Maly Trostinez mahnt
Das war der 4. Antifaschistische Kongress in Minsk
Seit mehreren Jahren lädt das belarussische Verteidigungsministerium regelmäßig zum »Internationalen Antifaschistischen Kongress« ein. Zum vierten Mal folgten in diesem Jahr – 85 Jahre nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion – diesem Aufruf Hunderte Delegierte und kamen von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche zusammen. Einerseits wurden bei dem Kongress Formen des historischen Faschismus abseits seiner deutschen Variante thematisiert, andererseits schlug insbesondere bei den Programmpunkten zu modernen Faschismusformen unverkennbar die von staatlichen Interessen geleitete Ausrichtung der Veranstaltung durch.
Am ersten Tag des internationalen Forums besuchten die Teilnehmer die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Maly Trostinez. Dort, zwölf Kilometer südlich von Minsk gelegen, befand sich zwischen 1942 und 1944 die größte nazistische Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. In Maly Trostinez ermordete die SS vor allem Juden, Partisanen, politische Häftlinge sowie belarussische Zivilisten. Die Juden stammten aus dem Minsker Ghetto oder wurden aus dem Deutschen Reich deportiert. Wie viele Menschen in Maly Trostinez genau ermordet wurden, ist unklar, nach offiziellen sowjetischen Angaben beläuft sich die Zahl auf 206.500.
Inhaltlich ging es ab Freitag zur Sache. Im Zentralen Offiziersklub fand eine Reihe von Vorträgen statt. Vertreter aus 37 Ländern nahmen teil – darunter neben belarussischen Politikern auch Historiker und militärische Delegationen aus den Mitgliedstaaten der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die Organisatoren steckten sich hohe Ziele, nämlich die Vernetzung »internationaler Kräfte zur Bekämpfung der weltweiten Ausbreitung von Faschismus und Nationalsozialismus sowie zur Verteidigung und Bewahrung der historischen Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg, einschließlich des Großen Vaterländischen Krieges«, wie es in einer Presseaussendung hieß.
Die Tendenz des freien Westens, bei seiner Unterstützung der Ukraine im Krieg mit Russland zunehmend auch die Erinnerung an den Kampf der Sowjetunion gegen den Faschismus entsprechend aktueller politischer Ziele umzudeuten, dürfte ein Auslöser für diese Ausrichtung gewesen sein. So erklärten die Organisatoren gegenüber jW, es sei ein Hauptaugenmerk gewesen, antifaschistische Aktivisten aus Deutschland, Österreich, Ungarn und Italien nach Minsk einzuladen. »Es wird immer nur über den Faschismus in Nazideutschland gesprochen, aber Ungarn, Italien und Österreich hatten ihre eigenen Varianten des Faschismus entwickelt. Es ist wichtig, gerade in diesen Ländern ein antifaschistisches Netzwerk zu etablieren«, sagte ein Sprecher.
Aus Deutschland wurde eine Grußbotschaft von Ulrich Schneider, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten, übermittelt. »Heute müssen wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsverbänden gegen die Kriegsgefahr in verschiedenen Teilen der Welt kämpfen. Kriegsveteranen wissen am besten, dass internationale Konflikte nur durch diplomatische Initiativen und nicht durch immer mehr Waffen gelöst werden können«, so Schneider. Die FIR rufe daher »die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges« dazu auf, sich für einen Waffenstillstand und den Beginn von Gesprächen im Ukraine-Krieg einzusetzen: »Wir haben gesehen, dass insbesondere die NATO-Staaten die Ukraine gezwungen haben, solche Lösungen nicht zu verfolgen – mit allen dramatischen Folgen für die Zivilbevölkerung in der Kriegsregion«, meinte er weiter.
Bei der Abschlusspressekonferenz meinte der belarussische Verteidigungsminister, Generalleutnant Wiktar Chrenin, dass der Nazismus heute in Form von aggressivem radikalem Nationalismus, Russophobie, Revanchismus und Geschichtsfälschung wieder auflebe. Die Ideologie des Faschismus sei nicht besiegt, sondern habe »sich gewandelt und angepasst. Der moderne Nationalsozialismus hat sich in all der Zeit stark verschleiert und sich hinter den Ideen des Kampfes für ›Demokratie und Menschenrechte‹ versteckt«, konstatierte Chrenin mit unverkennbarem Bezug auf die westlichen bürgerlichen Demokratien.
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