»Die spanische Rechte fürchtet die Aufarbeitung«
Die deutsche Verwicklung in den Spanienkrieg und der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur. Ein Gespräch mit Ángel Viñas
Sie sind einer der führenden Experten für den Spanienkrieg, Ihr Werk wurde im akademischen Bereich vielfach gewürdigt und ausgezeichnet. In Deutschland scheinen Ihre Forschungen jedoch weniger bekannt zu sein. Worauf führen Sie diese geringere Aufmerksamkeit für ein Thema zurück, bei dem Deutschland eine entscheidende Rolle gespielt hat?
Ich denke, dass die Geschichte des Bürgerkriegs während der Diktatur überwiegend von ausländischen Autoren geschrieben wurde, die keinen Zugang zu spanischen Dokumenten hatten. In Deutschland hat mich der Wissenschaftler Manfred Merkes am stärksten beeinflusst. Ich wollte jedoch keinen Kontakt mit ihm aufnehmen, als ich in Bonn war, weil ich mich nicht von seinen Vorurteilen beeinflussen lassen wollte. Als Diplomat wollte ich die Primärquellen selbst studieren und daraus meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen, um sie anschließend mit den Sekundärquellen abzugleichen. Diese Methode habe ich während meiner gesamten Laufbahn bis in die jüngste Gegenwart beibehalten. Ich bin zudem zu dem Schluss gekommen, dass das die beste Methode ist, um die von der Franco-Diktatur geschaffenen Mythen zu entlarven. Damit will ich nicht sagen, dass ich ausländische Primärquellen vernachlässigt hätte. Ich habe in mehr als vierzig öffentlichen und privaten Archiven in Deutschland, Frankreich, England, Italien, Russland, Belgien und Portugal gearbeitet, ergänzt durch Material aus den Vereinigten Staaten. Das heißt, ein breites Spektrum an Quellen mit Literatur aus mehr als fünfzehn Ländern.
Ihre Monographie aus dem Jahr 1974, »Das nationalsozialistische Deutschland und der 18. Juli«, gilt nach wie vor als Referenzwerk für die Analyse und das Verständnis der deutschen Verwicklung in den spanischen Bürgerkrieg. Inwieweit wurde diese Arbeit von der Zensur und den verlegerischen Einschränkungen unter dem Franco-Regime beeinflusst? Welche Beziehungen bestanden damals zwischen dem noch von Franco geführten Staat und der Bundesrepublik, wo Sie studiert und gearbeitet haben?
Dieses Werk war das Ergebnis meiner Doktorarbeit, die ich in Bonn verfasste, wo ich in den frühen 1970er Jahren als Diplomat tätig war. Der Verlag strich daraus alles, was seiner Meinung nach die Zensur auf den Plan rufen könnte. Er schickte das Manuskript ein, und die Zensur strich kein einziges Komma. Es war ein Frühwerk, doch bereits darin habe ich mich den Darstellungen gewidmet, die in der Literatur der UdSSR und des Ostblocks, insbesondere in der DDR, verbreitet waren, wonach die Nazis den Aufständischen bereits vor dem 18. Juli geholfen hätten. Es war der Anfang eines umfassenderen Projekts, das ich jedoch nicht zu meiner Zufriedenheit abschließen konnte, obwohl ich mich in späteren Werken eingehend mit den Beziehungen zwischen Franco und dem Naziregime während des Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs befasste. Ich musste den Schwerpunkt verlagern, um mich mit dem vieldiskutierten Thema »das Gold aus Moskau« und damit mit den Beziehungen zwischen der Republik und der UdSSR zu beschäftigen.
Da sei noch einmal nachgehakt: Inwieweit war das Hitlerregime an einer Verschwörung oder vorherigen Planung beteiligt, die zum Ausbruch des Konflikts in Spanien führte? Und was die spätere Intervention Deutschlands und Italiens während des Krieges betrifft: War deren militärische, logistische und politische Unterstützung entscheidend für den Sieg der Putschisten um Franco, oder müssen andere Faktoren stärker berücksichtigt werden?
