Die neuen Hohepriester
Von Hansgeorg Hermann
So einen frommen Häftling hatte die Pariser Strafanstalt La Santé selten hinter Gittern. Der Delinquent – der frühere französische Staatschef Nicolas Sarkozy – wurde am 21. Oktober ins Centre pénitentiaire de la Santé eingeliefert, einen Knast für harte Kriminelle im 14. Bezirk der französischen Hauptstadt. Seine Verurteilung im September wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung – es ging um die illegale Finanzierung seiner Präsidentschaftskampagne in den Jahren 2006 und 2007 durch den damaligen libyschen Machthaber Muammar Al-Ghaddafi – hat ihm in erster Instanz fünf Jahre Gefängnis beschert. Das Gericht bestand auf sofortiger Vollstreckung, noch vor der Berufungsverhandlung, die Sarkozys Anwälte selbstverständlich sofort verlangten. Was die Öffentlichkeit bis dahin nicht wusste: Der Mann, der 2006 als Innenminister die von Armut und Beschäftigungslosigkeit geprägten Vorstädte im Pariser Nordosten, in denen viele Muslime leben, mit dem Hochdruckreiniger ausmisten und das dort vermutete jugendliche »Gesindel« einsperren oder lieber gleich aus dem Land jagen wollte, ist offenbar gottesfürchtig und tief katholisch.
Kaum in seiner zwölf Quadratmeter kleinen Zelle angekommen, kniete er nieder, wie er es in seinem jüngsten Buch »Tagebuch eines Gefangenen« beschreibt, und bat den Allerhöchsten um die Kraft, »diese Ungerechtigkeit auszuhalten«. Wie viele seiner Knastbrüder in den benachbarten Unterkünften glaubt er sich zu Unrecht eingesperrt. In die »Santé« hat er zwei Bücher mitgenommen: Das erste ist Alexandre Dumas’ »Graf von Monte Christo« – die fiktive Geschichte des jungen Seemanns Edmond Dantès, des Unschuldigen, den eine korrupte Justiz im Jahre 1815 auf die Gefängnisinsel Château d’If verfrachtet hat, wo er im tiefsten Kerker überleben muss und aus dem er erst nach 14 Jahren entkommen kann. Das andere Buch ist, mit Blick auf einen Politiker seiner Statur ziemlich überraschend – eine Biographie des christlichen Heilsbringers mit dem schlichten Titel »Jésus«.
Nach rechts gerückt
Geschrieben hat den im Oktober 2011 im damals noch hoch angesehenen Verlag Fayard erschienenen 690 Seiten langen Wälzer der heute 80 Jahre alte, rechtskonservative Historiker Jean-Christian Petitfils. Die Kritiker loben es, insbesondere Religionsexperten wie der Pater Laurent-Marie Poquet du Haut-Jussé, für den das Buch ein »Meisterwerk« ist, »ein eindrucksvolles Zeugnis, (geprägt) von der Intelligenz der historischen Wahrheit, die die Gläubigen erleuchtet sowie alle Menschen guten Willens« (L’Homme Nouveau, 15.11.2011). Petitfils, das gehört zu dieser Geschichte dazu, ist Mitglied der 2008 gegründeten, sich »intellektuell« nennenden, erzkonservativen Académie catholique de France. Die dort versammelten »Geistesgrößen« verwerfen die 1965 vom Reformpapst Johannes XXIII. ausgerufene Ökumene, das gemeinsame Wirken aller christlicher Kirchen. »Ihr Papst« ist, neben dem verrufenen Oberhirten während des Zweiten Weltkriegs Pius XII., der religionspolitisch einseitige deutsche Spalter Benedikt XVI., vormals Kardinal Joseph Aloisius Ratzinger.
Ob der Gefangene Sarkozy es geschafft hat, Petitfils’ Konvolut bis zu Ende zu lesen, hat er nicht überliefert. Denn in der nach drei Wochen schon wieder beendeten Gefängnishaft hat er vor allem selbst zur Feder gegriffen. Der 70jährige Sarkozy wurde »aus Altersgründen« nach nur 20 Tagen entlassen, verblieb allerdings bis zur folgenden Berufungsverhandlung im kommenden Frühjahr unter Kontrolle der Justiz. Nun feiert der Freigänger seine Auferstehung als neuer Star der politischen Literatur. Sein »Verleger« ist kein anderer als der streng katholische Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré, dessen Konzernkonglomerat Vivendi sich im Dezember 2024 auch die reputierte Edition Fayard samt Jesus-Biographie und Mutterverlag Hachette unter den Nagel gerissen hat. Am 17. Dezember 2025 meldete das Fayard-Pressebüro, dass sich Sarkozys »Tagebuch« bereits 100.000mal verkauft habe. Bei einem Einstieg von, nach Verlagsmitteilung, 200.000 Exemplaren ist das schon die Hälfte der ersten Auflage und das Versprechen auf eine zweite – zweifellos ein sensationeller Erfolg für ein 210 Seiten dünnes Büchlein, in dem ein vermeintlich abgehalfterter Politiker sich hauptsächlich über die Justiz und linke Journalisten beklagt.
