Transatlantischer Trost
Ein neues Album des sardischen Jazzsaxophonisten Enzo Favata
Normalerweise geht das Märchen so: Ein paar unternehmungslustige Klangzauberer verabreden sich an der Quelle der gemeinsamen Inspirationen, lassen in ihrer Mitte einen Fluss entspringen, befahren ihn – komme, was wolle – bis runter zur Mündung ins Meer und erstatten den Daheimgebliebenen einen spannenden musikalischen Reisebericht. Das Quintett des sardischen Jazzmusikers Enzo Favata aber gibt sich mit der Flussfahrt bis zur Mittelmeerküste nicht zufrieden, sondern hängt noch eine Atlantiküberquerung nach Südamerika dran. Und so bekommt man von dieser italienischen Band dann unter anderem auch eine lupenreine argentinische Milonga dargeboten.
Italojazzer aus Favatas Alterskohorte wie etwa Pino Minafra oder Gianluigi Trovesi mögen musikalisch freiere und stilistisch wildere Projekte verfolgen, doch sie sind viel stärker dem heimischen Territorium verpflichtet. Vielleicht kann man sie als späte Nachfahren des italienischen Neorealismus bezeichnen, wohingegen Enzo Favata eher dem magischen Realismus südamerikanischer Prägung zuneigt. Schon früh hat er Autoren wie Borges und García Márquez gelesen und mit dem argentinischen Bandoneonisten Dino Saluzzi gearbeitet, während die Kollegen vor allem unter dem Einfluss Nino Rotas standen, der in den 1950er Jahren die volkstümliche Banda-Tradition süditalienischer Blaskapellen wiederbelebte und dann Filmregisseuren wie Fellini, Visconti oder Rossellini zuarbeitete.
Favatas »Atlantico«-Ensemble formierte sich um die Jahrtausendwende, nachdem der Saxophonist bereits viel Erfahrung mit Fusionen aus sardischer Volksmusik und Jazz gesammelt hatte. Im Quintett mit Daniele di Bonaventura (Bandoneon), Marcello Peghin (zehnsaitige Akustikgitarre), Salvatore Maltana (Kontrabass) und U. T. Gandhi (Schlagzeug) nahm eine organische Verbindung zwischen mediterraner Folklore, zeitgenössischem Jazz und argentinischem Tango immer mehr Gestalt an, bis die Band sich infolge zahlreicher Einzelprojekte ihrer Mitglieder zerstreute und nur noch sporadisch zusammenkam. »Ritornare« ist nun ihre überfällige Heimkehr zu jener immer noch verlässlich sprudelnden Inspirationsquelle. Das Repertoire des Albums klingt wunderbar ausgereift, das Ensemble ist hervorragend eingespielt und die Musik von jedem Ballast befreit. Im Quintett sind alle voll aufeinander konzentriert, mit klar verteilten Rollen wie bei einer kompetenten Bootsbesatzung, der man sich bedenkenlos anvertrauen kann. Kaum zu glauben, wie sicher sich die fünf ihrer gemeinsamen Sache nach 20 Jahren immer noch sind. Was die Gitarre anstimmt, entwickelt das Bandoneon weiter, um es zur Ausgestaltung dem Sopransax zu überlassen. Doch fast immer kommt es auf alle Instrumente an, auch auf den Puls von Kontrabass und Schlagzeug. Wie sie gemeinsam über die Klippen und um die Strudel des dynamischen Prozesses herummanövrieren, wirkt so mühelos, als würde es einer Zauberformel gehorchen.
Angeführt von Enzo Favata, der vom Sopransaxophon auch oft zu Klarinette und Bassklarinette wechselt, erschließt sich die Band eine farbenprächtige akustische Klangwelt, die mit ihrem Assoziationsreichtum und der instinktsicheren Balance zwischen Melancholie und Überschwang auch noch idealtypisch in den ECM-Katalog passt. Ob von tatsächlich unternommenen oder nur imaginären Reisen geprägt, ob herbeiphantasiert oder in Erinnerungen aufgehoben, spürt diese Musik einem kollektiven kulturellen Gedächtnis nach. Zwischen Traum und Wirklichkeit tauchen liedhafte Motive auf, finden zu kurzlebigen Formen, die fast zu schön sind, um wahr zu sein, und versinken wieder im Nichts. »Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert, und wie man sich daran erinnert, um es erzählen zu können«, sagt Gabriel García Márquez.
»In Favatas Welt gilt – wie bei allen großen Ensembles –, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile«, schrieb All About Jazz über ein früheres Album des sardischen Saxophonisten. Dieser immer gern genommene Allgemeinplatz ist hier für einmal nicht zu hoch gegriffen. Zum Unberechenbaren, ja Ungebärdigen des Jazz hält das Ensemble aber immer einen Sicherheitsabstand. Selbst in den improvisierten Passagen agieren die Solisten so hochgradig melodiös, dass im staunenden Publikum niemand verlorengeht. Apropos Publikum: Ist das Musik für die Happy Few? Nicht doch: Favatas archaische »Milonga del Sol« zum Beispiel ist ein perfekter Ohrwurm für die Massen und »Ritonare« in Summe ein Album, das ganze Heerscharen von weltwundersüchtigen Kreuzfahrttouristen zum Besseren bekehren kann.
→ Enzo Favata: »Ritornare« (ECM)
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