König ohne Land
Vordenker der »Kriegstüchtigkeit«: Vor 75 Jahren starb Marschall Pétain, die große Hoffnung des rechten Frankreich
Der Marschall ist der Mann der Stunde – nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Denn was Minister Boris Pistorius und die Phalanx der staatsnahen Presse Deutschlands der Bevölkerung als »Kriegstüchtigkeit« einbleuen, könnte exakt so aus dem ideologischen Arsenal von Marschall Philippe Pétain stammen. Der Anführer der französischen Kollaboration, vor 170 Jahren geboren und vor genau 75 Jahren gestorben, erscheint nach langer Abwesenheit inzwischen wie ein Zeitgenosse. Auch er bestand darauf, dass die Kriegstüchtigkeit das höchste Ziel der Nation sein müsse. Auch er erblickte in der militärischen Erziehung – im »Erwachsenwerden«, wie der Kommisskopp sagt – ein wesentliches Moment der nationalen Stärke. Zum ersten Mal stellte er seine brandgefährliche Philosophie am 3. Dezember 1934 auf einem Diner der Revue des Deux Mondes vor.
Die Revue hatte in Frankreich eine ähnliche Funktion, wie sie bei uns die FAZ hat: Sie bediente und organisierte das konservative Bürgertum von den Gemäßigten bis zu den Radikalen. Das jährliche Diner der Revue war eine Tribüne für die Spitzen des Staates, so wie es heute das FAZ-Sommerfest ist. Was in den jeweils drei Reden dieses Diners verkündet wurde, gab die aktuelle Tendenz der Bourgeoisie an. Dort also sprach der damals bereits 78jährige Pétain 1934 als Ehrengast.
Obwohl er im selben Jahr zum ersten Mal überhaupt ein politisches Amt – als Kriegsminister – bekleidete und sich vorher ausschließlich zu militärischen Fragen zu Wort gemeldet hatte, wählte er ein dezidiert innenpolitisches Thema: »Die Ausbildung der französischen Jugend«. Diese Ausbildung müsse militärischer, straffer, strenger werden, »kriegstüchtig« eben. Wie »Jugendoffiziere« der Bundeswehr – seit neuestem scharenweise – in den auf dem Papier als neutral ausgewiesenen Raum der Schulen eindringen, um dort für ihre blutigen Anliegen zu werben, so drang der Marschall mit seiner Rede ins bis dahin als laizistisch und republikanisch geltende Bildungssystem seines Landes ein.
Dienen heißt die Parole
Zunächst geißelte Pétain in seiner kurzen Ansprache den früheren Ministerpräsidenten Jules Ferry (1832–1893), der 1882 die »von jeglicher religiösen Vorstellung befreite Ausbildung« durchgesetzt hatte. Denn ohne Religion keine Nation. Im Ersten Weltkrieg habe es sich erwiesen, so Pétain, was für eine Fehlentwicklung der laizistische Unterricht gewesen sei. Es ist typisch für den Pétain der frühen Dreißiger, sich überparteilich zu geben. Anders als der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg, mit dem er oft verglichen wird, berief er sich verschiedentlich auf Linke, hier auf den Sozialisten Jean Jaurès, der gefordert habe, dass die Lehrer des Friedens mit den Führern des Krieges Hand in Hand wirken müssten.
Im faschistischen Italien, im nazistischen Deutschland und in der kommunistischen Sowjetunion, so Pétain weiter, unterwerfe man ohne viel Federlesen die einzelnen den Erfordernissen des Ganzen. »Keine Sorge! Diese Art der Erziehung will ich Ihnen nicht nahelegen. Doch muss zugegeben werden, dass der moderne Krieg die gesamte Nation in den Kampf hineinzieht, die gesamte Bevölkerung Angst und Schrecken aussetzt. Deshalb ist nicht nur von den Soldaten, sondern von allen Männern, Frauen, Kindern eine gründliche moralische Vorbereitung gefordert.« (»Paroles aux Français«; 1941)
Und schon geht es nicht mehr um die Schule allein, schon sprach er davon, alle modernen Mittel der Indoktrination – Presse, Kino, Radio – müssten eingesetzt werden, um die Werte von Disziplin und Selbstlosigkeit im Volk zu verankern. »Dienen« heiße nun die Parole, und er stellte sich vor, dass Presse, Kino, Radio sie mit patriotischer Inbrunst vermitteln (was sie dann auch taten). Damit griff ein Militär in die ideologische Lenkung ein und maßte sich ein Funktionär des Staates dessen Führung an.
