Störungen und Nachklänge
Das Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) dokumentiert in mehreren Ausstellungen das Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR
Von Algerien bis Zypern – Karteikarten mit Ländernamen in einem Kasten im Bundesarchiv dokumentieren die Arbeit des ZfK, des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR. Die Bilanz dieser Tätigkeit: rund 2.000 Ausstellungen in fünfzehn Jahren, in Kooperation mit über 90 Staaten weltweit. Mit fünf Ausstellungen an verschiedenen Orten in Berlin und einer in Dresden beginnt die »Publikmachung« dieses bislang wenig erforschten Kapitels internationaler Kulturgeschichte. Eine davon, »Rauschen – Echos einer Institution« in der Ifa-Galerie in Berlin, verweist auf die neben den offiziellen Botschaften des ZfK vorhandenen Nebengeräusche, Störungen und Nachklänge, wie es im Ausstellungstext heißt.
Chronologisch angelegt, versammelt die Schau Originalwerke, Reproduktionen, Zeitungsartikel und Archivmaterial, stellt sie nebeneinander und in einen politischen Kontext. Damit erzeugt sie selbst den Eindruck eines Archivs, einer Ausstellung über Ausstellungen. Arbeiten zeitgenössischer Künstler greifen die historischen Materialien auf und treten mit ihnen in Dialog.
Das Ifa – das Institut für Auslandsbeziehungen der Bundesrepublik – war das westdeutsche Pendant zum ZfK. Nach dem Ende der DDR wurde das ZfK »abgewickelt«, dagegen regte sich erheblicher Widerstand. Das Ifa übernahm dessen Kunstsammlung, die jetzt den Ausgangspunkt der Ausstellungsreihe bildet. 10.500 Werke gingen 1991 in den Bestand in Stuttgart über, 219 Werke wurden an Museen in Ostdeutschland »zurückgegeben«. Die Vorläuferinstitution des ZfK entstand 1960 im Ministerium für Kultur der DDR als »Ausstellungsgruppe Bildende Kunst«, sie wurde 1973 in das eigenständige ZfK überführt. Mit der wachsenden diplomatischen Anerkennung der DDR und den bilateralen Kulturabkommen nahm auch der internationale Kunstaustausch zu. Künstlerinnen und Künstler reisten in immer mehr Länder und stellten dort aus. Voraussetzung für diese Reisen war allerdings die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler Deutschlands.
Im Prolog der Ausstellung ist ein einfühlsames Porträt des jungen Bertolt Brecht von Emil Stumpp (1886–1941) zu sehen. 1973 wurde Brecht dann Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung in der ZfK-Ausstellung »Brecht in der Grafik der DDR«, die durch Skandinavien reiste.
Werner Schinko (1929–2016) lebte ab 1946 in Mecklenburg, gehörte zu den bedeutendsten Buchillustratoren der DDR, gestaltete unzählige Kinder- und Schulbücher. Im Herbst 1964 reiste er nach Syrien. Nach seiner zweiten Syrienreise 1967 lehnte er es ab, in die SED einzutreten und verlor für zwanzig Jahre seine Reisefreiheit. Schinkos genaue Beobachtungen und seine Bildsprache sind weder folkloristisch noch heroisch, sondern zeigen die Menschen als selbstbewusste Gegenüber. Die Berliner Künstlerin Anna Bromley greift eine rätselhafte Radierung Schinkos auf und entwickelt in ihrer Installation »Vagant Orient« – Orient hieß ein tragbares DDR-Kurzwellenradio – einen Resonanzraum, in dem die »globale Imaginationswelt der DDR: Reisen, Funkverbindungen, internationale Solidarität« wie ein Echo der DDR-Auslandsbeziehungen eine Verbindung eingeht.