Bolloré, der schon länger mit Sarkozy befreundet ist, lässt dessen »Tagebuch« im Verlagskatalog an die Seite anderer wichtiger Literaten rücken. Zu finden sind dabei aber auch – ganz nach Bollorés Geschmack – zwei Männer aus dem extrem rechten politischen Lager: der bekennende Faschist Éric Zemmour, 67 Jahre alt, mit seinem Titel »La messe n’est pas dite« (Die Messe ist noch nicht gelesen) und Jordan Bardella, 29 Jahre alt und Chef der extremen rechten Partei Rassemblement National (RN) mit »Ce que veulent les Français« (Was die Franzosen wollen). Weder die beiden noch Sarkozy sind meisterliche Schreiber. Als Demagogen sind sie dem Mäzen, der sie finanziert, jedoch nützlich. Bolloré ist einer der neuen politisch-religiösen »Hohepriester«, die das Land bereits weit nach rechts und wieder hin zum Katholizismus gerückt haben. Dass seine Prediger, ob der katholische Bardella oder der jüdische Zemmour, nicht immer im selben Tempel gebetet haben, scheint in dieser Phase seines reaktionären Projekts von eher zweitrangiger Bedeutung zu sein.
Ein Blick zurück in die Vergangenheit des dritten Protagonisten Bollorés: Nicolas Sárközy de Nagy-Bocsa, genannt Sarkozy, ist ein Sohn ungarischer Einwanderer, Spross katholischer Eltern und Enkel eines jüdischen Großvaters aus Saloniki. In jungen Jahren war er Bürgermeister des Pariser Nobelbanlieues Neuilly-sur-Seine, später Deputierter der Nationalversammlung, Innen-, Finanz- und Wirtschaftsminister, Parteichef der bürgerlichen Rechten, die erst UMP (Union pour un mouvement populaire) und danach LR (Les Républicains) hießen, bevor er schließlich am 16. Mai 2007 Président de la République wurde. Gewählt haben ihn fromme französische Christen – auch weil er katholisch ist. Empfohlen haben ihn streng-jüdische Pariser Gemeinden – auch weil die Wurzeln eines Teils der Familie bis zu den vor 500 Jahren aus dem katholischen Spanien vertriebenen nordgriechischen Sephardim führen.
Zurück zur »Sittsamkeit«
Die neue Bedeutung der Religion ist im laizistischen Frankreich eigentlich ein Sakrileg. Denn seit 120 Jahren gilt in den die Nation repräsentierenden drei Republiken – insgesamt sind es seit der Revolution von 1789 fünf – das Gesetz vom 9. Dezember 1905. Dieses trennt Kirche und Staat, es verbietet religiöse Symbole aller Glaubensrichtungen im öffentlichen Raum, seien es christliche Kreuze, jüdische Davidsterne oder muslimische Gebetsketten. Frankreich ist bis heute das einzige Land in Europa, in dem die Politik gänzlich ohne Jesus, Jahwe oder Allah auskommen muss; ein Land, in dem nicht auf die Bibel geschworen wird, auch im Gerichtssaal nicht, und in das der Papst nicht als »Heiliger Vater« auf Besuch kommt, sondern nur als politischer Chef des Vatikanstaates.
Dennoch durchdringt vor allem der Katholizismus, für viele Franzosen die vermeintlich einzig wahre Lehre, die wichtigsten Politiker. Der aktuelle Staatschef Emmanuel Macron ist ebenso in christlichen Privatschulen sozialisiert worden wie seine Frau Brigitte, die er als Lehrerin im Jesuitenseminar seiner Heimatstadt Amiens kennenlernte. Sarkozys halbe Regierung gab sich offen katholisch und ging unter den Fahnen der reaktionären Bewegung »La Manif pour tous« (Demonstration für alle) gegen die Befürworter der homosexuellen Ehe (»Le mariage pour tous«, Heirat für alle) auf die Straße. Der neue Star der bürgerlichen Rechten, der erzkatholische, gegen Immigranten wütende Bruno Retailleau, der bis vor einigen Wochen noch Innenminister war, macht aus seiner christlichen Überzeugung auch in der Nationalversammlung keinen Hehl. Sarkozys Premierminister von 2007 bis 2012, François Fillon, ist nicht nur ein wegen Korruption verurteilter Straftäter, sondern auch ein nach eigenem Verständnis »wahrer Anhänger« Jesu und wollte 2017 als Präsidentschaftskandidat das Land zurück in eine »christliche Sittsamkeit« führen.