Die Parallelen zur heutigen deutschen Situation sind nicht zu übersehen. Am 31. Januar 2025 teilte das Verteidigungsministerium mit, wer unter anderem die »Wehrhaftigkeit« stärken wolle, müsse für das »Zusammenwirken aller relevanten Akteure, Mittel und Instrumente« sorgen, »denn Sicherheit und Verteidigung sind gesamtstaatliche und keine rein militärischen Aufgaben«. Anekdote am Rande: Günter Gaus erzählte 1992 in einem Interview des Schweizer Fernsehens, ein »kluger« Herr aus Bonn habe ihm, als er Ende der 1960er Jahre Programmdirektor des Südwestfunks war, vorgeschlagen, in die nächste Familienserie einen sympathischen Bundeswehrsoldaten einzubauen. Was nun durchgesetzt wird, war schon immer gewünscht.
Nun ließe sich naiverweise vermuten, es könnte durchaus nötig gewesen sein, dass sich Frankreich in den 1930er Jahren gegen den zu erwartenden Überfall Deutschlands wappnet. Aber das verfehlte die wahren Absichten von Pétain, der Adolf Hitler glaubhaft versichert hat, einen Krieg gegen Deutschland nie gewollt zu haben. Zwar hatte Pétain noch im Oktober 1920 vor dem »primitiven Denken« und der Grausamkeit der Deutschen gewarnt. Doch spätestens zehn Jahre später dämmerte es ihm und seiner Klasse, dass der wahre Feind weiter östlich steht: Es war nicht der Nationalsozialismus, mit dem man etliche Werte teilte, sondern der sowjetische Kommunismus. In diesem Sinne erklärte Pierre Laval, Pétains Ministerpräsident, im Juni 1942: »Ich wünsche den Sieg Deutschlands, weil ohne ihn der Bolschewismus überall in Europa einziehen wird.«
Pétains Vater hatte in Paris bei Louis Daguerre das Fotografieren gelernt und trug sich mit dem Gedanken, selbst Fotograf zu werden. Doch dann brach 1848 die Revolution aus und Vater Pétain, der aus einer von jeher entschieden antirepublikanischen Familie stammte, flüchtete zurück aufs Land, ins Artois im Norden Frankreichs, wo er recht bescheiden als Bauer wirtschaftete. Er verschliss zwei Frauen, indem er ihnen unentwegt Kinder machte und dem Pfarrer nach jeder Taufe androhte: »Bis nächstes Jahr!« Deshalb wuchs Philippe Pétain, der vier Geschwister und drei Halbgeschwister hatte, bei den Großeltern auf.
Mittellosen jungen Männern wie ihm blieb kaum eine andere Wahl, als Priester oder Soldat zu werden. Er entschloss sich zur Militärkarriere, trat 1876 in die Infanterie ein und wurde in einer nach Verdienst geordneten Liste der Rekruten als Nummer 404 von 412 geführt. Zwei Jahre später tauchte er erneut in einer solchen Liste auf: »für die Beförderung zum Unterleutnant geeignet«. Diesmal erreichte er Platz 229 von 386. Schneckengleich, aber unbeirrbar kroch er nach oben. Die Beurteilungen waren durchweg freundlich, aber ersparten sich selten die Bemerkung, der Mann sei »ein wenig kalt«.
Die Beförderungen kamen mit dem Dienstalter, nicht mit der Leistung. Pétain führte das darauf zurück, er habe nicht intrigiert, jedoch sei gegen ihn intrigiert worden. Ein Teil der Armeeführung legte nach dem Skandal um den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfus Dossiers über antidemokratische Kräfte an, zu denen auch Pétain gezählt wurde. Dass er als Staatschef unerbittlich nicht nur gegen Juden und Kommunisten, sondern auch gegen Freimaurer vorgehen sollte, erklären manche mit dieser Kränkung; Pétain habe hinter dem liberalen Flügel des Militärs die Freimaurer vermutet.
Wie auch immer, im Jahr 1900 war er zwar Major, aber auch schon 44. Eine Frau hatte der gut aussehende Mann bis dahin nicht gefunden, weil ihn die Eltern sämtlicher interessierten Bräute als zu arm taxierten. In die Firma eines Schwiegervaters einzutreten, kam wiederum für ihn nicht in Frage, er war der Armee versprochen.
