nicht alle mal den Eltern und Lehrern zeigen, wo es langgeht? Für die Nachfolgegenerationen liefert Roth mit »Ice Cream Man« eine perfekte Bedienungsanleitung, um Klugscheißer aus dem Weg zu räumen. Durch die Verquickung vorgeblicher kindlicher Unschuld mit aktuellen gesellschaftlichen Themen gelingt ihm eine durchschlagskräftige Verkehrung einiger für gewöhnlich eher positiv konnotierter Motive und eine bitterböse Neuinterpretation der alten Sage vom Rattenfänger von Hameln.
2026 kann man den Rattenfänger allerdings richten. Man muss ihm nur rechtzeitig den Kopf abschlagen. Anschauungsunterricht genug hat die kleine widerständige Schar der Aufrechten um Jared bei den entfesselt im Blut badenden Altersgenossen. Das übliche Gut-und-Böse-Schema Hollywoods wird also gewaltig unterlaufen.
Während sich Figurenzeichnung und Dialoge mitunter erschreckend simpel gestalten, begeistert »Ice Cream Man« durch seine fiese Titelfigur, die Ari Millen (»Orphan Black«, 2014–2017) mit Lippenbärtchen und öliger Verschlagenheit ausstattet, liebevoll handgemachte Splattereffekte und den stimmungsvollen Soundtrack von Brandon Roberts, zu dem West-Coast-HipHop-Veteran Snoop Dogg den eigens für den Film produzierten Abspanntrack »The Ice Cream Song« beigesteuert hat.
»Ice Cream Man«, Regie: Eli Roth, USA/Kanada/UK/Japan/Frankreich 2026, 86 Min., bereits angelaufen
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