Ein zufriedenes Schaf
Von Marc Hieronimus
Der 1971 geborene Thomas Piketty war ein Wunderkind. Er hat mit 16 Abitur gemacht, was noch vorkommt in Frankreich, wurde dann aber nach den zwei üblichen Jahren Vorbereitungskurs und vier Jahren Studium an den Finanzelitebunkern EHESS und London School of Economics schon als Zweiundzwanzigjähriger mit einer Arbeit über Umverteilung promoviert. Nach zwei Jahren als Juniorprof am MIT machte er im französischen Hochschullehrbetrieb Karriere, was ihm die Türen zur Politik öffnete: 2007 beriet er Ségolène Royal, die als Präsidentschaftskandidatin denkbar knapp dem damals noch nicht straffällig gewordenen Kärcherschwinger Nicolas Sarkozy unterliegen würde. Vergleichsweise spät schrieb Piketty das Buch, das ihn über Fachkreise hinaus berühmt und mit mehr als 2,5 Millionen verkauften Exemplaren auch sehr wohlhabend machen sollte, »Das Kapital im 21. Jahrhundert« (C. H.Beck 2014). Als weitere Bestseller folgten »Kapital und Ideologie« und mehrere Werke zur Chancenverteilung, insbesondere die nun als Comic vorliegende »Kurze Geschichte der Gleichheit«.
Es ist selten und kostbar, wenn ein Wirtschaftswissenschaftler und Politikberater, einer »von denen«, nämlich den üblichen Verdrehern und Verblendern, einmal ehrlich über Ursprung und Auswirkung der bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse schreibt. Piketty (bzw. der sehr vielseitige und erfahrene Szenarist Stephen Desberg, der Pikettys Buch für den Comic zurechtgestutzt und aufgepeppt hat) beginnt die Darstellung im 18. Jahrhundert. Die europäische Herrschaft begann natürlich schon viel früher, aber es ist ja nur eine »kurze« Geschichte der Gleichheit, und die spanische Unterwerfung Amerikas war bei aller Grausamkeit für die heutigen Macht- und Vermögensverhältnisse von eher geringer Bedeutung.
Ärgerlich ist, dass Piketty die Dinge nicht noch konsequenter beim Namen nennt. Hat er sich über die erwartbare Kritik an seinen vorherigen Büchern zu Kapital und Ideologie geärgert, die ihm unter anderem vorwarf, nicht die Risiken zu sehen, die die Reichen auf sich genommen haben, um reich zu werden (wenn sie ihren Reichtum nicht geerbt haben)? Will er sich die Kontakte in die Politik nicht verbauen oder einfach nur niemanden verschrecken? In weiten Teilen seines Buchs passiert die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung wie Naturgeschichte, ohne Kämpfer und Denker, fast ohne Kampf: »Der Weg zum allgemeinen Wahlrecht wird lang und mühsam sein … Der Weg zur Gleichheit kennt viele revolutionäre Momente, in denen die Institutionen neu definiert werden, um die Sozial- und Wirtschaftsstrukturen verändern zu können.« Das Denkerduo aus Trier und Wuppertal-Barmen kommt ebenso wenig vor wie Rosa und Karl, Lenin wird einmal ohne Namensnennung gezeigt, als nach der wie ein unvorhergesehener Platzregen geschehenen Oktoberrevolution »der neue Sowjetstaat« die Annullierung der zaristischen Staatsschulden beschließt. Um diese Zeit »setzt sich die Idee der progressiven Steuer fast überall durch« und wird nicht etwa erkämpft oder beschlossen, um die revolutionären Arbeiterbewegungen zu besänftigen. Ein Staatsvertreter überbringt einem Kapitalisten die schlechte Nachricht und wendet sich mit einer Parabel an die Leserin: »Wie wir sehen können, finden bestimmte Schafe Stellen mit grünerem Gras. Sie stellen die reichsten zehn Prozent der Schafe dar. In den Vereinigten Staaten steigt der Spitzensatz der Einkommenssteuer von sieben Prozent um 1913 auf 77 Prozent um 1918, bevor er 1944 ganze 94 Prozent erreicht.« Illustriert wird das ausgerechnet mit einer radikalen Schafschur. Weil das Geld z. B. in den Ausbau des Bildungssystems fließt und ein besser ausgebildetes auch ein mächtigeres Land ist, das mehr Kriege um Rohstoffe und Absatzmärkte führen kann, schaut das misshandelte Tier dann doch ganz zufrieden, das Fell ist auch bald nachgewachsen, und der Bonze von gerade hat ja immerhin noch seinen Kolonialbesitz.
Stilistisch erinnert das Buch mehr an humorige Wissenschaftscomics oder Politkarikaturen denn an fein ziselierte Geschichtsdarstellungen, ist sachlich ohne Schwere. Der Zeichner Sébastien Vassant ist Beiträger der comicjournalistischen »Revue dessinée« und der Comicnovela »Les autres gens«, hat sich in eigenen Comics politischen Themen wie Mai 1968, Migration oder Marschall Pétain gewidmet. Gegen Ende des Comics präzisiert der Erzähler seinen politischen Standpunkt, um ihn gleich wieder zu entkräften: »Dieses Buch vertritt einen demokratischen, föderalen, dezentralisierten, partizipativen, ökologischen und multikulturellen Sozialismus, der auf mehr Sozialstaat und Steuerprogression, auf Machtverteilung in den Unternehmen, postkoloniale Wiedergutmachung und den Kampf gegen Diskriminierungen, auf Bildungsgleichheit, das CO2-Konto und die fortschreitende Entmarktung der Wirtschaft, auf Beschäftigungsgarantie, die Erbschaft für alle und den drastischen Abbau monetärer Ungleichheiten sowie auf ein Wahl- und Mediensystem setzt, das sich endlich vom Zugriff der Geldmächte befreit … Dies sind nur einige Optionen aus der Vielfalt möglicher Systeme.«
Vielleicht ist Piketty auch einfach nur geschickt. Die Comicversion richtet sich an ein junges Publikum. Die zukünftigen Wähler und Führungskräfte, in deren Händen bei ausbleibender Revolution die Umgestaltung der Wirtschaft liegt, lesen (noch) keine radikalen Schriften. Seine »kurze Geschichte« kommt neutral und beinah ausgewogen daher, die Fakten sind nicht zu widerlegen und mit diesem – lückenhaften – Büchlein auch leicht zu verstehen und zu behalten. Denn »Die Fragen der Ökonomie sind zu wichtig, um sie einer kleinen Klasse von Spezialisten und Entscheidern zu überlassen. Die Aneignung dieses Wissens durch die Bürgerinnen und Bürger ist eine entscheidende Etappe auf dem Weg zu einer Änderung der Machtverhältnisse.«
Thomas Piketty und Stephen Desberg (Text), Sébastien Vassant (Zeichnungen): Eine kurze Geschichte der Gleichheit. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Verlag C. H. Beck, München 2026, 96 Seiten, 22 Euro
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