Gegründet 1947 Donnerstag, 15. Januar 2026, Nr. 12
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.01.2026, Seite 1 / Ansichten

Kein ruhiges Hinterland

Kriegsdienst: Immer mehr Verweigerer
Von Sebastian Carlens
imago842628617.jpg

Der Kriegsdienst ist zurück, prompt steigt die Zahl der Verweigerer. In diesem Jahr soll der männliche Jahrgang 2008 – nunmehr 18 Jahre alt und damit volljährig – gemustert und für den Heldentod als tauglich befunden werden. Während die medizinische Nabelschau Pflicht ist und ein Fernbleiben strafbewehrt, sollen die Kasernen zunächst mit »Freiwilligen (m/w/d)« gefüllt werden. Offenkundig glauben auch die Betroffenen dieses Jahrgangs nicht an genügend solcher Freiwilliger, denn sonst würden von den Männern nicht 72 Prozent mehr verweigern als im Vorjahr. Neben den nun akut bedrohten Jugendlichen wollen sich natürlich auch ältere Semester vor einem möglichen Fronteinsatz schützen.

Krieg ist keine abstrakte Sache mehr, wie dies in den vergangenen Jahrzehnten für die allermeisten Deutschen der Fall war. Die Bilder aus dem Ukraine-Krieg – Killerdrohnen, mit denen man in sogenannter First Person View durch die eingebaute Kamera bis zum Einschlag ins menschliche Ziel zuschauen kann – vertreiben jegliche Frontromantik. Krieg nähert sich wieder dem an, was in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Realität war. Kaum eine Überlebenschance in Schmutz und Dreck, kein Fortkommen, ständige Todesangst. Das Kalkül der Herrschenden, nur genügend Stimmung gegen »den Russen« zu machen und so den Frontkämpfergeist dieses weltkriegserprobten Landes erneut aufflammen zu lassen, ist gescheitert. Haben 2021, vor Kriegsbeginn, nur 201 Menschen verweigert, lagen 2024 schon 2.249 entsprechende Anträge vor. Im zurückliegenden Jahr stieg diese Zahl auf 3.867.

Aber auch das hat Vorteile für den Staat. Vor Aussetzung der Wehrpflicht 2011 wurden Teile des Gesundheitssystems von Zivildienstleistenden getragen: bei einem Stundenlohn von knapp 1,50 Euro, ohne Recht auf Kündigung, Arbeitspflicht – nicht einmal doppelt freie Lohnarbeit. Auch Krankenhäuser sind integraler Bestandteil der Kriegsplanung. Wer nun also glaubt, mit einer Verweigerung dem Irrsinn entronnen zu sein, sollte nicht vergessen: Der »Zivildienst« erfüllt in Friedenszeiten eine Funktion des Lohndumpings, in Kriegszeiten wird er Teil der militärischen Logistik – wie übrigens auch Feuerwehren und das THW. Es gibt kein ruhiges Hinterland: Kriege sind in unseren Zeiten notwendig »total«.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Alle Beiträge zur 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz jetzt hier lesen