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Bürgerliche Medien

Beim Sterben zusehen

Die »Gaza Freedom Flotilla«: »Selfieschiff« oder Solidaritätsaktion – Das Framing entscheidet

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»Internationale Gewässer«: Für bürgerliche Medien schwer begreifbar

Zwölf Menschen aus unterschiedlichen Ländern machen sich per Schiff auf den Weg, um Hilfsgüter in die abgeriegelte Region Gaza zu bringen. Sie sollen ihr Ziel nicht erreichen: Das Segelboot »Madleen« wurde am Pfingstmontag vom israelischen Militär gekapert. Auf den Sachverhalt folgt die Kommentierung. Und da wir in Deutschland leben, können wir uns auf etwas gefasst machen.

»Sie wollte mit Judenhassern per Schiff nach Gaza«, weiß die Bild. Greta Thunbergs Reise an Bord der »Madleen« habe mit »ihrer ›Selfiejacht‹ ein abruptes Ende gefunden«. Beim Thema Israel und Gaza mutieren beinahe alle großen deutschen Medien zu einer Art Bild. Die Berliner Zeitung beispielsweise: »Die Mission ist gescheitert. Die israelische Küstenwache hat die ›Madleen‹ vor ihrem Eintreffen im Palästinensergebiet wie erwartet und angekündigt gestoppt.« Eine Art Naturgewalt also, absehbar und bei gesundem Menschenverstand auch zu erwarten. Damit aber sei die ganze »Inszenierung« fehlgeschlagen, denn: »Die Israelis übernahmen das Schiff gewaltfrei und reichten Thunberg ein Sandwich. Darüber schien sich die Aktivistin zu freuen.«

Auf das Framing kommt es an. Zunächst war die »Madleen« in internationalen Gewässern unterwegs, als sie von israelischen Streitkräften aufgebracht wurde. Das Wort »stoppen« verhüllt mehr, als es klärt, denn Israels Handeln war – Stichwort internationale Gewässer – vollkommen illegal. Fakt ist: Das Schiff wurde von bewaffneten Einheiten gestürmt und gekapert. »Gewaltfrei« ist für die Berliner Zeitung in diesem Kontext vermutlich alles, was nicht unmittelbar tödlich endet, denn das Vorgehen ist durch Videoaufnahmen nachvollziehbar: Israelische Drohnen besprühten die »Madleen« mit irgendwelchen Substanzen; Schallwaffen, die sonst gegen Piraten eingesetzt werden, wurden ebenfalls in Stellung gebracht. Aber immerhin: Hinterher gab es ja Sandwiches.

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»Die Krönung der Inszenierung war die angebliche Entführung der Aktivisten«, zürnt die Berliner. Fakt ist aber, dass weder Thunberg noch ihre Begleiter nach Israel wollten. Sie wurden vom Militär dorthin verschleppt, um dann ausgewiesen zu werden. Und es droht noch Schlimmeres: »Solange genug Geld vorhanden ist, könnten weitere Aktionen der Größenordnung von ›Madleen‹ folgen.« In »Regierungskreisen«, unkt die Zeitung, gilt Thunberg »als schwurbelnde Antisemitin«. Früher zumindest war es einmal Aufgabe der Medien, die Aussagen von »Regierungskreisen« zu hinterfragen. Doch das ist vorbei, seit die Bevölkerung Gazas ausgehungert und zu Tode bombardiert wird. Die Berliner Zeitung, die sich laut darüber aufregte, dass der SZ-Journalist Stefan Kornelius neuer Pressesprecher von Friedrich Merz wird, macht im Falle Gaza nichts anderes – nur ohne Bezahlung.

Eine Branche schafft sich ab, durch Ideologie, wo Fakten gefragt wären, durch Anschmieren an die Regierung und ihre »Räson«, wo Distanz das höchste Gebot sein müsste. Für Karl Marx war der Begriff »Ideologie« übrigens nicht ohne Grund negativ konnotiert, denn er meint die Gesamtheit der herrschenden Gedanken. Und das sind nun einmal die Gedanken der Herrschenden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.06.2025, Seite 16, Aktion

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