Niemand hat bisher nachweisen können, dass die Hitlerdiktatur den Aufstand vor dem 18. Juli unterstützt hat. Vielmehr war es so, dass Mussolinis Italien die Gegner der Volksfrontregierung vom ersten Moment an unterstützt hat. Zunächst hatte ich selbst einige Zweifel an dieser von mir 1974 dargelegten Version. Doch tatsächlich verhielt es sich so: Es gab im Verlauf der Verschwörung mehrere Versuche, sich an Hitler zu wenden, vor allem im Frühjahr 1936, doch die führten zu nichts. Insgesamt bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Franco ohne die italienisch-deutsch-portugiesische Hilfe und die Zurückhaltung der westlichen, demokratischen Mächte Großbritannien und Frankreich den Krieg nicht gewonnen hätte. Entscheidend dafür war die Politik der Nichteinmischung. In diesem Sinne war der Spanische Bürgerkrieg der große Sieg des europäischen Faschismus.
In Ihrem jüngsten Werk »El oro negro de Franco«, das Sie gemeinsam mit Guillem Martínez verfasst haben, heben Sie einen weniger bekannten Aspekt des Konflikts hervor: die Rolle des US-amerikanischen Erdöls und die von Unternehmen wie Standard Oil und Texaco im Spanischen Bürgerkrieg, die die aufständische Seite ungeachtet der offiziellen Politik der Nichteinmischung unterstützt haben sollen. Welchen Stellenwert messen Sie dieser Unterstützung durch US-Unternehmen im Vergleich zur militärischen Intervention Nazideutschlands und des faschistischen Italiens bei?
Die Unterstützung durch die USA mit Erdöl und dessen Derivaten ergänzte die Hilfe der Achsenmächte in Form von Waffen, Munition und Soldaten zum Vorteil der Putschisten. Das ist das Ergebnis unserer Forschung. Die Republik verfügte nicht einmal annähernd über eine ähnliche Unterstützung.
In den letzten Jahren hat die Debatte über die historische Erinnerung in Spanien sowohl auf dem Feld der Politik wie dem der Wissenschaft große Bedeutung erlangt. Wie bewerten Sie die Entwicklung dieser Erinnerungspolitik im Land? Sind Sie der Ansicht, dass der Prozess im Hinblick auf die Anerkennung der Opfer und den Zugang zur historischen Wahrheit zufriedenstellend vorangekommen ist?
Die Erinnerungspolitik hat gute Ergebnisse erzielt, hätte aber viel besser ausfallen können, wenn sie zügiger, konsequenter und weitsichtiger umgesetzt worden wäre. Die Erinnerung ist untrennbar mit den Ergebnissen der historischen Forschung verbunden, und mehrere Ministerien (vor allem Verteidigung, Inneres und Justiz) zögern weiterhin, alle ihre Archive zu öffnen – nicht nur zum Bürgerkrieg, sondern auch zur anschließenden Repression. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um einen strukturellen Mangel der spanischen Demokratie. Ich gebe anderen Ländern, die sich – besser oder schlechter – mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt haben, keine Schuld. Im allgemeinen sind die Archive zum Bürgerkrieg und zur unmittelbaren Nach-Franco-Zeit zugänglich, auch wenn einige dieser Archive, ich denke dabei an die britischen, zuvor bewusst bereinigt wurden. Nach mehr als dreißig Jahren professioneller Forschung als Historiker bin ich zu einer wenig hoffnungsvollen Schlussfolgerung gelangt: Die spanische Rechte, die im Bürgerkrieg und in der langen Diktatur gesiegt hat, fürchtet die Möglichkeit, dass wir Historiker weiterhin Akten, Dokumente und Gräber finden und anhand dieser Funde das Franco-Regime anprangern.
Ángel Viñas (85) gehört zu den bekanntesten spanischen Historikern der Gegenwart und hat sich vor allem durch seine Forschungen zur Zweiten Spanischen Republik, zum Spanienkrieg und zur Franco-Diktatur einen Namen gemacht. Viñas studierte in Hamburg und Berlin. In den 1970er Jahren gehörte er zu den ersten spanischen Forschern, die systematisch die Akten des ehemaligen Deutschen Reiches auswerteten. Er wurde Wirtschaftsprofessor an der Universität Complutense in Madrid. Seine Untersuchungen führten zu neuen Erkenntnissen über die Beziehungen zwischen den spanischen Militärverschwörern und dem nationalsozialistischen Deutschland vor und nach dem Militärputsch vom Juli 1936. Besonders bekannt wurde Viñas durch seine Untersuchungen zum sogenannten Gold von Moskau. Während der Franco-Diktatur wurde verbreitet, die republikanische Regierung habe die Goldreserven Spaniens an die Sowjetunion verschenkt. Nach umfangreichen Recherchen in spanischen und sowjetischen Archiven kam Viñas zu dem Schluss, dass das Gold hauptsächlich zur Finanzierung von Waffenkäufen für die Republik verwendet wurde.
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