Zu fürchten hat sich das Land allerdings eher vor jenen, die hinter einem Macron, einem Sarkozy, Fillion oder Retailleau die Fäden ziehen. Vor einem Bolloré also, der mit seiner inzwischen gewaltigen Medienmacht (TV-Kanäle, Radiostationen, Zeitungen, Buchverlage) den öffentlichen Diskurs zu dominieren droht. Oder vor einem ebenfalls katholischen Pierre-Edouard Sterin, der es mit dem Verkauf schnöder Geschenkkartons zum Milliardär gebracht hat und mit seinem erzreaktionären Thinktank »Périclès« nicht nur die »Rechristianisierung« Frankreichs vorantreiben, sondern auch den »ideologischen und politischen Sieg« sowie die »Allianz zwischen der extremen und der bürgerlich-konservativen Rechten garantieren« will. Sterin, dessen »Périclès«-Programm stark an das »Project 2025« der US-amerikanischen Heritage Foundation erinnert, wird von linksliberalen französischen Zeitungen wie Le Monde oder Libération, aber auch von der christlich geprägten Zeitung La Croix, längst als bedeutend gefährlicher eingestuft als sein Betbruder Bolloré.
Eine reaktionäre Minderheit, die im religiösen Kostüm Politik beeinflusst? »Wir sind in der Tat weit entfernt von einem Mainstream-Katholizismus«, sagte Luc Rouban, Pariser Politologe und Forschungsdirektor am Institut für politische Wissenschaften (Science Po), im jW-Interview (vgl. junge Welt vom 15.6.2024). »Politisch wird Sterins Katholizismus repräsentiert von Marion Maréchal (Nichte Marine Le Pens, der parlamentarischen Anführerin des extrem rechten Rassemblement National, jW), die zur Partei ›Reconquète!‹ Zemmours gehört. Es gibt also zunächst keine Investition der Katholiken in die extreme Rechte, sondern eine Aktivierung des reaktionären, antirevolutionären Katholizismus durch die am meisten ›identitären‹ Parteien der extremen Rechten. Bolloré hat sich der Kommunikation und der ideologischen Arbeit für die Rechristianisierung Frankreichs angenommen.«
Der italienische Philosoph Luciano Canfora hatte unlängst in einem anderen jW-Interview (vgl. junge Welt vom 24.9.2025) betont, was nun auch Rouban anmerkt: Die katholische Kirche Frankreichs selbst habe sich »fundamental aus dem politischen Spiel zurückgezogen. Sterin und Bolloré repräsentieren vor allem den Versuch und den Willen, den Katholizismus im Dienst der extremen Rechten zu instrumentalisieren. Um gegen die Immigration zu kämpfen, um sich auf jenem Feld des Neokonservatismus zu etablieren, das den Trumpismus in den USA ausmacht. Indessen ist der Erfolg des Rassemblement National in Frankreich, aber auch global, nicht einer etwaigen Konversion der Wählerschaft hin zum Neokonservatismus zuzuschreiben. Der Erfolg des RN erklärt sich vielmehr aus der sozialen Situation der Menschen, aus der dürftigen Anerkennung ihrer Arbeit, der Einsamkeit, aus der sozialen Verachtung, der sich ein wachsender Teil der Bevölkerung ausgesetzt sieht. So sich das Unternehmertum nicht verbündet hat mit dem alten Neokonservatismus und dem integristischen Katholizismus, so tendiert es nun allerdings Richtung Allianz mit dem RN, weil ihm die bürgerliche Rechte nicht mehr in der Lage scheint, im Jahr 2027 die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen.«
Gut vernetzt
Wenden wir den Blick wieder zurück auf den Häftling und Freigänger Sarkozy: Kaum dem Knast entwichen, schwärmte er von seiner alten politischen Gegnerin Marine Le Pen, die ihn angerufen habe, um sich mit ihm über die Ungerechtigkeit ihrer beider Verurteilungen zu unterhalten – denn auch sie wurde vor Gericht zurückgeworfen in die politische Wüste und kann, weil zum Verlust des passiven Wahlrechts verdammt, 2027 aller Voraussicht nach nicht erneut als Präsidentschaftskandidatin antreten. Das Kapital, dessen Kandidat und Gefolgsmann Sarkozy auch nach seiner Wahlniederlage gegen den Sozialdemokraten François Hollande im Jahr 2012 immer blieb, hat längst einen Ausweg gewiesen. Nicht nur die steinreichen frommen Katholiken Sterin und Bolloré, auch noch größere Kapitalisten wie Bernard Arnault, Chef des Parfüm-, Mode- und Champagnerladens LVMH, haben sich der bürgerlichen Rechten, die bei Wahlprognosen nur noch etwa acht Prozent erreicht, entfremdet und schauen inzwischen lieber nach ganz weit rechts.
