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Kino

Dämonen im Zahnarztstuhl

Das ewige Jenseits und der dentale Verfall im Horrorfilm: »Insidious: Out of the Further«

Foto: 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
In welcher Welt auch immer: Aller guten Dinge sind drei

Was für ein Auftakt: Ingrid Lilith Hall (Laura Gordon), die Mutter der kleinen Gemma (Charli Penton), scheint Ende der 1990er Jahre von irgend etwas besessen zu sein. Sie richtet sogar ein Küchenmesser auf ihre Tochter. Doch ihre Elternliebe ist nicht komplett ausgeschaltet. Deshalb schließt sie sich im Bad ein und versucht, den inneren Dämon zu bekämpfen, indem sie ihren Kopf gegen die Wand schlägt. Während Gemma verzweifelt gegen die Tür trommelt, strömt das Blut von Ingrid Lilith unter der Schwelle hervor. Stanley Kubricks »Shining« (1980), wo der rote Lebenssaft in Strömen aus dem Fahrstuhl des Overlook-Hotels fließt, lässt garstig grüßen. Doch dann wird schon zu einem markerschütternden Crescendo von Komponist Joseph Bishara der Filmtitel »Insidious: Out of the Further« eingeblendet.

Der sechste, wieder von James Wan mitproduzierte Teil des seit 2010 existierenden Gruselfranchise, das bei Produktionskosten von nur 60,5 Millionen US-Dollar weltweit bisher über 744 Millionen US-Dollar eingespielt hat, suggeriert dem Betrachter, dass man es endlich mit »dem Horrorfilm, der alle anderen Horrorfilme in den Schatten stellt«, zu tun haben könnte, wie es einst Kubricks Ambition gewesen ist. Die Qualität von »­Shining« hat »Insidious: Out of the Further« natürlich bei weitem nicht. Ab dem Moment, wo Regisseur und Kodrehbuchautor Jacob Chase (»Come Play«, 2020) seinen Film um die mittlerweile längst erwachsene Gemma (Amelia Eve) und deren Tochter Maya (Island Austin) in unserer Zeit ansiedelt, wird es von Minute zu Minute ungruseliger.

Die Ereignisse spielen mit den neuen Protagonistinnen nur wenige Jahre nach »Insidious: The Red Door« (2023), da die Geschichte der von Patrick Wilson und Rose Byrne angeführten Familie Lambert vorerst auserzählt scheint. Gemma bezieht mit Maya das Haus ihrer Kindheit. Der Horrorfilmlogik entsprechend ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihre verdrängten Erinnerungen zurückkehren. Dem nicht genug wird Gemma plötzlich von verstörenden Alpträumen geplagt und entwickelt Verhaltensmuster, die denen ihrer Mutter nicht unähnlich sind. Schließlich entdeckt sie, dass dämonische Kräfte hinter den beängstigenden Veränderungen stecken. Sie hat einen Draht zu dem in der Originalfassung »The Further« bezeichneten Jenseits. Zudem entdeckt sie noch ein ihr selbst lange verborgen gebliebenes Talent: Sie kann Gegenstände und auch die Untoten von dort mit in die Welt der Lebenden befördern. Deshalb erregt sie die Aufmerksamkeit des Dämons Cyrus Lam (Sam Spruell), der seine bisherige teuflische Wirkungsstätte gern verlassen möchte. Unterstützung bei ihrem Kampf gegen das Böse erhält sie von Elise (Lin Shaye), die seit ihrem Tod selbst in der jenseitigen Welt zu Hause ist.

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Klingt faszinierend, aber auch ein bisschen zusammengeschustert. Regisseur Chase modifiziert zwar die Genregesetzmäßigkeiten der »Insidious«-Reihe, allerdings nicht besonders bewusstseinserweiternd. Dem von ihm und den weiteren Autoren David Leslie Johnson-McGoldrick und Leigh Whannell ersonnenen Ewigreich werden gleich mehrere Funktionen zugeschrieben: eine Negativstätte der Wirklichkeit, ein Schaufenster in die Vergangenheit und ein reichlich vager Schwellenort, an dem sich die Grenzen von Raum, Zeit und Bewusstsein auflösen sollen. Leider sieht diese Welt lediglich wie ein Gruselkabinett längst vergangener Tage aus, in dem sich diverse Monstrositäten tummeln, die heutzutage nun wirklich niemanden mehr schocken.

Die nach der Vorspannsequenz beste Spannungsszene erinnert in ihrer paradoxen Raumlogik an die »Backrooms« (2026) und ist eine Verschmelzung unserer Gegenwart mit der »Anderswelt«: Gemma kriecht in eine von Maya gebaute Höhle aus Kissen, die sich um sie herum schließt und zu einem scheinbar endlosen Tunnel verengt, in dem sie von mörderischen Clowns gejagt wird, denen sie – natürlich – erst in buchstäblich letzter Sekunde entkommen kann.

Nach zwei Suspense-Höhepunkten werden die Schockeffekte aber immer schwächer. Ein wenig ärgerlich am erweiterten »Insidious«-Universum ist die Gerontologisierung des Abjekts. Drei von der Maskenabteilung grotesk geschminkte ältere Menschen, eine Person davon kleinwüchsig, schleichen ständig um Gemmas Haus herum, wobei sie zähnefletschend grimassieren. Eine weitere entstellte hochbetagte Gestalt erscheint schließlich in Gemmas Zahnarztpraxis und wälzt sich mit weit geöffnetem Mund auf dem Boden. Die Szene zelebriert den schmerzlichen dentalen Verfall vielleicht eine Spur zu lustvoll. Und als eigentlich alles schon vorbei zu sein scheint, wird der von Sam ­Spruell verkörperte, ohnehin schon reichlich mitgenommen aussehende Oberdämon an einen Behandlungsstuhl gefesselt und zu allem Überfluss von einem durchgeknallten Zahnarzt gefoltert – in welcher Welt auch immer.

→ »Insidious: Out of the Further«, Regie: Jacob Chase, USA/Australien 2026, 106 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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