»NATO raus!«
Von Hansgeorg Hermann, Chania
Einige tausend Inselbewohner waren es, die am Dienstag nachmittag in der kretischen Hafen- und Universitätstadt Chania friedlich gegen die andauernde Präsenz US-amerikanischer Militäreinheiten protestiert haben. Auslöser des starken zivilen Widerstands gegen den »US-Imperialismus« war die Ankunft des US-Flugzeugträgers »Gerald Ford« am Montag im Hafen von Souda. Die Souda-Bucht gilt seit Odysseus’ Zeiten als einer der weltweit größten Naturhäfen und als strategischer Knotenpunkt zwischen Europa und Asien. Seit einem halben Jahrhundert verlangen nicht nur die Menschen der auf rund 150.000 Einwohner angewachsenen Nordwestmetropole der Insel den Abzug der US-Amerikaner. Geteilt wird diese Forderung auch in der Hauptstadt Heraklion. Souda ist seit den Jahren der griechischen Militärdiktatur (1967 bis 1974) nicht nur der wichtigste NATO-Stützpunkt im östlichen Mittelmeer. Bürgermeister und Stadträte waren sich über die Jahrzehnte auch einigermaßen sicher, dass in den Felskatakomben am Nordufer der Bucht bis heute gegen ihren Willen US-Atomwaffen gelagert werden.
Die linke Opposition warnte am Dienstag die Regierung des rechten Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis, Griechenland mit der auf vier Tage angesetzten Stationierung des monströsen Schlachtschiffs in eine Auseinandersetzung zwischen den USA und Iran zu ziehen. Der frühere Premierminister und ehemalige Vorsitzende der Syriza (Koalition der radikalen Linken), Alexis Tsipras, erklärte in Athen, ein von den US-Amerikanern womöglich vorbereiteter Einsatz gegen Iran berge – bei Nutzung der großen kretischen Basis – die für das Land enorme Gefahr, ungewollt in einen Krieg verstrickt zu werden. Die zumeist jungen Menschen, die am Dienstag in ihrer Stadt protestiert hatten, forderten nicht nur den sofortigen Abzug des Kriegsschiffs aus Souda. Auf ihren mitgeführten Plakaten verlangten sie lauthals den »Rauswurf der NATO-Mörder« und die sofortige »Schließung der Basis der NATO-Killer«.
Der Stützpunkt in Souda war seit dem Ende der Junta ewiger Streitpunkt zwischen der rechtskonservativen, 1974 gegründeten Nea Dimokratia (ND) und der im selben Jahr entstandenen sozialdemokratischen Pasok (Panhellenische Bewegung). Pasok-Patriarch Andreas Papandreou hatte 1980 seinen Wahlkampf erfolgreich mit dem Versprechen geführt, die US-Amerikaner aus dem Land zu werfen. Auch, weil US-Geheimdienste von der Bevölkerungsmehrheit als Plangeber und Unterstützer der griechischen Faschisten für den Militärputsch im Frühjahr 1967 verantwortlich gemacht wurden. 1981 tatsächlich zum Regierungschef gewählt, änderte Papandreou seine Strategie. Die US-Regierung hatte fortan nicht nur bis zu 350 Millionen US-Dollar »Miete« für ihre Stützpunkte zu zahlen, sondern auch entsprechende Verträge alle fünf Jahre zu erneuern. Als der Pasok-Führer Ende der achtziger Jahre – in Korruptionsskandale verstrickt – die Regierungsmacht an die Nea Dimokratia abgeben musste, endete der Streit zumindest auf Regierungsebene.
Neuer Premier wurde ND-Chef Konstantinos Mitsotakis, der der NATO alle Tore öffnete. Das US-Militär durfte Kreta seither »zur Militärfestung ausbauen«, wie seinerzeit die Taz feststellte. Gegen den Willen der Kreter, wie Chanias damaliger Bürgermeister Georgios Katsanevakis indigniert konstatierte. Die Taz zitierte ihn mit den Worten: »Die Militärstützpunkte schaffen ein Klima der Unsicherheit. Unsere fast an Sicherheit grenzenden Vermutungen, dass auf den amerikanischen Stützpunkten Atomwaffen gelagert sind, dürfen uns nicht ruhen lassen.« Die linke Opposition im Parlament definierte Kreta fortan als einen »unversenkbaren Flugzeugträger der USA«. Ein Status, den der in Chania geborene Sohn des alten Mitsotakis offenbar keineswegs verändert sehen möchte.
Während sich laut der Lokalzeitung Chaniotika Nea in den vergangenen Tagen rund 4.400 Matrosen und Piloten der »Gerald Ford« auf ihrem 333 Meter langen Schiff »erholten und vorbereiteten«, gibt es auch Berichte der anderen Art. So schreiben etwa die Economic Times und die Navy Times, dass es auf dem Schiff ein Problem mit dem Abwassersystem, sprich den Toiletten, gebe und die Besatzung zunehmend frustriert sei. Und: Zeitgleich mit dem Anlegen des Kriegsschiffs sind am Montag bei rauer See an der Südküste Kretas »Dutzende Menschen ertrunken«. Sie hatten versucht, vor der Hunger- und Kriegskatastrophe im Sudan nach Europa zu fliehen.
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