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Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 6 / Ausland
Angriffe auf Syrien

Israel fordert Iran heraus

Militärinstitut in Tel Aviv empfiehlt Vorbereitung auf einen Dreifrontenkrieg – in Syrien, im Libanon und im Gazastreifen
Von Knut Mellenthin
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Nächste Kriegsziele? Wegweiser auf einem Aussichtspunkt in den von Israel besetzten Golanhöhen (21.1.2019)

Die meisten Medien Israels befinden sich seit drei Tagen im Siegesrausch. In der Nacht vom Sonntag zum Montag hatte die israelische Luftwaffe mehrere Ziele in Syrien angegriffen, bei denen es sich zum Teil um Militäranlagen der iranischen Revolutionsgarden gehandelt haben soll. Die Presse berichtet, dass »Iran in Israels Falle getappt« sei, und schwärmt von einem »Knockout-Sieg über den Iran«, den der neue Stabschef Aviv Kochavi errungen habe. Diese Darstellung wäre sogar dann maßlos übertrieben, wenn die Angaben der Militärsprecher stimmen würden, dass Waffen- und Munitionslager, ein Ausbildungszentrum und eine Geheimdienstanlage der Iraner zerstört worden seien.

Der Ablauf der Ereignisse stellt sich nach den bisherigen Angaben der israelischen Streitkräfte so dar: Am Sonntag habe es gegen Mittag, also bei Tageslicht, einen »erfolgreichen« Luftangriff auf ein Ziel in Syrien gegeben. Normalerweise operiert die israelische Luftwaffe nur nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden. Etwa eine Stunde später sei aus der Gegend von Damaskus eine einzelne Rakete in Richtung der von Israel seit 1967 besetzten Golanhöhen abgeschossen, aber vom Luftabwehrsystem »Eiserne Kuppel« zerstört worden.

Weiter wird in den Medien erzählt, die Iraner hätten sich mit diesem Raketenabschuss für die zahlreichen israelischen Luftangriffe auf ihre Soldaten und ihre Militäranlagen in Syrien rächen wollen. Der Einsatz dieser Rakete sei schon seit Monaten vorbereitet und von der israelischen Aufklärung ständig beobachtet worden. Durch den vorangegangenen Luftangriff seien die Iraner zum vorzeitigen Abschuss der Rakete provoziert worden. Da die israelischen Streitkräfte bestens darauf vorbereitet gewesen seien, hätten sie genau an richtiger Stelle ihre Abwehr plaziert.

Dass die iranischen Revolutionsgarden, wenn sie wirklich Israel angreifen wollten, dafür nur eine einzelne Rakete einsetzen würden und dass dies monatelanger Vorarbeiten bedürfte, liegt allerdings jenseits des Glaubwürdigen. Aber in israelischen Medien wird schon seit mehr als einem Jahr die nahe Gefahr iranischer Vergeltungsschläge beschworen. Das ist leicht als Projektion des eigenen Verhaltens zu erkennen: Für die meisten Israelis ist unvorstellbar, dass die Iraner mehr als hundert Luftangriffe gegen ihre Soldaten in Syrien wegstecken, ohne zurückzuschlagen.

Israels Regierung und führende Vertreter der Streitkräfte sind schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, grundsätzlich über ihren Luftkrieg gegen Syrien zu sprechen, aber noch nie geschah das so offen und konkret in Bezug auf einzelne Angriffe wie diesmal. Das ist ein auffallender Bruch mit der jahrzehntelang gepflegten Tradition, militärische oder geheimdienstliche Aktionen, die Israel zugeschrieben werden, weder zu bestätigen noch zu dementieren.

Das Institute for National Security Studies in Tel Aviv (INSS) hat in der vorigen Woche seine alljährliche Einschätzung der israelischen Sicherheitslage vorgelegt. Das vorgeblich unabhängige Institut, das von dem früheren Chef des Militärgeheimdienstes Amos Jadlin geleitet wird, hält einen »Dreifrontenkrieg« in diesem Jahr für möglich. Gemeint sind damit Syrien, Libanon und der Gazastreifen. Das INSS empfiehlt unter anderem, sich in enger Kooperation mit den USA auf die Möglichkeit einzustellen, dass Teheran das Wiener Abkommen von 2015 kündigt, und für diesen Fall jetzt schon Militärschläge gegen iranische Atomanlagen vorzubereiten. Zugleich müsse Israel bereit sein, seinen Luftkrieg gegen Syrien auf den Libanon und sogar direkt auf den Iran auszuweiten. Das Institut rät zudem, Waffenfabriken der Hisbollah im Libanon anzugreifen und, da dies vermutlich zu militärischen Konfrontationen führen werde, die »Heimatfront« auf einen »Krieg großen Umfangs« im Norden vorzubereiten.

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