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Comic

Flucht aus der Kugel

Symmetrisch leben: Luc und François Schuitens wahrhaft phantastische Comicreihe »Hohle Welten«

Foto: Schreiber & Leser
Wenn Ermittler schweben

»NogegoN«, entweder komplett in Kapitälchen oder mit großem N vorne und hinten, ist der dritte Band der Reihe »Hohle Welten« von François Schuiten und seinem älteren Bruder Luc. »Hohlwelt« klingt erst einmal nach Fantasy oder Naziesoterik, aber der Comic ist ein klassischer Baustein des Gesamtkunstwerks der ursprünglichen Reihe »Die geheimnisvollen Städte« von François Schuiten und Benoît Peeters. Man kann zwar unvoreingenommen mit irgendeinem Band beginnen, weil jeder in sich abgeschlossen ist, aber bei mancher »cité obscure« ist die Leserin für jede Zusatzinformation dankbar. »Die äußere Kruste ist sehr dünn und neigt zu rhythmischen Kontraktionen bei extrem niedriger Schwerkraft. Die Häuser sind entsprechend gebaut. Die Technologie dieser Welt ist in vielen Bereichen sehr hoch entwickelt, insbesondere bei Androiden und im Verkehrswesen, und ihre Bewohner führen ein seltsam symmetrisches Leben«, schreibt altaplana.be, die Internetseite, die sich ausschließlich den »Geheimnisvollen Städten« widmet, über den Band »NogegoN«.

Die Hohlwelt hatten François und Luc Schuiten bereits Ende der 70er Jahre ersonnen. Fünf kurze Geschichten sind damals in Métal Hurlant erschienen, später zusammengefasst als »Carapaces« (»Panzerung«). Der zweite Band »Zara« von 1985 handelt vom siebten Planeten dieser Welt und seinen besonderen Bedingungen. »Die einen leben in einer kugelförmigen Hohlwelt und müssen ständig in Bewegung bleiben, damit sie nicht fallen. Die anderen haben eine streng vertikale Umgebung. Gerade als es Olivia gelungen ist, aus der Kugel in die Senkrechte zu flüchten, greifen brutale Eroberer aus dem Raum Zara an …«, erläutert der Verlag Schreiber & Leser, bei dem nun »NogegoN« erschienen ist. Hier versteht man zunächst gar nichts. Olivia schreibt in ihr Tagebuch, sie sei auf dem Planeten mit der geringen Schwerkraft angekommen. Dann schwebt ein Ermittler zu den »Ausgeschlossenen«, weil er den Verbleib irgendwelcher Pakete klären will. Eine junge Frau bittet ihn, sie dort herauszubringen, also metzelt er kurzerhand einen der ganz harmlos scheinenden und im übrigen völlig zugedröhnten Herren in orientalischer Kleidung nieder, schnappt sich die Frau und haut mit ihr ab. Sie heißt Nelle und möchte nach Dramard, um dort nach ihrer Freundin Olivia zu suchen. Auf dem Flug begrapscht sie der Ermittler, so dass sie ihn im Landeanflug von sich stößt und er nun seinerseits von einer Art Schutzvorrichtung gemetzelt wird. Hä? Dann trifft sie auf eine Art Bildhauer, genauer einen »Spurbildner«, der Skulpturen schafft, indem er sein Modell – zuletzt Olivia, jetzt Nelle – mit einer Lotion einreibt, die auf Steindampf reagiert. Das Modell springt in die Luft, man erinnere sich: Gravitation 1/32 der Erdanziehung, und hinterlässt dabei eine Säule oder Spur von dreidimensionalen Momentaufnahmen. Fantasy? Nein. Phantasie? Aber hallo!

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Das Besondere an Dramard ist die totale Symmetrie. Olivia ist dort nur als Olivilo bekannt, Nelle wird Nellen genannt, auch Zahlen gibt es nur als Palindrome. Das Faszinierendste fällt erst bei wiederholter Lektüre auf und ist so nur im Medium Comic möglich: Das Buch selbst ist achsensymmetrisch, jedes Seitenpaar 20/20’ punktsymmetrisch. Mehr noch, alles, was sich zuträgt, geschieht in der zweiten Hälfte in umgekehrter oder anders symmetrischer Art. Eingangs fliegt der Ermittler zu den Ausgeschlossenen hin und mag sie nicht, ausgangs fliegt ein anderer von ihnen fort und mag sie. Nelle(n) hasst den Spurbildner, dann liebt sie ihn. »Zwei mögliche Erklärungen«, denkt sie sich gegen Ende. »Entweder ist die Symmetrie ein Naturgesetz … Aber dann bräuchte man keine Axystenkollektoren.« Das sind Leute, die die Symmetrie überwachen. »Oder es handelt sich um ein menschliches Ritual, das sich irgendein verschraubter Geist ausgedacht hat. Aber warum halten sich die allermeisten Bewohner daran?« Ja, ja, warum das alles? Und der arme, halbseitig Zerschnippelte von Seite 7? Kriegt auf Seite 7’ die andere Seite zerschnippelt. Fragen Sie auch nicht, was mit den verschwundenen Paketen passiert ist. Es gibt sicher eine Erklärung.

→ Luc und François Schuiten: Hohle Welten – NogegoN. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2026, 72 Seiten, 22,80 Euro

→ Luc und François Schuiten: Hohle Welten – Zara. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2026, 72 Seiten, 22,80 Euro

→ Luc und François Schuiten: Hohle Welten – Panzerung. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2025, 72 Seiten, 22,80 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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