Griechische Beute
Vor 90 Jahren übernahm der General Ioannis Metaxas die Macht in Griechenland – zugunsten des europäischen Kapitals
Die Parallelen sind nicht zu übersehen: Die Griechen wurden in den Jahren nach 2008 nicht zum ersten Mal Beute und gesellschaftspolitisches Labor des europäischen und US-amerikanischen Finanzkapitals. Was die Menschen an den Ufern der Ägäis bis hinein in die jüngste Gegenwart erleben – schamlose Ausbeutung der Arbeitskraft, Vernichtung der Sozialsysteme und militärische Aufrüstung –, kannten ihre Großväter bereits in den 1930er Jahren. Die Lösung für die ökonomischen Probleme der damaligen Republik – die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf das ohnehin schon bettelarme Agrarland besonders schwer – sahen Bankiers, aus- und inländische Investoren sowie die Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, USA und Deutschland in der Installierung einer Diktatur. Mit harter Hand sollten die physischen und geistigen Kräfte des Volkes vollständig in den Dienst des Kapitals gestellt werden. Die bis zum 13. April 1936 einigermaßen lebendige Demokratie wurde beerdigt, am 4. August wurde sie endgültig durch die Zwangsherrschaft des Armeegenerals Ioannis Metaxas ersetzt.
Die »30 das Land und seine Ressourcen kontrollierenden großbürgerlichen Familien«, wie der deutsche Historiker Heinz Richter 1973 in »Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution (1936–1946)« das damalige Machtgefüge an der Ägäis beschrieb, hatten am 3. November 1935 den König aus dem rumänischen Exil zurückgeholt. Dies geschah auf Drängen der sich »Schutzmächte« nennenden Briten, Franzosen und US-Amerikaner, die auf Georg II. als Garanten einer willfährigen Marionettenregierung in Athen setzten. Schützen sollte er vor allem ihre Interessen gegen sowjetischen, sprich kommunistischen Einfluss. Richter: »Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise führten dazu, dass Griechenland bereits 1932 einen teilweisen Staatsbankrott erklären musste, was massiven Druck der Gläubiger auf das Land zur Folge hatte und nicht zuletzt zum Sturz der Regierung führte.«
Deutschland profitiert
Die wirtschaftliche Bilanz des Landes nach dem kalten Putsch des Königs war nach 1936 vor allem für die deutschen Imperialisten durchaus erfreulich. Die den griechischen Handel dominierenden »Partner« waren zuvor die Briten, Franzosen und US-Amerikaner gewesen. Richter zitiert in diesem Zusammenhang seinen griechischen Kollegen Leften Stavrianos: »Nach Errichtung der Diktatur verschob sich das Gewicht zugunsten Deutschlands; 1934 betrug der Export Griechenlands nur noch 50 Prozent seines Imports, was auf die gefallene Ausfuhr von Tabak und Korinthen zurückzuführen war. Diese Lücke wurde von Deutschland geschlossen, das bewusst höhere Preise als Großbritannien zahlte, um Griechenland in seinen Einflussbereich zu integrieren – 1938 nahm Deutschland 43 Prozent der griechischen Exporte auf.«
Die republikanische Regierung des erzkonservativen Panagis Tsaldaris hatte am 9. Juni 1935 bei den »unter Kriegsrecht« veranstalteten Parlamentswahlen angeblich 65 Prozent der Stimmen geholt. Durch das damalige Mehrheitswahlrecht gewann die Volkspartei, deren Vorsitzender er war, damit 254 der 300 Sitze – allemal eine tragfähige Basis für den Fortbestand der Republik, für die sich das hellenische Volk 1924 entschieden und Georg II. ins Exil geschickt hatte. Eine von den Monarchisten im In- und Ausland sowie vom Finanzkapital durchgedrückte »Volksbefragung«, die der britische Historiker Richard Clogg als »offene Farce« bezeichnete, endete mit einem erstaunlichen Resultat: 98 Prozent der Griechen, die den Monarchen erst elf Jahre zuvor aus dem Land gejagt hatten, wollten angeblich plötzlich seine Rückkehr. Das von den »Partnern« in London, Paris und Washington herbeiphantasierte Szenario einer möglichen Machtübernahme linksradikaler Kräfte unter dem Einfluss Moskaus erstaunte das Volk. Denn, so Richter, »eine kommunistische Gefahr existierte nicht.«
Der entscheidende Faktor im imperialistischen Spiel um die Vorherrschaft an der Ägäis war die Armee, schrieb der griechische Historiker Komninos Pyromaglou an seinen deutschen Kollegen Richter im August 1970: »Die Armee war königstreu. Georg II. hatte die Entscheidung damals in der Hand. Er wählte den für ihn bequemsten Weg – die Diktatur.« Am 13. April 1936 löste er das Parlament auf, ernannte Metaxas zum Ministerpräsidenten und Außenminister und verhängte das Kriegsrecht. Der General erhielt »uneingeschränkte Handlungsfreiheit« zur »Bereinigung der Situation«, so Pyromaglou. Demonstrationsverbote und Kommunistenverfolgungen waren die ersten Maßnahmen des Diktators. In den nächsten vier Jahren kam es zur Verhaftung einiger tausend Oppositioneller, darunter auch zahlreiche Politiker liberaler Parteien.
