»Wou issn es Hirn?«
Dem Fortsetzungsroman steht im Scrollithikum eine Renaissance bevor, seinem Umfeld gemäß als Missgeburt. In den sogenannten sozialen Medien boomen Kurzdramas, also Miniserien, die im Format der Handybildschirme produziert werden. Zum allergrößten Teil von wiederum nur sogenannter künstlicher Intelligenz. Ins Netz fluten Rührstücke wie die »Rache der verheirateten Puppe«, die mit nur einem Satz fesseln: »In einer Porzellanpuppe gefangen, ist Sophie dazu verdammt, mitanzusehen, wie die Frau, die einst ihren Tod wollte, nun alles daran setzt, ihren Verlobten für sich zu gewinnen.« Dass damit bereits Milliarden (!) eingespielt werden, ist keine Überraschung. Mich wundert, dass im Radio das serielle Kurzdrama trotz seines Potentials praktisch ausgestorben ist.
Seine Zeit endete in der alten BRD vielleicht mit dem »Frauenarzt von Bischofsbrück«, einer todernst vorgetragenen Parodie als Abgesang auf sich selbst, die in den Achtzigern auf mehreren ARD-Sendern lief. Jeden Morgen, jahrelang, erst nach rund 700 Kürzestepisoden war Schluss. In den Fünfzigerjahren und danach waren im Hörfunk Familiengeschichten Mode, im Westen etwa »Familie Hesselbach« (HR) und bis 1990 in der DDR »Was ist denn heut bei Findigs los?« (Berliner Rundfunk). Die Hörer von Antenne Bayern bekamen noch 2018 den Besuch in der »Metzgerei Boggnsagg« aufs Ohr. Ein Fleischerepos in fränkischer Rotzigkeit lief 21 Jahre und 1.000 plus Folgen lang im Radio und auf der Bühne. Die Pointen spuckte nicht die KI aus, sondern mit Bernd Regenauer ein Kabarettist alter Schule, der in jeder Ausgabe die Frage stellen ließ, die bis heute keiner beantwortet: »Wou issn es Hirn?«
Erster Programmvorschlag für diese Woche: das Feature → »Unter dem Salz der Anden – Die Kehrseite der Energiewende« von Sophia Boddenberg (DLF 2026, Di., 19.15 Uhr, DLF). Andreas Göbel schenkt dem Komponisten → »Steve Reich zum 90. Geburtstag« eine Kerze für die Torte; eine kleine, ohne Docht (Di., 21.04 Uhr, NDR Kultur, Radio 3). »Marlen Mairhofers Romandebut ist witzig, schräg und sehr klug«, jubelt der ORF, was nichts heißt, der findet immer super, was er bringt; in diesem Fall Petra Staduans Lesung aus → »Alice« (Mi., 11.05 Uhr, Ö 1).
→ »Wie wirkt Musik im Gehirn?«, fragt sich Iris Proff im »Zeitfragen-Feature« (Do., 19.30 Uhr, DLF Kultur). Wie sich Bier auf die Literatur auswirkt, können wir am Freitag in der → »Lesung Tschechische Erzähler« nachhören in zwei Geschichten von Jaroslav Hašek, »Praktikant Schemla« und »Die Glocken des Herrn Hejhula«; eingesprochen haben sie Peter Bongartz beziehungsweise Michael Thomas (HR 1989, 1986, Fr., 9.30 und 17.04 Uhr, HR 2 Kultur). Das Schweizer Radio sorgt sich um die → »Streetart – zwischen Vandalismus, Kunst und Ausverkauf« (SRF 2025, Fr., 20 Uhr, SRF 2 Kultur), später durchwacht Lukas Meyer-Blankenburg → »Eine Lange Nacht über das literarische Prag« (Sa., 0.05 Uhr, DLF Kultur, 23.05 Uhr, DLF).
Harter Cut, wir kommen zu → »Doktor Proktors Pupspulver«, der deutschen Hörspielfassung des verfilmten Kinderbuchs von Jo Nesbø, das Radiokolumnenpraktikant Gustav mit der Hupe auswendig kann. Angeblich. (WDR 2015, Sa., 19.03 Uhr, So., 7.04 Uhr, WDR 5) Auch nicht immer gut riecht Oper, wenn neben einem ein furzender Feuerwehrmann pennt, das lässt man aus beim Hören von Händels → »Alcina« am Samstag auf DLF Kultur (19.05 Uhr). Bayern 2 hebt den Vorhang für die Ursendung des Hörspiels → »Wahn« von Patrick Findeis (BR 2026, Sa., 20.03 Uhr), bei SWR Kultur hat ein Stück von Gesche Piening Premiere, → »Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!« (SWR 2026, So., 18.20 Uhr). Am Montag schließlich beginnt die Lesung aus dem Roman → »Die gelbe Tapete« (1/3) von Charlotte Perkins Gilman, mit der Valery Tscheplanowa aufgenommen wurde (BR 2014, Mo., 14.04 Uhr, MDR Kultur).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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