Was ihm ein Leben lang vorgehalten wurde – er sei zu kalt, zu vernünftig, zu zurückhaltend, gar ein »Defätist« –, scheint ihm im Ersten Weltkrieg zum Vorteil gereicht zu haben. Anders als die stürmischen Generäle, allen voran sein ewiger Gegenspieler Ferdinand Foch, prüfte er jeweils, ob sich eine Attacke auch auszahle. General Émile Fayolle urteilte, Foch untertreibe die Macht der »Boches«, Pétain übertreibe sie.
Sein wesentlicher taktischer Beitrag zum Kampf um Verdun war es, Nachschub anzufordern, anstatt die eingesetzten Truppen zu zermürben. So konnten die Franzosen die Stellung halten. Der »Sieger von Verdun«, zu dem ihn die Legende machen wollte, war er deshalb nicht. Von »Sieg« zu sprechen, wäre hier sowieso obszön. Verdun war vor Stalingrad das größte Schlachthaus der europäischen Geschichte; etwa eine Million Soldaten wurden von Granaten zerrissen.
Weit mehr zu Pétains Beliebtheit in Armee und Bevölkerung trug bei, dass er die im Mai 1917 aufkommenden Aufstände befrieden konnte. Soldaten hatten Offiziere angegriffen und dabei die Internationale gesungen. Auch Selbstverstümmelungen häuften sich. Pétain sah mehr nackte Not als sozialistische Umtriebe dahinter, verbesserte die Lage der Soldaten umsichtig und reduzierte die 1.412 ausgesprochenen Todesurteile auf 55. Zu einem Menschenfreund machte ihn das nicht. Fayolle erinnerte sich brutaler Befehle Pétains und dessen berechtigter Klage, er müsse »den Schlächter spielen«.
Gewissensbisse scheinen ihn nicht geplagt zu haben. Ohnehin sehen für das Offizierskorps die Kriege anders aus als im Schützengraben: Just als dem frischgebackenen General Pétain der Oberbefehl über Verdun übertragen werden sollte, war er nirgendwo aufzufinden. Sein Adjutant entdeckte ihn schließlich in einem Hotelzimmer mit einer Frau, Eugénie Hardon de Hérain; die Dame heiratete er 1920, mit 64. Da schmückte ihn bereits der Titel eines Marschalls von Frankreich, der ihm 1918 verliehen worden war.
Greis an der Macht
Ende der 1930er Jahre finden wir Pétain als Botschafter in Spanien wieder, wo ihm Francisco Franco trotz der weltanschaulichen Nähe einen eisigen Empfang bereitete. Die spanisch-französischen Beziehungen befanden sich nach der »Retirada«, der Flucht von Republikanern nach Frankreich, auf einem Nullpunkt. Der Botschafter bemühte sich um Zugeständnisse an das faschistische Land, um es zur Neutralität in einem Krieg zu bewegen, der bereits nicht mehr aufzuhalten war. Spanien erklärte sich tatsächlich für neutral, aber es blieb klar, wo die Sympathien seines Generalissimo lagen.
Mitten in dieser diffizilen diplomatischen Mission erreichte Pétain die dringende Aufforderung eines rechten Zirkels, bei nächster Gelegenheit die Regierung zu übernehmen. Er sträubte sich ein wenig, aber es war fast ein »Fait accompli«, man hatte ihm bereits die passenden Minister ausgesucht, darunter den Faschisten Raphaël Alibert, der die Gesetze gegen Juden und Freimaurer ausarbeiten wird. Nicht nur Laval, der von Anfang an im Boot saß, auch Adrien Marquet, der künftige Innenminister, war ein Rechter, der von links kam. Vervollständigt wurde das Schattenkabinett durch Henry Lémery, wie alle andern ein geschworener Antikommunist. Er wird sich allerdings nicht lange als Kolonialminister halten können; die Deutschen mögen nicht, dass er farbige Eltern hat.