So auch Sarkozy, der seine Partei, die von ihm selbst gegründeten Les Républicains, nur noch in einer »Union der Rechten« überleben sieht – in den Armen der extremen Rechten also und vielleicht der Faschisten. Dem aktuellen Präsidenten der Nation, dem guten Katholiken Macron, scheint es recht zu sein. Noch drei Tage bevor Sarkozy kurz hinter Gittern verschwand, hatte er den Delinquenten zu sich in den Élysée-Palast eingeladen, auf ein Essen mit einem Freund und Ratgeber, wie es hieß.
Auch andere Politiker, etwa der amtierende Justizminister Gérard Darmanin, suchten die Nähe zu Sarkozy. Darmanin besuchte »Sarko« im Gefängnis, kaum dass er dort eingezogen war. Keine Widerworte von Darmanin also oder von dessen Regierungschef Sébastien Lecornu, auch er ein Jünger Sarkozys – der sich übrigens, soweit die Recherchen der Pariser Tagespresse nicht allesamt falsch sind, nicht nur mit der ewigen »Gegnerin« Marine Le Pen, sondern auch mit deren jungem Kronprinzen Bardella in scheinbar bestem Einvernehmen das eine oder andere Mal zum Mittagsmahl getroffen hat.
»In der Tat«, sagt der wissenschaftliche Beobachter Rouban, »bietet uns Sarkozy hier eine endzeitliche Positur. Er dramatisiert die politische Krise in Frankreich, um sich zum messianischen Wortführer einer notwendigen Erneuerung zu machen. Die religiöse Perspektive nutzend, gewährt er dem Volk den Blick auf eine angeblich historische Tragödie, in die das Land stürzen könnte – mit ihm als Garant seiner Wiederauferstehung. Da er als ehemaliger Präsident der Republik auftritt, stellt sich die Frage nach der verpflichtenden Laizität nicht mehr. Ich erinnere auch daran, dass das Gesetz von 1905 – wem auch immer – in keiner Weise verbietet, seine religiöse Zugehörigkeit oder Überzeugung auszudrücken. Es organisiert eigentlich nur die Trennung von Kirche und Staat und proklamiert Glaubensfreiheit.«
Mehrheitlich religionslos
Dass eine reaktionäre katholische Minderheit – mit politischen Gehilfen wie Sarkozy, Retailleau oder Laurent Wauquiez, dem derzeitigen Fraktionsführer der bürgerlichen Républicains – sich mit viel, sehr viel Geld die Türen zur Macht öffnet, ist ein irrer gesellschaftlicher Kopfstand. Nach Angaben des staatlichen Statistikamts Insee vom Dezember 2023 bekennen sich 51 Prozent aller Franzosen zur Religionslosigkeit, Tendenz steigend. 40 Prozent versichern gar, als Atheisten an überhaupt keinen Gott zu glauben. Was nun die katholischen Wähler anbetrifft, so sind sie in den verschiedenen Lagern der Rechten und extremen Rechten jeweils überdurchschnittlich stark vertreten. Rund 70 Prozent bei den Bürgerlichen, 69 Prozent bei den Faschisten des Éric Zemmour, immer noch 57 Prozent bei Marine Le Pens RN.
Ihr tatsächlicher Erfolg oder Misserfolg ist allerdings an anderen Zahlen abzulesen. Zemmour flog bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2022 mit nur sieben Prozent der Stimmen gleich im ersten Wahlgang aus dem Rennen; Le Pen ging mit 23,15 Prozent in die Stichwahl gegen den heutigen Staatschef Macron und verlor dort deutlich. Doch hinter Macrons Sieg mit 58,5 Prozent steckt eine aus heutiger Sicht bittere Wahrheit: Im entscheidenden Durchgang wählten ihn sogar die Atheisten, wie Statistiker nachwiesen, weil sie einen Erfolg der extremen Rechten verhindern wollten. Der Katholik Macron hat es den »vernünftigen« Gottlosen nicht gedankt.
