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Spatzen

Foto: jW

Im zweiten Gesang von Homers »Ilias« erinnert Odysseus die Griechen vor Troja an das »Spatzenwunder«: Eine Schlange fraß alle acht Jungen eines Sperlings sowie die Mutter und wurde anschließend von Zeus in Stein verwandelt. Auch dessen Tochter Aphrodite mochte die kleinen Vögel, ihr Wagen wurde laut Sappho von »schönen Spatzen« gezogen. Und der römische Dichter Catull widmete dem zahmen Spatzen seiner Geliebten ein Gedicht. Es gab also eine regelrechte griechisch-römische Verherrlichung des Spatzen als Göttervogel. Danach kam es zu einer russischen bzw. sowjetischen – als »proletarischer Vogel«.

Bei Andrej Platonow heißt es in seinem Roman »Tschewengur«: »Die Spatzen spektakelten auf den Höfen wie vertrautes Hausgeflügel, und wie schön die Schwalben auch sind, sie fliegen im Herbst in üppige Länder, die Spatzen aber bleiben hier, um Kälte und menschliche Not zu teilen. Das ist ein wahrhaft proletarischer Vogel, der sein bitteres Korn pickt. Auf der Erde können durch lange bedrückende Unbilden alle zarten Geschöpfe umkommen, aber solche unverwüstlichen Wesen wie Bauer und Spatz bleiben und halten aus bis zum warmen Tag.

Kopjonkin lächelte dem Spatzen zu, der es in seinem mühseligen winzigen Leben vermocht hatte, ein großes Versprechen zu finden. ›Sieh an, so klein, aber wie zäh … Wenn der Mensch so wär, dann wär die ganze Welt längst erblüht‹. Auch Tschepurny lobt die Spatzen. ›Auf euch hab ich gehofft!‹ sagte er. ›Ihr seid uns blutsverwandt, bloß Angst braucht ihr nicht mehr zu haben – die Bourgeoisie gibt’s nicht mehr, lebt bitte!‹«

Von Puschkin, Turgenjew, Dostojewski, der Kinderzeitschrift Worobej (Spatz) zu Gorki, Zwetajewa und Bulgakow – in der russischen Literatur wurden stets Spatzengeschichten erzählt. Aber mit der Perestroika und der anschließenden Auflösung der Sowjetunion änderte sich die russische Spatzenverherrlichung gründlich. So in dem Roman »Wettlauf.Lauf« (1994) von Valeria Narbikova: Während »am Himmel die letzten Individuen fliegen – superexotische Spatzenvögel, weil alle übrigen Spatzen ausgestorben sind«, reisen Petja und Gleb durch ein zunehmend irrealeres Land. Bereits 2010 meldet Leon Weissmann von den Sperlingsbergen bei Moskau (die bis 1999 Leninberge hießen): »Weit und breit keine Spatzen mehr zu sehen!«

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Ich zog als Jugendlicher einen Spatzen groß, Benjamin, der aus dem Nest gefallen war und unser liebstes Haustier wurde. Vögel interessierten ihn nicht. Mittags schlief er auf der Brust meines Vaters, nachts bei meiner Mutter am Kopf. Mit mir ging er spazieren, flog voraus, setzte sich auf meine Schulter und tschilpte in mein Ohr.

2011 fing ich an, die Buchreihe »Kleiner Brehm« herauszugeben, über alle Tierarten, von denen ich eine oder mehrere kennengelernt habe. Der erste Band hieß »Spatzen«. Damals bemerkte man schon ihr stilles Verschwinden. Erst wurden die Pferde abgeschafft, deren Scheiße ihnen Nahrung gab, dann riss man die Hecken zwischen den Feldern aus, die ihnen Sicherheit boten, und schließlich machte ihnen der Verkehr auf den Straßen zu schaffen, und die Nahrung (Weißbrotreste) bekam ihnen nicht. Dann wurden auch noch die Hausfassaden wärmeisoliert, so dass sie kaum noch Nistgelegenheiten fanden. Außerdem wurden die Insekten immer weniger, die sie für die Aufzucht ihrer Jungen benötigen.

In Berlin kannte ich aber noch viele ihrer Sammelplätze – bis zum Dezember 2025: Da waren sie plötzlich verschwunden, bis auf den einen oder anderen hier und da. Ich fragte viele Leute, ob sie das auch bemerkt hätten. Ja, das hatten sie, aber über die Ursache wusste man nichts. Im September 2026 titelte die FAZ: »Das rätselhafte Verschwinden der Hausspatzen«, und der Tagesspiegel berichtete über das »mysteriöse Verstummen der Spatzen«. »Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst«, schreibt der Nabu und erinnert daran, dass Berlin die »Spatzenhauptstadt« ist bzw. war. 190.000 Brutpaare gab es hier noch 2021. Man vermutet eine Seuche, die sie dahingerafft hat. Der Biologe Glenn-Peter Sætre, der gerade ein Buch über den Spatz veröffentlicht hat, beruhigt uns: Weltweit bedroht sei der Spatz nicht. »Von allen wild lebenden Vogelarten hat der Haussperling die weltweit größte Ausbreitung.«

Schön und gut, aber ich bin nicht beruhigt. Ein Lehrer aus Łódź berichtete mir entsetzt: »Es gibt auch hier keine Spatzen mehr.« In London verschwinden die Spatzen, weil die Vorgartenhecken massenhaft Carports weichen. In England gibt es schon lange eine Spatzenforschung (und einen »Wunderspatz«, Clarence, der, begleitet von einem Klavier, singen konnte). Die Spatzenbuchautoren Donald Lyven und Denis Summers-Smith kritisieren die Wissenschaftler, weil sie zu langsam sind bei der Erforschung der Ursachen für das Verschwinden der Spatzen. Daneben geben sie aber auch der Presse die Schuld, weil sie viel zuviel über Politiker und Sportler berichtet und viel zuwenig über Spatzen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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