War es ein Komplott? Aber gegen wen? Eher darf man dahinter das Kalkül kapitalnaher Kreise vermuten, die mit einer faschistischen Regierung weit besser auskommen als mit irgendeiner Volksfront. Pétain war der ideale Mann, nicht obwohl, sondern weil er so alt war. Er habe einen Namen, er habe ein Prestige und das genüge, wie Laval einem Reporter gegenüber erklärte: »Ich sah, wie respektvoll (Hermann) Göring mit ihm (1935) in Krakau bei der Beerdigung von (Marschall Józef) Piłsudski umgegangen ist.«
Als die Deutschen einmarschierten, erwies sich die Rechte als perfekt auf einen autoritären Staatsumbau vorbereitet. Der überforderte Ministerpräsident Paul Reynaud, ein Konservativer, berief am 18. Mai 1940 Pétain zu seinem Stellvertreter. Am nächsten Tag jubelte der ideologische Führer der französischen Faschisten, Charles Maurras, von der Seite eins der Tageszeitung Action française: »Endlich!« Noch einige Wochen lang glaubten Reynaud und sein Innenminister Georges Mandel an einen Widerstand gegen die Deutschen, aber Pétain setzte sich mit seiner Auffassung durch, wenn nicht um jeden Preis ein Waffenstillstand erreicht werde, drohe ein kommunistischer Umsturz. Reynaud trat zurück, Pétain kam am 16. Juni ans Ruder. Man flüsterte ihm ein, Mandel plane einen Aufstand, er ließ den Minister verhaften. Zwar bemerkte Pétain seinen Irrtum, aber längst war er nicht mehr Herr des Verfahrens. Mandel, der als Jude der Rechten ein Dorn im Auge ist, wird 1944 von einer französischen Miliz ermordet.
Opfer- und Genussgeist
Am 25. Juni 1940 trat der Marschall vor sein Volk, um ihm die mit dem Deutschland Hitlers und dem Italien Mussolinis geschlossenen Vereinbarungen nahezubringen. Pétain sah in der misslichen Lage vor allem Chancen, etwa zu einer »geistigen und moralischen Erneuerung«. Denn was »Opfergeist aufgebaut hat«, habe »Genussgeist« niedergerissen. Nun müßten neue Opfer folgen.
Fünf Tage später sagte Pétain dem US-amerikanischen Botschafter, William C. Bullitt, es treffe sich doch sehr gut, dass »die Parlamentarier, die nicht nur verantwortlich dafür sind, dass es zu dem Krieg gekommen ist, sondern auch dafür, dass Frankreich auf ihn relativ schlecht vorbereitet war, aus der Regierung ausscheiden«. Dieser Logik zufolge hätte er selbst zurücktreten müssen, immerhin war er eine Zeitlang Kriegsminister. In Wahrheit spielte ihm und den Seinen die Invasion der Deutschen in die Karten. Denn nun war nach jahrhundertelangem Warten die Gelegenheit gekommen, der Republik endgültig den Todesstoß zu versetzen. Dazu diente eine eilig eingeführte Verfassung, wesentlich ein Werk Lavals.
Am 8. Juli 1940 erklärte Pétain, erst die neue Verfassung »bringe die Bedeutung der nationalen Revolution in vollem Umfang zur Geltung«. Das parlamentarisch-repräsentative Mehrheitswahlrecht sei »schon lange zum Untergang verurteilt« gewesen. Nun werde ein Staat errichtet, der sich »auf allen Stufen der gesellschaftlichen Hierarchie aus der Auswahl von Eliten organisch« formiere. Ein Volk von Untertanen sollte unter der Oberaufsicht dieser »Eliten« fleißig schuften. Auch wenn der Marschall sich lieber auf »Blut und Boden« bezog als auf den Kapitalismus, ließ sich sein autoritäres System mit einer kapitalistischen Wirtschaftsweise bequem vereinbaren.
Hauptstadt des kollaborierenden Frankreichs war die Kurstadt Vichy im Süden. Der ganze Norden des Landes wurde von den Nazis kontrolliert. Seine Sitzungen hielt der Marschall in einem Pavillon der Madame de Sévigné ab, einer bedeutenden Schriftstellerin aus der Epoche des Sonnenkönigs. Pétain selbst fühlte sich wie ein König und begann seine Erlasse stets mit »Wir, Philippe Pétain, Marschall von Frankreich«.
Das erste Jahr seiner königlichen Herrschaft traf auf den Gleichmut, wenn nicht sogar das Wohlwollen der Bevölkerung. Jean Renoirs in Frankreich unbeliebter Spielfilm »This Land Is Mine« (1943) zeigt, was Marcel Ophüls’ ebenso unbeliebte Dokumentation »Le Chagrin et la pitié« (»Das Haus nebenan«; 1969) belegt: Die Oberklasse profitiert von der Besatzung, die Unterklasse zog meistens den Kopf ein. Der sozialistische Politiker Pierre Mendès France erinnert sich in Ophüls’ Film daran, in höheren Kreisen habe man mit der Ansicht kokettiert, Hitler sei Léon Blum, dem jüdischen Anführer der Volksfront, vorzuziehen.