Brutaler Spießbürger
Metaxas wandte sich verstärkt an die Jugend und propagierte »die Vision eines christlichen Griechenlands, gebunden an Orthodoxie und Katechismus«. Dabei musste er »sich nicht gegen die Priester stellen, denn Griechenlands Kirche war schon immer staatstragend und lässt sich selbst in totalitäre Systeme integrieren«, meint Richter. Wer war der neue griechische Diktator? Metaxas stammte aus einer adeligen Beamtenfamilie und machte Karriere im Militär. Vom Kronprinzen Konstantin I. protegiert, wurde er zum militärisch-politischen Studium an die Preußische Militärakademie in Berlin geschickt. »Dort, im Kreis preußischer Adeliger, entwickelte er ein krankhaftes Geltungsbewusstsein«, urteilt Richter.
Der griechische Komponist, Poet und Widerstandskämpfer Mikis Theodorakis ist dem General im Juni 1937 als Jugendlicher in einem Dorf auf der Insel Kefalonia selbst begegnet. In seiner Autobiographie von 1959 zeichnet er das Bild eines brutalen Spießbürgers: »Vor dem Gasthaus (in dem Metaxas in Gesellschaft speiste, jW) wartete ein kleiner Jeep (…). Metaxas kam mit erstaunlich kleiner Begleitung aus der Wirtschaft (…). Er war sehr klein, rosarot im Gesicht, trug eine dicke Brille. Gut gelaunt und ruhig. Er kletterte in den Wagen und machte es sich auf dem hinteren Sitz bequem. Ein alter Bettler näherte sich ihm, griff nach seiner Hand und küsste sie. Metaxas, ganz ruhig, ohne böse zu werden, gab ihm eine Ohrfeige, so kräftig, dass der Alte das Gleichgewicht verlor und auf die Straße stürzte. Die Gendarmen, begeistert von der Tat ihres Chefs, rannten zu dem Alten, um ihn an den Händen zu packen und von der Straße zu schleifen; während der Jeep mit seiner fröhlichen Gesellschaft davonfuhr.«
Ganz anders beschrieb Ehrengard Schramm – niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete von 1959 bis 1967 – Metaxas. Verherrlichend schwärmte sie, er habe »bei offiziellen Anlässen nie seine Zivilkleidung gegen die ihm als General zustehende Uniform vertauscht«. Der französischsprachige griechische Autor André Kedros zitiert die Trägerin des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der BRD in »La Résistance Grecque« (Der griechische Widerstand) 1966 mit den Worten: »Dieser Mann (Metaxas, jW), dessen Augen feucht schimmerten, wenn er innerlich bewegt war, liebte nicht die großen Worte (…). Er veränderte nach der Machtergreifung nicht die Einfachheit seiner persönlichen Lebensführung.« Nicht nur Metaxas war ein Mann deutscher Schule; auch die Monarchen Konstantin I. und Georg II. hatten den preußischen Militärdienst kennen und schätzen gelernt. Georg II. und seine männlichen Vorfahren entsprangen dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Ihre Sprösslinge geistern bis heute – allerdings nicht mehr in die dekorativen, ordenbehängten Operettenuniformen gezwängt – durch die Seiten der Regenbogenpresse.
Der Diktator selbst herrschte bis zu seinem Tod, vermutlich durch Schlaganfall, am 29. Januar 1941. Der Geschichte bleibt ein Militär, der eine Diktatur nach dem Vorbild des italienischen Faschismus von Benito Mussolini errichtete, der zuerst Adolf Hitler bewunderte und sich dann doch im Zweiten Weltkrieg für die Briten entschied, statt für die Nazis oder die italienischen Faschisten. Ein Diktator, der die Juden in Thessaloniki hasste – vor allem die in ihrer Mehrheit kommunistischen Intellektuellen – und sie aus dem Land trieb. Bis heute ist die Mär von Metaxas als einem »Retter des Vaterlandes« vor den Kommunisten in Griechenland präsent. Zum nationalen Mythos wurde Metaxas’ »oxi« (nein) im Jahr 1940, als er ein Ultimatum Mussolinis ablehnte, italienische Truppen in Griechenland einmarschieren zu lassen. Dieser Tag, der 28. Oktober, ist bis heute Nationalfeiertag.
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