In der Ausstellung ist auch eine kritische Dokumentation der arabischsprachigen Zeitschrift Al-Majallah zu sehen, die in Dresden gedruckt wurde. Sie sollte vor allem in Ägypten, aber auch in anderen arabischen Ländern aus einer vermeintlich überlegenen Position heraus ein positives Bild der DDR vermitteln – ein »marxistischer Orientalismus«, der den arabischen Ländern den eigenen sozialistischen Entwicklungsweg als vorbildlich präsentieren sollte.
Im Jahr 1977 war die DDR erst- und letztmalig auf der Documenta 6 in Kassel vertreten. Die Öffnung gegenüber der DDR-Kunst war im Geiste der neuen Ostpolitik Willy Brandts. Westdeutsche Maler wie Georg Baselitz und Markus Lüpertz protestierten und ließen ihre Werke abhängen, weil sie nicht gemeinsam mit den offiziell anerkannten DDR-Künstlern ausstellen wollten. Ein Flugblatt der »ungehorsamen Maler« verwies auf die inhaftierten oder in ihrer Arbeit durch die Staatssicherheit behinderten Künstler der DDR.
Zu den Themen, mit denen sich DDR-Künstler beschäftigten und über die das ZfK Ausstellungen organisierte, gehörten der Kampf gegen Rassismus und Apartheid in Südafrika und in den 1980er Jahren sechs Ausstellungen mit Bezug auf Palästina. In der Ifa-Ausstellung sind Kalligraphien des palästinensischen Künstlers Michel Najjar zu sehen. 1979 wurde zum 20. Jahrestag der Kubanischen Revolution zeitgenössische kubanische Malerei gezeigt. Doch das Ausstellungsprogramm beschränkte sich nicht auf die politische Darstellung befreundeter Staaten und Bewegungen: Noch im Mai 1989 wurde Imogen Cunningham, eine Pionierin der Straight Photography, in der DDR präsentiert. Ihre Fotografien von 1906 bis 1976 zeigten ein anderes Amerika als das in der DDR verbreitete Bild der USA.
Ein besonderes Augenmerk lag auf der Plakatkunst – das ZfK unterhielt sogar eine eigene Plakatabteilung, die jährlich rund 20 Ausstellungen im In- und Ausland realisierte. Das Plakat war »eines der wirkungsmächtigsten visuellen Medien« in der DDR. Die Bühnenbildkunst der DDR erlangte in den 1960er Jahren Weltgeltung; auf Bertolt Brechts Theaterarbeit aufbauend, hatte sich eine eigene Schule gebildet.
HAP Grieshaber wird in der Ifa-Galerie als Wanderer zwischen den deutschen Staaten präsentiert. »Positionen. Malerei aus der Bundesrepublik Deutschland« zeigte 1986 auch Werke von Malern, die vor dem Mauerbau die DDR verlassen hatten, darunter Gerhard Richter und Günther Uecker. Uecker war besonders berührt davon, dass seine Familie seine Kunst nun in der DDR sehen konnte.
Die Ausstellung macht sichtbar, wie vielfältig, aber auch wie widersprüchlich die internationale Kulturarbeit des ZfK war: Sie diente der außenpolitischen Selbstdarstellung der DDR und eröffnete zugleich Künstlerinnen und Künstlern Möglichkeiten zu Reisen, Begegnungen und künstlerischem Austausch. In diesen Spannungen liegt das »Rauschen« der Institution.
→ »Rauschen – Echos einer Institution«, ifa-Galerie, Linienstr. 139/140, Berlin, bis 27.9.2026
Weitere Ausstellungen:
→ »Kosmos – Agenden, Netzwerke, Freundschaften«, Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55,
Berlin, bis 27.9.2026
→ »Träumen – Annamirl Bauer und Bärbel Bohley«, Galerie im Turm, Frankfurter Tor 1
, Berlin, bis 8.11.2026
→ »Courage – Schwestern im Geiste«, Prater-Galerie, Kastanienallee 7–9, Berlin, bis 3.1.2027
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