Bereits Anfang Oktober 1940 wurden antisemitische Gesetze erlassen, die Jüdinnen und Juden von Verwaltung, Lehre, Armee und Presse ausschlossen. Sie durften von nun an in »speziellen Lagern« eingesperrt werden. Die Gesetze waren schärfer als die zur gleichen Zeit im besetzten Frankreich von den Deutschen erlassenen. Als die Briten in Mers-el-Kébir die französische Flotte angriffen und fast 1.300 Seeleute dabei umkamen, konnte Pétain, ohne noch Protest hervorzurufen, in Montoire (Loire) mit Hitler die Kollaboration bekräftigen und hinterher erklären: »Bislang habe ich zu euch wie ein Vater gesprochen. Nun schlage ich den Ton des Oberhaupts an: Folgt mir. Bewahrt euch euer Vertrauen ins ewige Frankreich!« Zunächst verfing das.
Gegen die Bolschewisten
Die Stimmung in der Bevölkerung kippte erst Ende 1941, als die wirtschaftliche Lage sich dramatisch verschlechterte, die versprochene Rückführung der Kriegsgefangenen ausblieb und die Nazis immer brutaler durchgriffen. Im Pas-de-Calais wagten die Bergarbeiter im Mai 1941 einen Streik. Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion am 22. Juni schlossen sich die französischen Kommunisten der Résistance an. Und zu einem Fiasko geriet der gegen Protagonisten der Volksfront angestrengte Prozess von Riom. Als 1942 endlich in Riom verhandelt wurde, deuteten längst viele Finger auf Pétain, der, nervös geworden, die Verwaltung säubern ließ.
Noch im selben Jahr musste er die Macht schrittweise an Laval abgeben, den er zuvor vergeblich abzuschütteln versucht hatte. Laval, der überzeugte Antikommunist, war auch ein überzeugter Antisemit und sorgte persönlich dafür, dass über 4.000 jüdische Kinder vergast wurden. Immerhin blieb Pétain der selbst ernannte Vater der Nation, die er in einer Radioansprache vom 4. April 1943, ähnlich wie zuvor Laval, in die sich bereits formierenden Divisionen des Kalten Krieges einrückte: »Käme er an die Macht, zerstörte der barbarische Kommunismus unsere Zivilisation und unsere nationale Unabhängigkeit für immer.« Deshalb liege das Schicksal Frankreichs in der Hand der Französinnen und Franzosen (und, unausgesprochen, in der der Deutschen). Über 300.000 seiner Landsleute, darunter allein 70.000 Jüdinnen und Juden, verloren während seiner Herrschaft ihr Leben.
Das hat einflussreiche Rechte wie Éric Zemmour oder Jean-Marie Le Pen nicht davon abgehalten, die Legende des Marschalls fortzuspinnen. Zwar distanzieren sich die heutigen Führer des Rassemblement national von dieser Nostalgie. Doch unterscheidet sich dessen Programm lediglich durch seinen Neoliberalismus vom Pétainismus und dessen Dreiklang »Arbeit, Familie, Vaterland«, auf den sich der alte Le Pen noch im Wahlkampf 2002 bezog.
Auch ein Personenkult wirkt lange nach. Pétain stilisierte sich in »seniler Eitelkeit« – wie einer seiner Anhänger, der Historiker Lucien Romier, formulierte – zu einer zweiten Jeanne d’Arc. Laut einem Gesetz vom Juli 1941 mußten auf jedem seiner Porträts seine blauen Augen, sein »stählerner Blick« hervorgehoben werden. Man erkennt ihn auf »Ohne Titel (General mit Zigarre)« (1970) von Marcel Broodthaers: Dem in Öl gemalten Kollaborateur hat der Künstler mit einer Zigarre das Maul gestopft.
Während Pierre Laval wegen Hochverrats hingerichtet wurde, wurde Philippe Pétains Todesurteil in eine Haft auf der Île d’Yeu umgewandelt. Auf der Atlantikinsel starb er am 23. Juli 1951 im Alter von 95 Jahren. Sein Fall lehrt, dass sich hinter der Forderung nach »Kriegstüchtigkeit« manchmal weniger militärische als vielmehr autoritäre Absicht verbirgt.
→ Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 3. Juli 2026 über die Eigenarten US-amerikanischer Ästhetik: »Maschinen im Raum«.
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