Ein anderer Aspekt beschäftigte am 120. Geburtstag des Gesetzes von 1905 vor allem Franzosen des eher linken politischen Lagers sowie die großen historischen Beschützer des laizistischen Frankreichs: »Libre pensée« (Freiheitliches Denken), »Ligue de l’enseignement« (Liga der schulischen Erzieher) und »Ligue des droits de l’homme« (Liga für Menschenrechte) feierten zwar gemeinsam vor der Arbeitsbörse im zehnten Pariser Bezirk – bereits das sei »ein kleiner Sieg« gewesen, diktierte die Historikerin Valentine Zuber Journalisten der Tageszeitung Libération ins Notizbuch. Doch die im Gesetz seinerzeit festgeschriebene »Neutralität« des Staates in Religionsfragen drohe seit Jahren ein Vorwand der Erzkatholiken zur Diskriminierung religiöser Minderheiten zu werden: »Identitäre« aus diesem Lager seien längst dabei, die damals als vereinend und freiheitlich gedachte Regel in eine Waffe gegen die Franzosen muslimischen Glaubens, die sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen, umzuwandeln.
Die Väter der großen Gesetze zur Laizität der Nation, erklärte auch die Pariser Rechtsprofessorin Stéphanie Hennette-Vaucher der Zeitung, hätten in der damaligen politischen Landschaft vor allem darauf abgezielt, dem Katholizismus seinen »Status als moralische Autorität« zu entringen. Eine zivilisatorische Errungenschaft, die nun aber von der Macht der genannten Milliardäre und ihrem wachsenden Fußvolk in der Politik und in den Institutionen zunehmend in Frage gestellt und durchaus erfolgreich bekämpft wird. Als Vehikel dient ein neues Identitätsdenken, das aus den christlichen, vom angeblich laizistischen Staat mit vielen Millionen Euro unterstützten katholischen Privatschulen und Universitäten ins öffentliche Leben dringt, der Bevölkerung moralische und soziale Sicherheit verspricht und zugleich Islamophobie verbreitet.
Der inzwischen ganz und gar nicht mehr »neutrale« Staat geht spätestens seit den mörderischen islamistischen Attentaten in Paris – auf das Konzert im Bataclan am 13. November 2015, auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 – gegen die muslimische Minderheit vor, beispielsweise durch das Verbot bestimmter Kleidungsstücke im öffentlichen Raum. Sogar private Unternehmen dürfen ihre »moralisch-gesellschaftliche Überzeugung« durchsetzen, indem sie ihren Lohnabhängigen am Arbeitsplatz bestimmte Kleidung verbieten. Mit fadenscheinigen Argumenten wurde außerdem die Schließung muslimisch geführter Privatschulen in Lille und Lyon forciert.
Weitgehend unberührt blieben dagegen private katholische Etablissements, selbst wenn dort jahrzehntelang sexualisierte Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler ausgeübt wurde: jenes 220 Jahre alte »Lycée Stanislas« im noblen sechsten Pariser Bezirk zum Beispiel, eine Art Institut zur katholisch-moralischen Erziehung der Kinder begüterter Eltern. Oder auch die seit 1837 das Leben vieler tausend Jugendlicher prägende erzkatholische »Institution Notre-Dame de Bétharram« am Fuße der Pyrenäen, wo auch die Kinder des fanatischen Gläubigen und Bürgermeisters der Provinzhauptstadt Pau, François Bayrou, zur Schule gingen. Dort wurde systematisch sexualisierte Gewalt gegen die Schutzbefohlenen verheimlicht, konstatierten Ermittler der Justiz im vergangenen Winter.
Ausgerechnet diesen Mann nun, der über die Jahre in Paris die staatlichen Subventionen für die frommen Priester von Bétharram besorgte – den Bürgermeister Bayrou, den rechtsliberalen Deputierten der Nationalversammlung und Spezi der Konzernbosse und Chef der Partei Mouvement démocrate, der sich im Sommer seine Unschuld in der Causa Bétharram zusammenlog (wie das Internetportal Mediapart nach monatelangen Recherchen im Frühjahr nachwies) –, ausgerechnet ihn ernannte sein politischer Freund Macron im Dezember 2024 zum Premierminister.
Hansgeorg Herman schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. Juli 2025 darüber, wie das Brüsseler Finanzkapital und seine politischen Helfer Griechenland eine Austeritätspolitik aufzwangen: »Das vergebliche ›Nein‹«
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