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Sie gerieten auf dem Meer unter Beschuss?
Nicht die Seenotretter, sondern die EU-Staaten arbeiten mit Kriminellen zusammen, erklärt Julia Winkler
Bild und Welt berichteten in großer Aufmachung über einen Rettungseinsatz von Sea-Watch vom 11. Mai vor der libyschen Küste. Ein Video würde zeigen, dass Ihr Team mit »Schleusern« zusammenarbeitet. Was war das für ein Einsatz?
Unsere Crew rettete 90 Menschen in internationalen Gewässern aus akuter Seenot. Zwei waren bewusstlos, mehrere unter Deck eingeschlossen, Rettungsmittel fehlten. Die Lage war eindeutig – und unsere Pflicht zu helfen ebenso. Maskierte Männer an Bord machten die Situation zusätzlich gefährlich, und ein deeskalierendes Vorgehen war entscheidend. Wir haben die italienischen Behörden bereits während der Rettung vollständig informiert – auch über die fünf maskierten Männer an Bord. Was jetzt passiert, ist ein bekanntes Muster: selektive Bilder, gezielte Leaks an rechte Medien und der Versuch, zivile Seenotrettung zu diffamieren.
Alexander Throm, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, bezweifelte, dass es sich überhaupt um ein Boot in Seenot handelte, und will auf dem Video ein kooperatives Zusammenwirken Ihres Teams mit den »Schleusern« gesehen haben.
Throm hat erkennbar absolut keine Ahnung von der Thematik. Für einen Seenotfall gelten klare rechtliche Kriterien: bedrohte Menschenleben, medizinische Notfälle, ein überfülltes Boot oder fehlende Rettungsausrüstung. All das war hier gegeben. Dass die Rettung ruhig und kontrolliert wirkt, war das Ergebnis professionellen Handelns unter gefährlichen Bedingungen. Unsere einzige Aufgabe als zivile Rettungsorganisation bestand darin, weitere Gefahren zu verhindern und Menschenleben zu retten.
Die AfD-Kovorsitzende Alice Weidel klinkte sich prompt in die Kampagne ein. Auf der Onlineplattform X schrieb sie, das Video bestätige den Verdacht, dass Seenotretter »Hand in Hand« mit kriminellen Banden Migranten nach Europa schleusten.
Alice Weidel ist Vorsitzende einer Partei, die bundesweit als »rechtsextremistischer Verdachtsfall« geführt wird. Dass sie diese Hetzkampagne bereitwillig aufgreift und weiter befeuert, überrascht nicht. Weidel sollte sich auf das drohende Verbotsverfahren ihrer Partei konzentrieren und wir konzentrieren uns darauf, Menschen aus Seenot zu retten.
Die Kampagne soll die Arbeit von Sea-Watch und anderen Organisationen in Verruf bringen. Throm wärmte die These vom »Pull-Faktor« auf, also der Sogwirkung. Demzufolge locken Ihre Aktivitäten Geflüchtete aufs Meer. Ist das nicht längst widerlegt?
Das ist mehrfach widerlegt. Selbst die EU-Grenzagentur Frontex stellte unlängst klar, dass Menschen nicht aufgrund von Rettungsschiffen die Flucht antreten. Solange sichere und legale Fluchtwege fehlen, werden Menschen weiterhin gefährliche Überfahrten wagen. Die Abschottungspolitik der EU hält niemanden davon ab, vor Krieg, Verfolgung und Perspektivlosigkeit zu fliehen. NGO-Rettungsschiffe erhöhen die Überlebenschancen von Menschen, die bereits auf See sind. Das ist der einzige nachweisbare Zusammenhang. Wer konsequent widerlegte Behauptungen wiederholt und belastbare Erkenntnisse ignoriert, betreibt aktiv Desinformation.
In dem Video wird nicht gezeigt, was hinterher geschah. Sie gerieten unter Beschuss.
Ja. Auffällig ist, dass Frontex vor Ort war, um die Rettung zu filmen, und dass diese Aufnahmen später an rechte Medien durchgestochen wurden. Kurz vor dem Eintreffen der sogenannten libyschen Küstenwache – also unmittelbar bevor auf uns geschossen wurde – zog sich Frontex jedoch zurück. Der gesamte Ablauf hinterlässt daher mehr als nur einen schalen Beigeschmack.
Ist es nicht tatsächlich die EU, die mit Kriminellen zusammenarbeitet, indem sie die libyschen Milizen finanziert?
Italien und die EU finanzieren mit Hunderten Millionen an Steuergeld ein System schwerster Menschenrechtsverletzungen – darunter libysche Milizen. Sie fangen Menschen gewaltsam ab, schießen auf Flüchtende und Rettungscrews und verschleppen Menschen in Lager, deren Zustände das Auswärtige Amt als »KZ-ähnlich« bezeichnet hat. Dass nun ausgerechnet diejenigen laut eine »Zusammenarbeit mit Kriminellen« beklagen, die zu dieser Gewalt schweigen oder sie sogar ermöglichen, ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Es gibt organisierte Kriminalität im Mittelmeer. Doch die Täter tragen Anzüge und Uniformen, keine Schwimmwesten.
Julia Winkler ist Sprecherin der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch.
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