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Al-Dschasira kündigt Gaza-Reporter
Nicht nur im Westen, auch bei den Direktoren in Katar schwindet das Interesse an der Lage in Gaza
Aus Gaza zu berichten wurde nach dem 7. Oktober 2023 der gefährlichste Job für Journalisten. Internationale Medien wurden von Israel nicht mehr ins Gebiet gelassen; die einheimischen Journalisten wurden zu Zielscheiben. Laut Untersuchungen des Committee to Protect Journalists (CPJ) vom 11. Juni wurden seit Beginn des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung sowie des Irankrieges am 28. Februar dieses Jahres in Gaza, in der Westbank, im Jemen, im Libanon und im Iran mindestens 263 Journalisten und Medienschaffende getötet. »Israels Missachtung des Lebens von Journalisten – und der internationalen Gesetze zu ihrem Schutz – ist beispiellos. Israel hat seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1992 mehr Journalisten getötet als jede andere Regierung. Damit ist dieser Krieg der tödlichste für Journalisten in der Geschichte der USA«, so das CPJ. »In Gaza ist Reporter zu sein nicht nur die Wahl eines Berufs; es ist potentiell auch eine Entscheidung über Leben und Tod«, schrieben Majdolin Hasan und Wadih Sabbagh im April im Global Investigative Journalism Network.
Besonders der in Katar ansässige Sender Al-Dschasira wurde für viele zum Referenzpunkt. Über den Tochtersender Al-Dschasira Mubascher wurden ab dem Spätherbst 2023 rund um die Uhr Livebilder aus Gaza sowie von propalästinensischen Aktionen weltweit gesendet. Al-Dschasira Mubascher, bereits 2005 gegründet, war der erste Livesender im arabischen Raum. Nach dem Vorbild von BBC Parliament und Phoenix TV übertrug er zunächst überwiegend Parlamentssitzungen aus dem arabischen Raum. Später entstand kurzzeitig ein nicht mehr existierender Schwestersender für Parlamentsdebatten aus Ägypten. Nach der Programmumstellung im Herbst 2023 lief Al-Dschasira Mubascher in vielen Kaffeehäusern, Shoppingmalls und Friseursalons im arabischen Raum. Die ganze Welt sah die Bilder der Reporter des Senders aus Gaza.
Damit ist nun Schluss: Nicht nur im Westen schwindet das Interesse an der Lage in Gaza, die nach wie vor von Tod, Hunger und Leid geprägt ist, sondern auch bei den Direktoren von Al-Dschasira in Katar. In den vergangenen Tagen hat der Sender nahezu allen seinen Mitarbeitern in Gaza gekündigt. Darunter sind 25 Journalisten, die für den arabischen Kanal gearbeitet haben, und das gesamte Team des englischsprachigen Kanals, wie ehemalige Al-Dschasira-Journalisten in Gaza in den sozialen Medien berichten. Laut dem Nachrichtenportal Gaza24Live wurde den Medienschaffenden zwar versprochen, dass sie weiterhin für den Sender arbeiten könnten, ihnen wurde jedoch kein neuer Vertrag angeboten. Statt dessen wurde ihnen offeriert, als freie Mitarbeiter für eine Privatfirma zu arbeiten, die ihr Material anschließend an andere Medien weiterverkauft.
Das Portal Megaphonenews berichtet, dass vielen ehemaligen Al-Dschasira-Mitarbeitern ohne Vorwarnung gekündigt wurde: »Das Telefongespräch dauerte 15 Sekunden. Sie sagten, ich sei gefeuert, mehr nicht. Kein Danke oder sonst etwas«, erzählt Mahmoud Shalha in einem Onlinevideo.
Es war bereits die zweite Kündigungswelle von Al-Dschasira in Gaza. Im Mai wurde die Zusammenarbeit mit vier Mitarbeitern beendet. Unter den Entlassenen sind auch bekannte Korrespondenten wie Mahmoud Aliwa, der aus dem belagerten Al-Shifa-Krankenhaus berichtete und anschließend ein Jahr in israelischer Haft saß.
Das libanesische Portal Vocal Politics (VPol) vermutet, dass es sich um eine politische Entscheidung aus Katar handelt: Al-Dschasira würde die außenpolitischen Interessen Katars vertreten und dem Druck Israels nachgeben. Zuletzt hätten sich die palästinensischen Fraktionen von ihrer engen Verbindung zu Katar gelöst und sich wieder stärker an Akteuren im Libanon und im Iran orientiert. Die Entscheidung des Senders, die Berichterstattung aus Gaza zu beenden, hänge damit zusammen, vermutet VPol.
»Al-Dschasira hat sich durch die Arbeit und Opfer der Journalisten in Gaza einen weltweiten Ruf erarbeitet und immensen Wert geschaffen, nur um sie nun im Stich zu lassen, während der Völkermord andauert«, kritisiert VPol und fragt, ob das Interesse des Senders den Palästinensern galt oder der medialen Verbreitung katarischer Politik zu Gaza. Von Al-Dschasira liegt bisher keine Stellungnahme zu den Entlassungen vor.
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